Kreuzberger Chronik
April 2009 - Ausgabe 106

Geschäfte

Mode aus der Hagelberger Straße


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von Saskia Vogel

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ES GIBT BOUTIKEN. UND ES GIBT SECONDHANDLÄDEN.
DAS STYLO VEREINT BEIDES.

Foto: Michael Hughes
»DIE FRAUEN im Bergmannkiez sollten mal ihre Weiblichkeit präsentieren.« Funda Apakbey, die dunklen Haare lässig zu einem kleinen Pferdeschwanz verknotet, zeigt auf ein rotes Chiffonkleid im Schaufenster: Eine glamouröse Miniatur mit Rosen-Applikationen. Kann ein solches Stöffchen Sünde sein? »Ich finde nicht, dass man immer einen besonderen Anlass braucht, um sich toll zu kleiden.« Auch im Alltag dürfe die Frau mal als Diva durch den Kiez spazieren. Oder als Avantgardistin. Karierte Strümpfe zu grünen Highheels? Kein Problem. »Aber die Berlinerinnen hüllen sich lieber in Schlabberlook und Friedhofsfarben.«

Funda Apakbey ist in Kreuzberg aufgewachsen, in Istanbul geboren und seit einem Monat die Inhaberin einer Secondhand-Boutique in der Hagelberger Straße. Ihr Geschäft könnte auch in einem Viertel in Istanbul liegen, im Taksim mit seinen verschlungenen und steilen Gassen, in denen die Kreativen der Stadt einen Flair von Boheme einhauchen und selbst entworfenen Schmuck und kurze Kleider in A-Form verkaufen, die in der türkischen Megacity gerade en vogue sind. Vor den Istanbuler Boutiquen stehen Tischchen mit blau getäfelten Mosaikplatten, schlürfen Türkinnen mit kajalgeschwärzten Augen herben »Çay« in der Wintersonne. Umweht von der salzigen Luft des Bosporus.

Bei Funda gibt es Filterkaffee. Dafür aber richtig guten. Und mit ihrem Laden hat die Mutter von drei Mädchen Glück gehabt. Nicht nur, weil er »strategisch günstig« auf dem Weg zur Schule liegt. Die Boutiquebesitzerin profitiert von der Nachbarschaft zum Hotel Transit: »Letztens stürmte eine Horde kreischender Engländerinnen in den Laden. Die sahen hier plötzlich ihre kühnsten 80er-Jahre Träume verwirklicht und wollten mich unbedingt fotografieren. Aber nee«, das wäre ihr dann doch zu unangenehm gewesen. Funda hält einen schneeweißen Angora-Pullover mit Goldknöpfen in die Höhe: »Ein Schmuckstück für 19 Euro, gerettet ins neue Jahrtausend.« Engländerinnen und Skandinavierinnen verstünden etwas von Mode. Die wissen, dass ein neuer Stil immer ein Stilbruch ist. »Der Klassiker ist das Blümchenkleid, kombiniert mit Turnschuhen. Frau muss schon einen talentierten Blick dafür haben, welche Sneakers sie trägt, damit die ganze Kombi nicht peinlich ausseht.« Funda hat den entscheidenden Blick. Bei vielen Kundinnen weiß sie in Sekundenschnelle, was ihnen steht und was nicht. Hosenanzüge findet sie schrecklich. »Das ist nicht sexy, sondern unisexy.«

Die Arbeit mit Stoffen, Perlen und Accessoires ist ihre Leidenschaft, und »bei Gelegenheit brezel ich mich auch selbst mal richtig auf.« Ein Mode-Püppchen ist sie trotzdem nicht. Meist trägt sie Jeans, Pulli und Turnschuhe. Aber nicht irgendwelche Turnschuhe, sondern die knöchelhohen Nikes mit Klettverschluss. Unter dem gestreiften Wollpullover blitzt eine Gürteltasche hervor. Das ist ihr Rezept, ihr Stil: der Stilbruch. Die Boutique in der Hagelberger Straße ist keine Altkleidersammlung. Alles ist ausgewählt. Es gibt gepflegte Ankle-Boots, Schnürpumps mit halbhohen Absätzen, original Vintage-Look und kaum ein langweiliges Stück. 140 Quadratmeter stehen Kleidern und Kundinnen zur Verfügung, sie könnten tanzen und catwalken, wenn sie denn wollten. Das Stylo ist eben anders. Es ist ein Stück Leidenschaft.


Foto: Michael Hughes
Dabei hatte Funda Apakbey den Wunsch nach einem eigenen Laden schon fast aufgegeben. Im Bergmannkiez war nichts Günstiges mehr zu finden. Und dann dieser eine Feierabend im verregneten Herbst: Sie jobbte in der Kinderboutique Bella Bimba gleich gegenüber, und als sie die letzte Kundin zur Tür brachte, »Danke, bis zum nächsten Mal«, da sah sie das Schild in der Tür. »Gewerberäume frei«. Zwar wollten auch andere in den kleinen Laden, aber die Vermieter entschieden sich für ihr Kombi-Konzept: Denn Funda verkauft nicht nur Secondhand-Ware, Schwangerschafts- und Kinderkleider, sie präsentiert gleichzeitig die Labels junger Neuköllner Designerinnen. Die Kubanerinnen von Espendrú schneidern solche Kuriositäten wie »Schurwollüberzieher mit Fledermausärmeln zum Wenden«, und die Designerin Myrielle entwirft für Funda gerade eine Sommerkollektion und mit superleichten Lycramützen, für die sonnigen Tage. Frisch und leicht, passend zum sauberen Weichspüler-Geruch im Stylo.

Vor ein paar Monaten roch es hier noch nach Zwiebeln und Bratenfett, denn bis vor kurzem war die »Hagelberger 52« eine unscheinbare, in aller Eile zwischen ein paar Rigipsplatten zusammengezimmerte Pizzeria. Als die Arbeiter die falschen Wände einrissen, kam eine uralte Holzvertäfelung zum Vorschein. Funda Apakbey hielt sich an die bewährte Technik und hängte knallige Frauenporträts im Graffiti-Stil neben das Schnitzwerk. Wieder mal so ein Stilbruch. Und eine gelungene Gratwanderung zwischen Innovation und Eleganz. Der Funda Apakbey-Stil. Zum Anfassen, Anziehen und zum Catwalken. •

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