Kreuzberger Chronik
April 2009 - Ausgabe 106

Geschichten & Geschichte

Kurt Mühlenhaupt


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von Werner von Westhafen

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SEINE BILDER VOM LEBEN IM LANGEN SCHATTEN DES 2. WELTKRIEGES UND DER BERLINER MAUER PRÄGTEN DAS BILD KREUZBERGS

KAUM EINER, um den sich so viele Geschichten ranken: Er war der Trödler von der Blücherstraße, der Wirt vom Leierkasten und der Mitbegründer der Berliner Malerpoeten. Vor allem aber war er der Maler mit dem Atelier im ausgedienten Kolonialwarenladen, am Chamissoplatz Nummer 8. Er war aufs Innigste mit seinem Viertel verbunden, und so wie andere Künstler ihre Geliebten malten, malte Mühlenhaupt sein Viertel. Wo immer er ausstellte, ob in Basel oder London, immer hingen neben den eleganten Frauen anderer Maler die »Hinterhoffrauen aus der Blücherstraße« mit ihren »verbrauchten Gesichtern« und »ihren krummen Beinen«. Und wo immer er malte, ob in Manhattan oder in Lissabon, immer wurden die Menschen »auf seinen Bildern zu kleinen Kreuzbergern und Kreuzbergerinnen«.

Geboren wird Mühlenhaupt am 19.1.1921 auf dem Bahnhof von Klein Ziescht. Die schwangere Frau sitzt im Zug von Prag nach Berlin, als die Wehen einsetzen. Aus dem Krieg kehrt er verwundet heim und besucht bis 1948 die Hochschule für Bildende Künste. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit einem alten Leierkasten. Nach ihm benennt er später sein berühmtes Lokal, und sein erster Linolschnitt zeigt einen Leierkastenmann mit Hut. Einem Hut, wie Mühlenhaupt ihn trug.

Die Menschen um ihn, schreibt Erika Schachinger in einer Festschrift anlässlich seines 85. Geburtstags, seien »die Außenseiter, Aussteiger, Menschen am Rande der Gesellschaft« gewesen. Sie interessierten ihn als Maler und als Menschen, immer wieder betonte er, Kunst »für kleine Leute« und fürs schmale Portemonnaie zu machen. Er meinte Drucke, die sich vervielfältigen ließen. Doch beherrschte er auch die Kunst der Vervielfältigung von Ölgemälden, was die Schauspielerin Inge Meysel zu dem Ausspruch verleitete: »Der kopiert sich ja selbst«. Tatsächlich verkaufte er bei Nachfrage auch unfertige Bilder, die dann wenig später um einige Details ergänzt noch einmal auftauchten. Sein Bild vom Flatiron, dem bügeleisenähnlichen Fuller Building in New York, soll er so oft kopiert haben, »dass es am Schluss ein dicker, unkenntlicher Pastellstrich wurde«.

Die ungnädige Kritik kam von Karoline Müller, der Besitzerin der Ladengalerie am Kurfürstendamm, die den Künstler zehn Jahre lang ausstellte. Mühlenhaupt konterte: »Ich gebe zu, dass man als Maler manche Themen strapaziert. In der Tat habe ich das Bild (…) zwei oder drei Mal gemalt. Da kam es ja drauf an, was für Menschen vor dem
Der Leierkastenmann, 1962, Linoschnitt
Dreieckshaus herumlaufen. Was Sie da schreiben, finde ich beleidigend.«

Die Sachverständige Müller wagte Kritik. Aber sie befreite mit ihren kleinen Geschichten den »ungekrönten König von Kreuzberg«, wie Robert Wolfgang Schnell ihn nannte, auch von überflüssigen Legenden. In einem Text über Mühlenhaupt und die Ladengalerie schreibt sie: »Mühlenhaupt mußte im Leierkasten besucht werden. Es wurde gesagt, daß er dort mit Rosi, seiner Freundin, eine Kneipe unterhielt, in der sich die freie Künstlerschaft treffen würde. (...) Wir kamen in eine Eckkneipe, wo schon am frühen Abend die jungen und alten Trinker saßen. Eine füllige Frau hing über die Theke und lallte uns an, was wir denn trinken wollten. Später erkannte ich Rosi aus dem Leierkasten auf einem großen Bild von Mühlenhaupt wieder.« Als sie nach dem Künstler fragten, hieß es: »'Kurtchen' käme gegen 2 Uhr in der Früh zur Kneipe. Rosi zeigte hinter sich. In dem ganzen Qualm und Dunst waren Ölbilder auf Holz gemalt und an die Wand genagelt.«


Kurt Mühlenhaupt, 1999, Berlin
Foto: Chris Frey
Karoline Müller war fasziniert und irritiert zugleich. Am Ende aber räumte sie auf mit dem Mythos und stellte fest, dass sie Mühlenhaupt während all der Jahre »nur einmal betrunken« erlebt habe, obwohl alle ständig »verkündeten, dass er täglich volltrunken am Chamissoplatz sitzen würde.« Es waren, so die Galeristin, eher seine Freunde gewesen, die sich berauschten. Mitunter versammelte sich »der gesamte Kreuzberger Kiez« bei seinen Ausstellungen, um »sich mit Schnaps und Sekt zu versorgen« und um noch einmal »Maritas Geschichte von ihrer Niederkunft zu hören, bei der Rosi aus dem Leierkasten die Hebammenfunktion übernommen hatte«. Nach einer der glücklichen Vernissagen erhielt der Maler eine Getränkerechnung von über 1.000 Mark.

Das sind wahre Geschichten. Auch die Familie Herz hat es wirklich gegeben. Sie war eigens aus Basel angereist, um den Maler zu besuchen. Doch Mühlenhaupts Frau verkündete, »Kurtchen« sei nicht da. Dr. Herz protestierte, er habe seinen Besuch schließlich angekündigt, doch Frieda Mühlenhaupt hob die Schultern: »Wenn Sie wüssten, welchen berühmten Menschen Kurt absagt!« – und ließ Namen wie Günter Grass und Henry Miller fallen.

Ob »Kurt« die beiden Schriftsteller wirklich wieder wegschickte, oder ob er vielleicht doch mit ihnen in die Weltlaterne zog, darüber schweigt Karoline Müller. Sie weiß ja schließlich: Die Menschen brauchen Legenden. Auch der Künstler selbst schweigt. Vor drei Jahren, am 16. April 2006, ist Kurt Mühlenhaupt gestorben. •


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