Kreuzberger Chronik
September 2007 - Ausgabe 90

Michael Hughes Der Mensch
Kyriakos Muratidis




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von Hans W. Korfmann

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Kyriakos Muratidis sitzt am Eingang. Und am Ausgang. Das ist keine Laune, das ist Tradition. Professionalität. Früher, als es noch die großen Garküchen gab in Griechenland, mit ihren gigantischen Vitrinen voller Lammbraten, Fischen, Moussaka, Pastitio, gefüllten Tomaten und gefüllten Kürbisblüten, da zahlte man nicht am Tisch, sondern beim Hinausgehen. Da saß der Chef hinter einer Kasse an der Tür. Kyriakos Muratidis ist der Chef vom Dimokritos. Hinter ihm an der Wand hängt das Bild von Aris Velouchiotis, dem berühmtesten Partisanen Griechenlands. Gegenüber hat sein südamerikanischer Kollege Che Guevara einen Platz in der Galerie, flankiert von Maria Farandouri einerseits und Karl Marx andererseits. Am Tisch neben der Tür hat Muratidis die Welt im Blick: die politischen Vorbilder, den Eingang zu seinem Lokal, sein Personal hinter dem Tresen, und den Fernseher.

Während der Fußballeuropameisterschaft sah er meistens in den Fernseher. »Die Europameisterschaft, das war die schönste Zeit!«, sagt Muratidis. Das war ein vier Wochen währendes Fest. Der Fernseher mutierte zum Altar, vor dem Bildnis von »König Otto« brannte eine Kerze, vier Wochen lang stellte Rehhagel Che Guevara und Marx in den Schatten. Schon beim Viertelfinale platzte das Lokal aus den Nähten, beim Halbfinale spendierte der Wirt eine Lokalrunde nach der anderen, und beim Finale standen die Leute draußen auf der Arndtstraße und kamen nicht mehr rein. »Ich habe mindestens 1.000 Euro verloren«, sagt Muratidis, »die Hälfte ist raus, ohne zu zahlen.« Dennoch hat man den Wirt selten so strahlen sehen wie in diesen Tagen.

In der Regel aber bewahrt Kyriakos Muratidis den Überblick. Lächelnd sitzt er in seiner Ecke, begrüßt die Gäste, und die Gäste grüßen ihn. Wenn er nicht auf seinem Platz ist, fragen sie: »Wo ist denn der Kyriakos?« Er gehört zum Inventar. Hier ißt er, trinkt er, raucht er, hier erzählt er. Seit 23 Jahren schon. »Das ist eine lange Zeit«. Manchmal denkt er an sein Heimatdorf. Er sitzt nicht ungern, aber auch nicht ganz freiwillig hier auf seinem Platz. Er sitzt hier, um die Geschäfte und das Personal zu kontrollieren. »Der Kuckuck bringt keinen Frühling!«

»Anixia« heißt das Dorf, an das er manchmal denkt. Und »Anixi«, das ist der »Frühling«. Doch der wirtschaftliche Frühling blieb aus in dem kleinen Dorf in der Nähe von Saloniki. Da lebten sie in den Sechzigern eher schlecht als recht vom Tabak, vom Getreide, vom Mais. Thessalien ist ein trockener Landstrich, das Meer ist weit, das Leben staubig. Und deshalb war Kyriakos’ Mutter eine der ersten, die nach Deutschland ging, um ein paar Mark zu verdienen. Der Vater mit den Kindern blieb in Griechenland, man verweigerte ihm die Ausreise. Denn der Vater war Kommunist, und in Griechenland regierte das Militär. Erst 1973, als die Junta zu schwächeln begann, konnte er mit den Kindern Panajota, Sokrates und Kyriakos seiner Frau nach Berlin folgen. »Wir Kinder fanden das nicht gut, daß unsere Mutter damals wegging. Heute weiß ich: Es war richtig!«

Obwohl es nicht leicht war, zuerst im Wedding, dann in der Wrangelstraße. Der Vater wurde wieder ausgewiesen, fehlte fast ein Jahr. In der Schule am Mehringdamm saß Kyriakos zusammen mit 50 anderen Auswandererkindern in einem Klassenzimmer und versuchte, etwas zu lernen. Dann mußten sie Kreuzberg wieder verlassen, es gab schon zu viele Ausländer dort. »Immer hatten wir irgendwelche Probleme mit den Papieren, Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitsgenehmigung …«, es war immer alles in Bewegung. Jetzt aber sitzt Kyriakos fest im Sattel. Jetzt hat er seinen Platz neben der Tür.

