Kreuzberger Chronik
Februar 2008 - Ausgabe 94

Kreuzberger
Thomas Schwan

Ich bin ja ein bescheidener Mensch


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Michael Hughes

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Thomas Schwan braucht kein Publikum. Manchmal, wenn gar niemand da ist, dann spielt er ganz allein hinter seinem Tresen. Dann legt er eine Scheibe von Frank Sinatra auf und spielt zwei, drei, fünf schnelle Akkorde auf der Luftgitarre. Sekundenbruchteile später ist alles schon wieder vorbei. Angefangen mit den nervösen Zuckungen hat es vor fünf Jahren, in einer dieser langen Nachtschichten, in der wieder mal keiner reinkam und die Zeit nicht verging. Immer, wenn Tom eine Scheibe auflegte, auf die er sich freute – und Tom freut sich auf viele seiner Scheiben – wurden seine Finger ganz zappelig.

Inzwischen tauchen auch andere Luftgitarristen im Rat Pack auf. Iris Dannenbauer zum Beispiel, die Organisatorin der Deutschen Luftgitarrenmeisterschaft. Oder der Brunnenbauer und Amateurluftgitarrist Thomas Schön. Eines Abends lehnte er am Tresen, blickte in das Regal mit den vielen Flaschen und sagte: »Könnte ich bitte mal die rote Gitarre haben?« – »Die kostet aber nen Fünfer!« Schön schiebt einen Fünfer rüber, Tom holt vorsichtig die imaginäre Gitarre aus dem Regal, und fünf Minuten später stehen da vier Figuren im Lokal und spielen Luftgitarre, daß die Leute durchs Fenster glotzen. »Irgendwie muß man sich ja die Zeit vertreiben«, sagt Tom. Tom ist eben ein bescheidener Mensch. Er kann sich selbst unterhalten. Alles, was er dazu braucht, sind Musik, Whisky, Frauen. »Meine drei großen Hobbies«. Die haben alle irgendwie mit Kaiserslautern zu tun, der Stadt mit der amerikanischen Airbase im Vorort. Weshalb in allen Kneipen immer nur amerikanische Musik lief. Sogar in den Kaiserslauterner Wohnzimmern hörte man nur noch amerikanische Musik. Und deshalb saß Tom noch auf der elterlichen Couch, als er zum ersten Mal Frank hörte. Noch heute, wenn Frank »My way« anstimmt, bläht Tom die Lungen auf. Und als Franky endlich einmal nach Berlin kam, da ging Thomas Schwan los und kaufte sich ein Ticket, goldene Schuhe und einen schwarzen Anzug. Zu Ehren Frank Sinatras.

Auch das mit dem Whisky begann in Kaiserslautern. Die Eltern kauften ihn direkt von den Amerikanern in so schweren Gallonen, daß es zum Eingießen eines Henkels bedurfte. Bis heute kann Tom es nicht ertragen, wenn kein Whisky im Haus ist. Im Rat Pack hat er 100 Sorten im Regal, die holt er bei Herrn Horn, seinem Großhändler. Wenn Tom von Herrn Horn erzählt, dann zieht er die Augenbrauen hoch. Aus Achtung. »Das sieht aus wie ein Asozialenheim, aber der Mann hat 350 Sorten Whisky im Sortiment, von 8 bis 7.500 Euro die Flasche.« Jedes Mal, wenn Tom einkaufen geht, gibt ihm der Herr Horn ein paar Gläschen zum Kosten. Aber Tom ist bescheiden, er bleibt bei seinem sechzehnjährigen Lagavulin, »der ist günstig«. Nur selten gönnt er sich einen Dickles No 5 oder No 7. Viele Gäste glauben, daß Fußball eines von Toms Hobbies sei. Aber Tom ist ein bescheidener Mensch. »Ich guck nur Kaiserslautern!« Und Bielefeld, weil die gegenüber im Enzian immer Bielefeld geguckt haben, und weil das Enzian jetzt zu ist. Irgendwo müssen die Leute ja hin. »Und Bremer waren immer schon viele hier!« Nein, Fußball, das ist nichts für Tom. Drei Hobbies sind auch genug. Musik, Whisky, Frauen. Von letzteren erzählt er nicht viel. Vielleicht aus Diskretion. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall trank er nicht nur seinen ersten Whisky in Kaiserslautern, begegnete nicht nur der amerikanischen Musik in Kaiserslautern, sondern auch seinem ersten Mädchen. Alle, die danach kamen, sind von Legenden umrankt. Tom schweigt zur Saga vom Frauenhelden und lächelt. So wie zu seinem 50. Geburtstag. Er hatte sich mit Händen und Füßen gesträubt, wollte nach Amerika fliehen, durch die Südstaaten rollen, mit Sinatra im Autoradio, die Highways up and down. Aber Kuhni hielt ihn auf. Kuhni, Conny und Monika hatten sich in den Kopf gesetzt, den

