Kreuzberger Chronik
April 2009 - Ausgabe 106

Die Literatur

Die viel zu dicke Grete


linie

von Kurt Mühlenhaupt

1pixgif
AM CHAMISSOPLATZ war damals jeder Zweite ein Rentner. Die ganze Woche saßen sie auf den Bänken rundum und schwiegen. Nur ab und zu redete mal einer. Wenn die Sonne schien, saß auf der ersten Bank die Goldelse. Sie hatte früher am Schlesischen Tor eine Kneipe. Ihre Haare schienen noch immer gelb. Um den Ersten rum, da saß sie Stunden beim Friseur. Tauchte sie wieder auf, leuchtete ihr Kopp wie eine Gaslaterne.

Neben ihr saß der alte Franz und brabbelte ständig vor sich hin. Mit seinem Stock und seinem Riesenschnauzer sah er aus wie ein Parkwächter. Über seinem Bauch hing eine goldene Kette mit Taschenuhr dran. Er war die laufende Zeitansage vom Chamissoplatz, denn einer wollte immer wissen, wie spät es ist. Vor allem die Kinder. Denn sie kriegten Kloppe, wenn sie zu spät nach oben kamen.

Die Dritte auf der Bank war Berta Dumke. Ich sah sie dort nur selten sitzen. Meist hing sie an zwei Stöcken und humpelte damit herum. Sie brauchte eine Stunde zum Milchmann rüber und wieder eine zurück. So war sie den ganzen Tag in Bewegung.

Bei der dicken Grete sah es anders aus. Die spazierte nicht herum. Die saß da und wurde immer dicker. Die dicke Grete war so dick, daß sie keine Lust hatte, abends in ihre Wohnung zu gehen. Wenigstens im Sommer schlief sie einfach draußen, direkt auf dem Chamissoplatz und wurde immer träger. Nur zum Essen war sie nicht zu faul. Ein Brot schaffte sie gut auf einmal. Das brachten ihr die Leute, weil sie wussten, wie das ist, wenn man Hunger hat. Die Kleider haben ihr nie gepaßt. Man half ihr und nähte aus zweien eins. So saß sie mitten auf dem Chamissoplatz wie ein bunter Klecks.

Die Grete war sehr beliebt. Einmal, es war in einer lauen Sommernacht, da stand das Fenster weit offen. Ich hörte eine Nachtigall trällern. Aber es war keine Nachtigall, denn als ich rüberging zum Platz, sah ich einen feurigen Italiener, der vor Grete kniete. Ja, so wurde sie verehrt. Aber dann ist folgendes passiert: Wir hatten sie ein paar Tage nicht mehr gesehen. Alle waren wir beunruhigt. Dann hieß es, sie sei gestorben. Wir waren sehr traurig. Es fehlte was auf dem Platz. Aber es kam noch dicker.

Wir standen vor ihrer Kellertür und warteten und wollten sie noch mal wiedersehen. Und dann? Ja, dann stellte sich heraus, daß sie nicht mehr durch die Tür paßte, weil sie so dick war. Die Feuerwehr wurde geholt, man riß die Tür ein, aber das reichte noch nicht, ein Teil der Wand mußte ebenfalls dran glauben. Und dann endlich sahen wir sie, wie sie herausgetragen wurde. Aber keiner wußte so recht, wie er sich verhalten sollte. Darum lachten die einen und die anderen weinten. •

Rund um den Chamissoplatz«, Hrsg. Museum Bergsdorf. Erhältlich ebendort, Tel. 03308850550, Sonntags: Offenes Haus mit Kaffee und Kuchen




zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg