Kreuzberger Chronik
September 2007 - Ausgabe 90

Die Geschäfte

Eis am Kotti


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von Waltraud Schwab

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Auf den 40 Quadratmetern der Bottega del Gelato ist ein Kommen und Gehen. Links, an einem kleinen Tisch, sitzen drei Italiener, trinken Espresso und reden von »ragazzi« und »Berlino«. Rechts wartet eine grauhaarige Dame auf ihren Eiskaffee. Sie wartet schon eine Weile. »La señora espera«, ruft Maria AlbertinaBaragan ihrem Gatten zu, der hinter der Theke steht. Die Señora wartet. Gonzalo ist aber gerade in eine heftige Diskussion mit der spanischen Kuchenbäckerin und der Flamencotänzerin samt musikalischem Begleiter verwickelt. Die Hände der vier fliegen beim Sprechen wild durch die Luft. Als er das opulente, mit Sahne und Schokolade verzierte Getränk bringt, meint er: »Mit Liebe braucht eben Zeit.«

Am Fenster sitzt eine ältere Frau mit Tochter und Enkelin, sie essen Eis. Die ausgeprägten Wangenknochen deuten auf altes slawischstämmiges Kreuzbergtum hin. Die Kleine schiebt die Stühle durch die Eisdiele am Kottbusser Tor. Niemand stört sich daran. Dann kommt eine argentinische Dame vorbei, um Maria Albertina zu grüßen. Die beiden kennen sich erst seit einem Monat. Bevor sie ihr Enkelkind in der nahegelegenen Kita abholt, wollte sie »hallo« sagen. Danach geht sie, aufrecht wie ein Baum, mit langsamem Schritt wieder von dannen. Eiliger hat es der türkischstämmige Schuster von nebenan.

Im blauen Overall taucht er auf und läßt sich seine Riesenportion Eis in eine mitgebrachte Tupperdose füllen. »25 Jahre machen wir jetzt Eis am Kottbusser Tor«, sagt Maria. »Am Kotti«, betont sie nochmal. Der Kotti ist ja nicht irgendwas. Er ist die perfekte Synthese aus Kreuzberger Elend, Kreuzberger Eigensinn und Kreuzberger Laissezfaire. Wie um das zu belegen, betont Maria: »Verstehen Sie, wir machen italienisches Eis. Richtiges italienisches Eis. Wir haben einen Orden verdient.« Denn wer würde an diesem unwirtlichen Verkehrsknoten, eingerahmt von Bausünden der 70erJahre, neben all den orientalischen Imbissen, Knabberläden, Männercafés und Wettbüros eine italienischspanischsüdamerikanische Enklave mit echtem italienischen Eis Erwarten? – »Aber es ist das Leben meiner Mamma, das da drinsteckt«, sagt Maria.

Ihre Mamma, Hortensia Zeballos, ließ sich Anfang der 80er von der Eiskette Da Dalt von Italien an den Kotti schicken. 1982 übernahm sie die Eisdiele. »Das war nicht einfach«, sagt Maria, »von allen Ecken der Welt ausgerechnet hier zu landen.« Mitten in die schlimmsten Sozialprobleme und den heftigsten Berliner Aufbruch hinein. Drogen, Alkohol, besetzte Häuser, Desintegration und Anspruch auf alternatives Leben – alles nebeneinander. Maria bewundert ihre Mutter. Daß sie da bestehen konnte. Einfach mit ihrem italienischen Eis. »Wir haben unsere Kultur an den Kotti gebracht. Meine Mamma hat sie dahin gebracht. Alle kennen Hortensia.« Es klingt, als hätte sie sagen wollen: »Alle lieben Hortensia.« Noch immer – obwohl sie heute nicht mehr oft zum Kottbusser Tor kommt. Es geht ihr nicht gut.