Geburtstag ihres Chefs zu feiern. Obwohl Tom jede von ihnen »schon mindestens zehnmal gefeuert« hat. »Um sie am nächsten Tag gleich wieder einzustellen. Manchmal gehen sie nur um die Ecke und rauchen eine, weil sie wissen, daß ich eh gleich anrufe.« Diese Frauen organisierten also eine fünfköpfige Band, sorgten für Verpflegung, feierliches Ambiente und ein Haus voller Gäste. Es war ein ordentliches Fest. Alle applaudierten, als Iris Dannenbauer die Laudatio hielt. Vier Stunden hatte sie sich mit Kuhni zusammengesetzt und über Tom getratscht. »Wir haben vier Stunden nur gelacht!« Auch Tom lachte ein bißchen. »Obwohls viel Lob auf einmal war.« Tom nickte bei jedem 2. Satz. Am liebsten hätte er sich auf die Brust getrommelt. Aber Tom ist eben ein bescheidener Mensch. Also verhielt er sich ruhig und lauschte andächtig:

Thomas Schwan
und das legendäre Ratpack im Hintergrund Foto: Michael Hughes
»Tom«, las Iris Dannenbauer, »kam aus Kaiserslautern. Als echter Pfälzer Bub, wie immer gern geschrieben wird, hatte er mehrere Dinge im Gepäck. Zum einen alte Pfälzer Seilschaften, die sich später in den Bereichen Mieten, Pachten, Finanzieren, Putzen, Kochen, Renovieren, Bauen, Planen, Projektieren als überaus nützlich und vor allem nachhaltig erwiesen. Außerdem dürften sie ihren Teil dazu beigetragen haben, daß Tom in diesem 61er Bermuda-Dreieck an der Yorckstraße gelandet ist, das er heute nur noch ungern über den Mehringdamm hinaus verläßt. Zum anderen die Anhänglichkeit an den 1. FC Kaiserslautern. Zum dritten jenen unnachahmlichen Dialekt, der – besonders in Kombination mit verwaschener Aussprache – Uneingeweihten charmante Rätsel aufgibt. Man muß lernen, sie zu dechiffrieren – oder wie ein brasilianischstämmiger Gast einmal bemerkte: ›Du kannst ruhig deutsch mit mir reden.‹

Ob Tom seine Berliner Studienjahre an der FU mit eiserner Disziplin und intensiver Lektüre zugebracht hat – wir hegen leise Zweifel. Vielmehr ist anzunehmen, daß er mit wissenschaftlicher Akribie eher seine gastronomische Spezialisierung vorangetrieben hat: durch die Beschäftigung mit Musik, dem fundierten Menschenstudium sowohl vor als auch hinter dem Tresen und der detailgenauen Prüfung bewußtseins-trübender Substanzen im Selbsttest, in flüssiger und anderer Form. Insgesamt läßt sich vermuten, daß mehr freidenkerische Lässigkeit als studentisches Pflichtbewußtsein im Spiel war.

Die breitgefächerten erworbenen Kenntnisse hat er gewinnbringend einsetzen können. Besonders sein tiefgehendes Verständnis unserer menschlichen Schwächen und seine Nachsicht ihnen gegenüber haben ihn zum Arbeiter des Nachtlebens geradezu prädestiniert. Zuerst lange Jahre im Wirtschaftswunder, seit 2003 als Wirt des Rat Pack. Sein universitäres Fundament kommt in Thekengesprächen und -beratungen routiniert zum Einsatz und unterliegt ansonsten einem bescheidenen Understatement. Als aufgeschlossener Mensch und gleichzeitig treue Seele beherrscht Tom die Kunst des Netzwerkens und hat im Laufe der Zeit viele Menschen um sich geschart, die als Freunde, Gäste, Helfer, Bedienungen und Kooperationspartner oft mit von der Partie sind. Ihnen allen gewährt Tom viel Freiraum. Sollte dies jedoch zu unerwünschten Auswüchsen führen, weiß Tom beizeiten durch einen wohlgesetzten cholerischen Anfall wieder zur Ordnung zu rufen. Dann greift die eherne ›Lex Schwan‹: Ich dulde keine Widerworte! (…)

