Kreuzberger Chronik
Februar 2008 - Ausgabe 94

Die Reportage

Riehmers Hofgarten: Verraten und Verkauft


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von Michael Unfried

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Auf der Homepage der neuen irischen Eigentümer nähert sich der Besucher dem Schauplatz aus der Vogelperspektive. Eine Satellitenaufnahme von Google Earth zeigt das Areal von Riehmers Hofgarten als ein in sich abgeschlossenes Viertel. Die Aufnahme macht deutlich: Die Familie Castello kennt keine Grenzen. Und die Familie Castello ist finanzkräftig. Sie hat im Herbst 2006 nicht ein oder zwei Häuser gekauft, sie kaufte gleich ein ganzes Viertel.

Es machte den Iren auch nichts aus, im gleichen Jahr noch einmal 3,25 Millionen für eine Fabrikhalle in Brandenburg zu bezahlen. Die Märkische Allgemeine, darüber glücklich, daß sich endlich ein Investor für die leerstehenden 56.000 überdachten Quadratmeter fand, der vorgab, Flügel für Windräder produzieren und Arbeitsplätze im Land der Arbeitslosigkeit schaffen zu wollen, schrieb voller Enthusiasmus: »Hinter der Käufergesellschaft steht die Familie Castello aus dem irischen Galway, die bereits seit 15 Jahren im Land Brandenburg unternehmerisch tätig ist. Ihre Schweinezuchtfarm in Rietz namens Emerald Irish Pork GmbH gehört zu den deutschlandweit größten Mastbetrieben. (…). Die Geschäftsleute, von Hause aus Landwirte, seien in ihrer Heimat und in Deutschland auch mit mehreren Immobiliengesellschaften aktiv«, zitiert die Zeitung Sylvia Reber, die Prokuristin der Iren.

In Kreuzberg geht es nicht um Mastvieh. Es geht um Menschen. Doch ähnlich wie in der Schweinefarm stellen die Mieter von Riehmers Hofgarten für die Investoren vor allem einen mathematischen Faktor dar. Die Website der neuen Eigentümer, die mit wundervollen Fassadenfotos, Lageplan, Grundrissen, historischen Beiträgen, wirtschaftlichen Eckdaten (»25.032 Quadratmeter, 175 Mietwohnungen, 32 Gewerbliche Einheiten«) und »Cash Flow Kalkulation« scheinbar alle Karten für zukünftige Käufer aufdeckt, hält sich unter der Rubrik »Mieter« vorsichtshalber bedeckt: »Please contact us for more information«.

Daß die Iren keine Hausbesitzer im altmodischen Sinne des Wortes sind, die ihr Eigentum pflegen, weil sie von den Mieteinnahmen leben, macht ein Blick in den Pressespiegel klar, den die neuen Herren des Hofgartens auf ihrer Homepage veröffentlicht haben. Da werden Artikel zitiert, die mit Überschriften wie »Altbauten werden teurer«, »Weltstadt zum Umlandpreis« und »Wohnimmobilien gehört die Zukunft« ein Eldorado für ausländische Investoren heraufbeschwören. Die Castellos locken mit Erfolgsnachrichten wie jener über die Vivacon AG aus Köln, die »886 der 1.520 Berliner Wohnungen, die sie erst vor wenigen Wochen vom US-amerikanischen Konsortium Cerberus/Whitehall gekauft hat, schon wieder weiterveräussert (hat). Gleichzeitig legte sich Cerberus 1.500 neue hauptstädtische Wohnungen zu. …« – Berlin, so der Tenor des Pressespiegels, der nicht Mieter werben, sondern Investoren ködern soll, sei zum Schnäppchenpreis zu haben.

Die Iren »kennen keine Scham. Bei den Schweinen nicht, und bei den Kreuzbergern nicht.« So eine der Mieterinnen. Kaum hatten die Castellos die denkmalgeschützte Wohnanlage übernommen, »rupften sie die Gänseblümchen aus und pflanzten englischen Rasen«, so eine andere Mieterin. Der Spielplatz wurde eingezäunt, das Ballspielen verboten, Kameras zur Videoüberwachung und eine elektronische Schließanlage an den Toren installiert. Am liebsten würde man das Gelände für die Öffentlichkeit unzugänglich machen und ein hermetisch abgeriegeltes Luxusquartier schaffen. Mitten in Kreuzberg!

