Kreuzberger Chronik
September 2007 - Ausgabe 90

Straßen

Die Stallschreiberstraße


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von Erwin Tichatzek

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Zu den Besonderheiten Kreuzbergs gehört die Vielfalt des Tierbestandes. In kaum einem Bezirk gibt es so viele Tiergehege mit Eseln, Pferden, Schafen, Ziegen, Hirschen und Rehen wie hier. Und es ist vorgekommen, daß plötzlich eine Reiterin durch den dichten Verkehr am Moritzplatz galoppierte, ohne Sattel und mit wehender Mähne.

Die Reiterin kam entweder vom nahegelegenen Kinderbauernhof am Mauerplatz oder von der Wiese an der Alten Jakobstraße, auf der bereits in grauer Vorzeit Tiere weideten. Dort lag der Hammelstall des Kurfürsten, der später der kurfürstlichen Amme als »Freihaus« vermacht wurde und zu einem der ersten Wohnhäuser an der Alten Jakobstraße avancierte. Ein gutes Stück weiter nördlich zweigte ein weiterer Weg nach Osten ab, und auch an diesem Feldweg, der nirgendwo hinführte als in die Weite der Felder und Wiesen, wohnte ein Bediensteter des Kurfürsten: der Stallschreiber.

Lange blieb sein Haus das einzige an diesem ungepflasterten Weg, der seinen Namen womöglich schon zu Lebzeiten des Schreibers, auf jeden Fall bereits im 17. Jahrhundert und damit früher als die Alte Jakobstraße erhielt. Doch blieb die Stallschreibergasse klein genug, um erst am 11. September 1847 von der Gasse zur Straße befördert zu werden. Womöglich erschien den Stadtvätern der Titel des Stallschreibers dann doch etwas zu unbedeutend, um gleich eine ganze Straße nach dem Namenlosen zu benennen, weshalb sie 1855 ein Stück von ihr abzwackten und »Prinzessinnenstraße« nannten – all jenen weiblichen Mitgliedern königlicher Familien zu Ehren, die kein Regierungsamt bekleiden und in der Geschichte keine Rolle spielen durften. Der männlichen Mitglieder der fürstlichpreußischen Familien hatte man bereits am 7. April 1849 mit einer sogenannten »Prinzenstraße« gedacht.

Die Stallschreiberstraße nach dem Angriff im Februar 1945









Über den kurfürstlichen Stallschreiber, der einst das Gebäude Nummer 15 besaß, ist nichts bekannt. Der Stallschreiber war schließlich nur ein kleiner Buchhalter, er hatte im Gegensatz zum Schatzmeister lediglich über die Einnahmen und Ausgaben der aristokratischen Pferdeställe Buch zu führen. Zwar war der Stallschreiber kein Knecht mehr, sondern ein Beamter, doch haftete ihm der Geruch von Misthaufen und Jauchegruben an. In der »Oekonomischen Enzyklopädie« von J. G. Krünitz – im Untertitel als »Allgemeines System der Staats, Stadt, Haus und Landwirtschaft« definiert und verfaßt in 242 Bänden, 9.398 Kupfertafeln und Brandpaten – heißt es, daß der Stallschreiber auch Stallsekretair genannt wurde und in einem Marstall oder Marstallamt arbeitete.

Der Marstall wiederum hat seinen Namen von dem Lateinischen »Marestalla«, wobei »Mare« allerdings nichts mit dem Meer, sondern mit der Mähre, dem edlen Kriegspferd, zu tun hat. Der unumstrittene Meister eines solchen königlichfürstlichen Marstalls war der Oberstallmeister, der die Aufsicht über das gesamte Stallwesen hatte, wozu unter anderem die Wagen und Wagenremisen, die Reitbahnen, die Rüstkammer und das FourageMagazin gehörten. Das Amt des Oberstallmeisters war in den Zeiten vor dem Automobil von solcher Bedeutung, daß es mit dem Titel einer Exzellenz verbunden war, weshalb Briefe an den Stallmeister oder Oberstallmeister unterwürfigst an die »Königliche Hochlöbliche Generaldirektion des OberMarstalles« adressiert werden mußten.



Der Stallschreiber dagegen war nur ein kleines Rädchen im großen Betrieb. Zwar hatte auch er mit der Buchführung eine durchaus verantwortungsvolle Aufgabe, doch dankte man ihm wenig, da er vor allem mit den nicht unbeträchtlichen Ausgaben der Stallführung zu tun hatte. Die Schlösser ließen sich ihre Pferde – ähnlich wie heutige Politiker ihre Staatskarossen – einiges kosten, die Organisation eines königlichen Marstalls war kompliziert und erforderte viel und gut ausgebildetes Personal. In einem königlichen Stall arbeiteten neben dem Stallmeister eine ganze Reihe von Stallieutnants, die den sogenannten Oberstallmeisterstab bildeten. Zu den höheren Positionen gehörten ein »Justitiarius«, der die Rechtsangelegenheiten erledigte, mehrere Sekretäre, die sich um die Registratur und die Kanzleigeschäfte kümmerten, sowie ein Magazinaufseher und mehrere Kanzlei und Magazindiener.

Hinzu kam das Personal, das für die Pferde selbst zuständig war: die Bereiter, die Reitknechte, Kutscher, Stallknechte und Stalljungen, und die Hufschmiede. Darüber hinaus gab es die Wagenmeister, Futtermarschälle, Sattler, sowie einen Bauinspektor für Stallungen, Reitbahnen und Werkstätten. Hinzu kamen die sogenannten Reisestallmeister, welche für das schnelle Vorankommen des Fürsten auf Reisen zu sorgen hatten; sie wurden durch Cavaliere und Reisemarschälle in ihren Geschäften unterstützt.

Neben all diesen Berufen, denen zumindest ein Hauch von Abenteuer und Romantik anhaftete, war der des buchführenden Stallschreibers eine eher bürokratische und wenig ehrenvolle Angelegenheit. Während selbst Stallburschen mitunter stolz auf den Rücken der Pferde saßen und sich neidvoller Blicke des Fußvolkes sicher sein konnten, saß der Stallschreiber krumm über den Schreibtisch gebückt. Und wäre der Stallschreiber im Gebäude Nummer 15 nicht der erste gewesen, der sich in der ruhigen Abgeschiedenheit am Rande des Feldweges zwischen Wiesen und Weiden niedergelassen hat, dann wäre wohl nie eine Straße nach ihm benannt worden.

Erwin Tichatzek

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