Nach wie vor spielt die Musik eine wichtige Rolle. Zwar ist Tom heute kein Großmeister an der Gitarre, aber gerne erfreut er zu späterer Stunde seine Lieben durch ebenso textsicheres wie schrägtönendes Mitsingen des klassischen Rock’n’Roll-Liedguts der 60er und 70er. Um den Umfang seiner Plattensammlung ranken sich Legenden. Das ursprüngliche musikalische Konzept wurde unkompliziert angepaßt. Zu Frank Sinatra, dem Rat Pack und dem Barjazz gesellten sich Grateful Dead, die Eagles und Konsorten sowie viele Musikschaffende aus dem erweiterten Freundeskreis. Natürlich wird auch alles dazwischen gespielt, fast immer einen kleinen Tick zu laut. In letzter Zeit bricht Toms volkstümliche Neigung durch, in Form von irischer Folklore und den gern gehörten sardischen Schnulzen. Mann, hab ich gute Musik (…)

Und die Frauen. Obwohl Tom Neuem gegenüber nicht unaufgeschlossen ist, hat er einige langjährige Beziehungen gepflegt. Viele seiner Freundinnen sind ihm geblieben und umgeben ihn noch heute. Unleugbar hat Tom einen gewissen Schlag bei Frauen. So mancher männliche Interessent hat vergeblich versucht, in diskreten Hinterzimmerbefragungen hinter das Geheimnis seines Erfolgs zu kommen. Mögen es die Gynäkologen-Hände sein oder die wuschelige Flokati-Behaarung – es bleibt sein charmantes Geheimnis. Umgekehrt mag man jedoch vermuten, daß manche Partnerschaft erschwert wurde durch das Konkurrieren mit seinem Home-Solarium, das zeitweise die ganze linke Betthälfte belegt hat. Mann, seh ich gut aus …

Es ist ja bekannt, daß der menschliche Reifungsprozeß nicht ausschließlich Angenehmes mit sich bringt, sondern auch kleinere Kränkungen der persönlichen Eitelkeit. Die gesunde Bräune ist dank Sonnenbank und regelmäßigem Sardinien-Besuch das geringste Problem – die Jeans-Figur will gehalten werden. So liegt Toms unterdrückter Schlankheitswahn in stetem Widerstreit mit den Besuchen beim Haxenwirt und nächtlichen Streifzügen zu Burger King. Aber Tom weiß sich zu helfen: mit asketischem Verzicht auf Salat und allzuviel Grünzeug schafft er figurbewußt Platz für einen ordentlichen Pfälzer Saumagen. Auch seine Haartracht gibt sich wieder die Ehre als blauschwarz schimmernde Indianermähne. Mit Kuhni als Vergleichsmaßstab in punkto Haarlänge hat er sich allerdings ein eher gewagtes Ziel gesetzt. Angesichts leichter Lichtungen im oberen Bereich dürfen wir auf aparte Bedeckungen durch Basecaps, Panama-Hüte und andere Neuerungen gespannt sein. Nicht zu vergessen natürlich Toms abwechslungsreiche Brillenmode. Die Brillen, die Toms Ungestüm länger als ein halbes Jahr überstehen sollen, müssen extrem flexibel sein. Eine rentable Brillenversicherung schafft mittlerweile Linderung der gröbsten Not. Die goldene Kundennadel der Augenoptikerinnung ist dem bekennenden Fielmann-Fan Thomas B. Schwan trotzdem sicher.

Der Herr um die fünfzig ist einer im ›besten Mannesalter‹. So hatte auch Tom genug Zeit, um mit der Lebensweisheit jede Menge Geschichte und Geschichten anzuhäufen. Diese vielen, die ich notgedrungen auslassen mußte, von Reisen und Liebschaften, von nächtlichen Exkursionen und anderen Abenteuern« – die wird Euch Tom vielleicht einmal erzählen – in einer der langen Nächte hinter dem Tresen des Rat Pack.

Iris Dannenbauer, Hans W. Korfmann

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