Merkwürdig, daß weder Stadträte und Politiker, noch die sonst so wachsame Presse bisher aufmerksam wurden auf den Kuhhandel mit den Schweinezüchtern. Zwar hat man auch früher schon vom Rathaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite machtlos mitansehen müssen, wie sich die Firma Heymann & Kreuels auf dem Grundstück gebärdete, doch hin und wieder leistete man erfolgreichen Widerstand. Als die Firma aus Kostengründen ein komplettes Mietshaus an der Yorckstraße abreißen wollte, stellte sich auch der gemäßigte grüne Baustadtrat Franz Schulz hinter die Kreuzberger und den Eigentümern in den Weg: »Es kann nicht sein, daß auf Kosten der Landeskasse intakte Sozialwohnungen abgerissen werden, nur weil sie jetzt Instandsetzungsgelder kosten.«

Schließlich hatte auch die Stadt einiges zur Erhaltung des unter Denkmalschutz stehenden Schmuckstückes Berliner Baukunst zugeschossen. Bereits in den Sechzigerjahren, als die idyllische Wohnanlage noch den Erben des Hofgartens gehörte, flossen Staats- und somit Steuermillionen in die Renovierung, um Stuckfassaden, Kuppeln und Hofdurchgänge wiederherzustellen. Später holten sich Heymann & Kreuels Subventionen in Höhe von fast 70 Mio. Mark. Im Gegenzug garantierten sie Mietobergrenzen von vier Mark für neun Jahre, und die Zukunft des idyllischen Wohnquartiers für jedermann schien halbwegs gesichert. Doch kaum war die vertraglich geregelte Schonfrist abgelaufen, stiegen die Mieten. Und als auch der Quadratmeterpreis in Berlin endlich anstieg, verkauften die Deutschen an die Castellos aus Irland. Schöne Wohnungen zu erschwinglichen Preisen gibt es nun keine mehr.

Obwohl der Leerstand groß ist. Doch die leeren Wohnungen werden gebraucht. Sie werden zu sogenannten »Service-Apartments« umgebaut. »Service-Apartments« sind luxuriöse Wohneinheiten für jene Berlinbesucher, denen ein Hotelzimmer zu klein und zu anonym ist, die aber auf den Wäscheservice und andere Bequemlichkeiten eines Hotels nicht verzichten möchten. Das Geschäft mit den Apartments sei »gerade stark im Kommen«, hieß es seitens der Hausverwaltung, als sich kürzlich ein Neu-Berliner nach einer der leerstehenden Wohnungen erkundigte. Man bedauere, aber »was frei wird, wird umgebaut.« Etwa 20 solcher aufwendigen Apartments hat die Familie Castello im vergangenen Jahr

bereits fertiggestellt. »Seitdem werden ab und zu kleine Grüppchen von Herren in Schlips und Kragen durch die Anlage mit den sanierten Wohnungen geführt«, erzählt Brigitte Bernard. Dennoch seien die meisten der Luxusapartments unvermietet. Frau Bernard hatte bis vor kurzem ein kleines französisches Reisebüro in Riehmers Hofgarten. Als der Mietvertrag ablief, fragte sie beim neuen Eigentümer wegen einer Verlängerung an und erhielt einen Termin. Pünktlich erschien sie bei der Fünften Festland Grundstücks GmbH in einem der Häuser an der Yorckstraße. Aber da hatte man Frau Bernard schon wieder vergessen.