Und deshalb war es richtig. Nicht nur für Kyriakos und seine Familie, sondern für das halbe Dorf. Über fünfhundert Menschen wohnten in den Sechzigerjahren in Anixia, aber fast die Hälfte von ihnen ging nach Berlin. Sie arbeiteten in Krankenhäusern, wie Kyriakos’ Mutter, oder bei den Kaiser Aluminiumwerken wie sein Vater. »Schlechte Arbeit für schlechtes Geld«. Aber Griechen wandern nicht aus, um Sklaven zu werden: 35 der Auswanderer haben später einen ehrenvollen Beruf erlernt, aus den Landwirten wurden Gastwirte. 25 dieser anixiotischen Tavernen gibt es noch heute in Berlin. »Aber mein Bruder und ich, wir waren die ersten aus Anixia, die ein Lokal hier aufmachten!«, sagt Muratidis. »1981 war das.«

Da war Kyriakos gerade vom Militär zurückgekommen, war in Athen, Kalamata, Kythira, Saloniki gewesen. Am Ende landete er bei der Militärpolizei und durchsuchte heimlich die Akte seines Vaters. Sie hatten ihn im Visier gehabt, den Neffen des alten Sokrates, der wegen seiner politischen Aktivitäten 28 Jahre im tschechischen Exil verbringen mußte. Aber den in Berlin lebenden Sprößling hatten die Behörden als unbedenklich eingestuft. Obwohl auch der immer seinen eigenen Kopf behalten hat. Noch heute manchmal, wenn jemand im Lokal falsche Töne anschlägt, dann klopft der Wirt vom Dimokritos dem Gast auf die Schulter und sagt: »Entschuldigung, aber auf solche Sprüche reagiere ich empfindlich. Ich komme aus einer linken Familie, wir haben für unsere Ideen gekämpft und gelitten. Könnten Sie vielleicht etwas leiser sein!« Marx hängt nicht zur Zierde im Lokal, und es war auch kein Zufall, wenn Kyriakos Muratidis das Angebot ausschlug, das man allen jungen Soldaten in seiner Einheit machte. Eine griechische Uniform hätte ihm nicht gestanden, sie hätte nicht in diesen Lebenslauf gepaßt. »Ella, Malacka, ella masi mas!«, meinten seine Kameraden, er solle kein Idiot sein. »Wir waren sechzehn. Fünfzehn von uns sind zur Feuerwehr oder zur Polizei gegangen.« Nur Kyriakos Muratidis lehnte ab.

Foto: Michael Hughes
Er ging im Mai 1981 zurück nach Berlin. Er hatte einen Traum, seit damals schon, als er nach der Schule, 1975, sein erstes Tablett durchs Olympia in der Joachimstaler Straße trug. »Ich möchte einmal mein eigenes Lokal eröffnen!« Noch im selben Jahr pachtete er gemeinsam mit seinem Bruder Sokrates das Restaurant Spiros am Kottbusser Damm. Die Geschäfte liefen nicht schlecht, aber die beiden Brüder zahlten eine hohe Pacht an den griechischen Besitzer. 1983 fanden sie dann etwas günstigeres: das griechische Restaurant Olympos an der Arndtstraße, Ecke Schenkendorfstraße. So kam Kyriakos Muratidis in den Chamissokiez. Einen Bezirk, in dem es von Hausbesetzern und Demonstranten wimmelte, eine Straße, in deren Kellern die Bewegung 2. Juni den CDUVorsitzenden Peter Lorenz gefangenhielt, und keiner der Anwohner hörte etwas.

Nach den Demonstrationen war das Lokal mit dem knallgelben »Atomkraft, nein Danke!«Sticker an der Tür so voll wie später zur Fußballeuropameisterschaft. Natürlich ging auch Kyriakos mit auf die Straße und demonstrierte, und vielleicht war es kein Zufall, sondern ein kluger Entschluß, wenn die Söhne des alten Muratidis ihr Lokal Dimokritos nannten. »Alle glaubten, das habe etwas mit Demokratie zu tun. Dabei hatten wir mit der Demokratie gar nicht so viel am Hut!«

Aber das alles ist nun auch schon wieder 23 Jahre her. »Und es hat sich viel verändert seitdem, auch politisch, meine ich. Wir haben einiges bewegt damals.« Nur Kyriakos bewegt sich nicht. Er sitzt neben der Tür, liest die Zeitung, raucht, erzählt Anekdoten oder diskutiert mit Freunden über Politik, Geld und Frauen. Ab und zu spendiert er eine Runde Ouzo, und selten in Berlin schmeckt er griechischer als hier. Nirgendwo riecht das Souvlaki so wie hier.