Maria, die wirklich keinen Wert darauf legt, daß man sie beim Nachnamen nennt, ist vor sieben Jahren ins Eisdielenleben der Mutter eingestiegen. Da war sie 29, Mutter von zwei Kindern, geschieden und hatte auf zwei Kontinenten, in drei Ländern und etlichen Städten gelebt. Geboren in Argentinien – wie ihre Mutter und wie sie mit italienischem Paß –, ging sie Ende der Siebziger mit ihr und dem Stiefvater nach Italien. Die Diktatur in Argentinien habe nicht zu der politischen und sensiblen Hortensia gepaßt. In Italien arbeitete sie als Strickerin und heuerte dann bei Da Dalt an. Als sie nach Berlin ging, blieb Maria in Italien im Internat. Aber schon 13jährig rührte sie in den Ferien am Kotti in den Eiströgen. »Das ist bei uns so, daß das, was die Eltern machen, auf die Kinder übergeht.« Natürlich hätte sich auch Maria ein anderes Leben vorstellen können. Als Kind hatte sie Ballettunterricht. Tänzerin wäre sie gerne geworden. »Aber das ging dann eben nicht.« Oder Kunstschmiedin. Ihr Großvater war Kunstschmied in Argentinien. »Mein Nonno war mein Ein und Alles«, sagt sie. »Ich bin bei ihm groß geworden. Schauen Sie, ich kann gar nicht darüber reden«, sagt sie und verscheucht die Tränen. So ein Nomadenleben zwingt zu Abschieden. »Ich bin ein Familienmensch«, meint Maria.

Zuerst machte die Mutter die Eisdiele mit Marias Stiefvater. Dann trennten sich die beiden und Marias erster Mann stieg bei der Mutter ein. Damit das Geschäft in der Familie bleibt. »Da hab ich gedacht, jetzt werden mir Fesseln angelegt«, sagt Maria. Sie selbst stieß erst dazu, als sie geschieden war. Und mit ihr Gonzalo. Gonzalo wollte eigentlich nur seinen Schwager nach Berlin begleiten. Der ist längst wieder zurück in Ecuador, aber Gonzalo blieb. Bei Maria. Von ihr hat er dann das Eismachen gelernt.
Foto: Michael Hughes
Eisverkäufer Gonzalo am Kottbusser Tor. Foto: Michael Hughes Stolz zeigt er die Maschinen. »Alte Maschinen. Wir holen das Eis noch mit dem Spatel aus den Bottichen«, sagt er und macht es vor. Dann zeigt er die Zutaten: südamerikanisches Fruchtmark, Karamel aus Argentinien, Eispulver aus Italien. Keine Eier. Und ständig kreieren sie Neues. OrangenJoghurt mit Orangeat, Mango nach Geheimrezept, Kokos mit Schoko und »Menta son«, die Kreation zum 25jährigen Jubiläum. Es ist eine freche Komposition aus Pfefferminze, etwas Mango und Zitrone.

»Die Leute lieben unser Eis.« Und vielleicht lieben sie auch das Leben im Eiscafé. Als die Eisdiele am Kotti in einer Silvesternacht abbrannte, weil ein frierender Junkie nicht aufpaßte, zog Maria um die Ecke. In den kleinen Laden mit Sitzplätzen, einer Küche und einem Kinderzimmer für die Kleinen – mittlerweile sind es drei. Im neuen Laden gibt es nicht nur Eis. Da gibt es für jeden vom Kotti etwas. Es gibt argentinischen MateTee, Wein und Pesto aus Italien, kubanisches Bier, eingelegtes Gemüse aus Spanien, dazu die riesigen Blumen vom Karneval der Kulturen und Bilder von Guerilleros, die aussehen wie, nun ja, tuntige Guerilleras. In diesem Sammelsurium sitzt die ganze Kreuzberger Mischung. Alt. Jung. Dunkel. Hell. Verliebt. Verlassen. »Unser Eis macht sie glücklich.« Wenn sie auf das kleine Café zukommen, hellt sich ihr Gesicht auf.

Maria weiß nicht, wie sie es geschafft haben, all die Jahre am Kotti zu überleben. »Wir sind freundlich. Man muß aber klar reden und stark sein dabei.« Man müsse sich an die Kultur um einen herum anpassen, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren. Man müsse zur Verständigung beitragen. »Ich hab ein bißchen Türkisch gelernt«, sagt Maria. »Es gibt so viele Frauen hier, deren Welt zu eng ist.« Wenigstens im Eiscafé sollen ihre Wünsche verstanden werden. Weil niemand Maria, Hortensia und Gonzalo für ihre multi, trans und metakulturelle Anpassungsfähigkeit und Ausdauer den Orden, den sie ver dient haben, verleihen will, feiern sie sich manchmal selbst. Mit Flamenco und Trommeln, mit kubanischem Tanz, Gesang, Musik und Essen. Manchmal feiern sie Feste auf dem Platz vor der Eisdiele. »Hier leben so viele, die kommen nie ins Theater. Da bringen wir es eben zu ihnen.«

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