Dafür erschien Herr Castello junior dann persönlich. Er war nicht unhöflich, »aber auch nicht eben ein Gentleman. Dafür ist er zu jung!« Der Junior hinterließ den Eindruck, »als ob ihn das alles eigentlich langweile.« Die Französin langweilte sich überhaupt nicht, als der Mann ihr einen Quadratmeterpreis von 20 Euro vorschlug. Kalt. Bislang hatte sie 10 Euro bezahlt. Also hat sie den Hofgarten verlassen und ist mit ihrem kleinen Reisebüro in die Yorckstraße Nummer 76 gezogen. Da ist ihr Mietvertrag unbefristet, und der Preis liegt noch unter 10 Euro. »Ich habe den Eindruck, die wollten mich loswerden.«

Auch die anderen Bewohner hatten stets das Gefühl, daß die Fünfte Festland Grundstücks GmbH ihre Mieter nicht sonderlich schätzte. Einige erhielten gleich am 2. Tag nach der freundlichen Übernahme ihre Kündigung. Später entschuldigten sich die Iren, es habe sich um »einen Irrtum« gehandelt, doch die Mieter sind der Meinung, daß es sich um einen Bluff handelte. »Iren pokern gerne!« Sogar Gerüchte von Abstandszahlungen, die man einigen Mietern angeboten hätte, kursieren in den Treppenhäusern. Tatsache jedoch ist, daß weder die leerstehen den Wohnungen noch die freiwerdenden Gewerberäume auf dem Mietmarkt zur Verfügung stehen. Weder die Edeka-Filiale, das Restaurant

Lon Men noch das Kinomuseum haben Nachmieter gefunden. Weitverbreitet unter den Mietern ist auch der Verdacht, daß es ein reges Interesse an Eigentumswohnungen im schönsten Viertel Kreuzbergs gebe. Schon die Vorbesitzer des Hofgartens wollten Eigentumswohnungen bauen, doch in den Siebzigern war der Widerstand in Kreuzberg noch ungebrochen. Die irische Hausverwaltung dagegen erteilt Eigenheim-Interessenten keinen unbedingt ablehnenden Bescheid mehr. Zwar wisse man noch nichts Genaues, es sei jedoch geplant, sanierte Wohnungen als Eigentumswohnungen zu verkaufen. Und selbstverständlich stünde es Interessenten frei, eines der luxusmöblierten Apartments anzumieten und darauf zu warten, daß es zum Verkauf angeboten würde. Wann das allerdings geschehe, stehe »noch in den Sternen«.

Was genau die Iren eigentlich wollen, ist ungewiß. Womöglich wissen sie es selbst noch nicht. Sicher ist nur: Sie wollen Geschäfte machen. Das zeigte sich auch beim Kauf der gigantischen Industriehalle im Berliner Vorland. Immerhin ein Teil der Halle war für die Herstellung recycelbarer Blätter für Windkrafträder vorgesehen, und schon im März 2007 sollten laut der Märkischen Allgemeinen die ersten 50 Arbeitsplätze entstehen. »Zwei, drei Jahre später könnten es 200 sein«, zitiert die Zeitung die Castello- Prokuristin Sylvia Reber, die auch bei der eigens gegründeten Green Blade GmbH ihre Rolle spielt. Schließlich kennt sie »als ehemalige Mitarbeiterin des Stahlwerks das dortige Gelände genau, führt mit ihrem Mann Dirk seit fast 15 Jahren den Zuchtbetrieb in Rietz und ist als Prokuristin

sämtlicher Gesellschaften in Deutschland die Vertrauensfrau der Iren.« Laut Auskunft der Gemeinde allerdings hat die Green Blade GmbH bis heute wenig Aktivität gezeigt. Die Halle steht leer, und die Green Blade GmbH ist nicht einmal im Internet präsent. Auch auf der Suche nach Service-Apartments in Riehmers Hofgarten wird man im Internet nicht fündig. Unzählige Anbieter gibt es, und das Angebot reicht von luxuriösen Residenzen in Mitte bis zu kleinen Einzimmerwohnungen. Das Geschäft mit den Service-Apartments boomt tatsächlich. Doch von Riehmers Hofgarten fehlt jede Spur.

Lediglich die Fünfte Festland Grundstücks GmbH ist im Internet präsent. Sie ist nicht allein. Im Jahr 2005 haben sich die Insulaner gleich sechsmal auf dem deutschen Festland eintragen lassen. Bereits am 29. September 2005 wurde die Erste Festland Grundstücks GmbH im Handelsregister Potsdam eingetragen, im Dezember die Nummer Sechs. Inzwischen sind die stürmischen Iren bei der Zehnten Festland Grundstücks GmbH angelangt.

Michael Unfried

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