»Es ist ein Glück, dieses Lokal«, sagt Kyriakos Muratidis. Aber es ist auch »der größte Fehler, den ich gemacht habe in meinem Leben!« Er verzieht das Gesicht. Ein paar gute Geschäftsjahre waren für das Dimokritos bereits vergangen, da fiel plötzlich die Mauer. Die Häuser am Chamissoplatz lagen nicht mehr im wertlosen Grenzgebiet, sondern rückten in die Mitte der Stadt. Ausgerechnet in diesem Moment fragte der Hausbesitzer, ob Muratidis nicht Interesse daran hätte, das Lokal samt Haus zu kaufen. Doch Kyriakos Muratidis lehnte ab, obwohl der Preis geradezu lächerlich war. Noch heute treten dem Wirt Schweißperlen auf die Stirn, wenn er daran denkt, »der größte Fehler meines Lebens!«

Und noch heute erzählt er davon, wenn sie sich alle mal wieder treffen, die Leute aus Anixia. Wenn da weit weg von der Heimat das halbe Dorf zusammenkommt. »Das Exil, die Fremde… – das schmiedet zusammen«. Früher trafen sie sich regelmäßig zu traditionellen Anlässen wie Weihnachten und Ostern. Inzwischen sind sie lange genug hier, um auf die Feiertage verzichten zu können, und feiern die Feste, wie sie fallen. Nur auf die Ziegenlämmer, die Musik und das Tanzen verzichten sie nicht. Und während die Frauen tanzen, stecken die Wirte die Köpfe zusammen und fachsimpeln. Dann sitzen die 25 Wirte aus Anixia zusammen an einem Tisch »und horchen sich gegenseitig aus«. Auch Kyriakos’ Schwester aus dem Prometheus kommt an solchen Tagen, oder Georgios Chrissidis, der eines Tages nur zwei Straßen vom Dimokritos entfernt das Restaurant Z eröffnete.

Sie haben sich nicht in alle Winde zerstreuen lassen, sie sind über all die Jahre zusammengeblieben, und manchmal scheint es, als hätte sich gar nicht viel verändert für die Einwanderer aus Anixia, seit sie hier sind. Als hätten sie alles mitgebracht, ihre Feste, ihre Stammtische, ihre Bekannten und Verwandten, ihren Ouzo, die Souvlaki. Selbst ihre politischen Überzeugungen haben sie mit herübergerettet, Kyriakos Muratidis wählt noch immer »Kappa Kappa«, die griechischen Kommunisten. Und auch die Frauen fürs Leben suchen sich die Männer nicht in Berlin, sondern in der Gegend um Anixia und Thessaloniki. Auch Kyriakos. Jetzt hat der Sohn des Auswanderers selbst zwei Töchter. Sie sind auf das askanische Gymnasium in Tempelhof gegangen, zweisprachig aufgewachsen, haben das Abitur gemacht und studieren jetzt in Athen. Muratidis ist stolz auf sie. »Meine Kinder sind die Ausnahme«, sagt er, »die meisten, die hier geboren sind, wollen auch hier bleiben. Aber meine Töchter wollen zurück.« Sie haben ihren eigenen Kopf. Wie der Vater.

Kyriakos denkt nicht daran, für immer hierzubleiben. Aber ein paar Jahre wird er noch hierbleiben müssen, auf seinem Platz neben der Tür. Bis die Töchter das Studium abgeschlossen haben. Dann will auch er wieder zurück. Dorthin, wo sie alle einmal herkamen. Nach Anixia. Dort will er dann kein Wirt mehr sein. Dort will er dann einfach nur Gast sein. Jeden Tag im gleichen Kafenion sitzen, auf dem gleichen Platz. Und Kaffee trinken, Geschichten erzählen, Geschichten hören, und sehen, wer vorbeikommt. So, als würde sich schon wieder nichts verändern.


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