Kreuzberger Chronik
Oktober 2007 - Ausgabe 91

Witzels Geschichten

Der Tag, als ein Häuptling die Primel betrat


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Autor unbekannt

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Willi Thielicke, der Wirt, erzählte gerade seinen Leuten vom Berliner Anarchistenstammtisch, daß ihm der globale Terrorismus, der sich gegen USFlughäfen richtet, zwar auch ein bißchen Angst mache. Aber die meiste Angst, sagte er, mache ihm die lokale Achse des Arroganten, welche den Flughafen Tempelhof plattmachen wolle, um für die Partei der Nichtwähler zu werben.

»Da brauchst du keine Angst zu haben, Willi, wir passen schon auf«, beruhigten ihn die beiden Mädels von der internationalen EmmaGoldmanBrigade, und auch das dreiköpfige Neuköllner RudolfRockerSyndikat tröstete ihn: »Wir sind doch bei dir.« Anschließend bestellten sie noch eine Runde »Lumumba«, was nichts anderes ist als Kakao mit einem Schuß Rum, und Willi fürchtete sich nun tatsächlich nicht mehr. Zum Abschluß las das RockerSyndikat noch einen ErichMühsamVers vor: »Ein wartend Mädchen zu enttäuschen,/vermag in Wahrheit nur ein Schwein.«

Justament in diesem Augenblick ging die Tür auf und Rosi trat ein mit ihrem Neuen aus der Südseeabteilung vom Völkerkundemuseum in Dahlem. Diesen kulleräugigen Hullahullamann hatte sie sich dort während der Langen Nacht der Museen gleich bei Einbruch der Dunkelheit zwecks OneNightStand geangelt und machte da jetzt 1001 Nacht draus, weil sie von ihm ganz hin und weg ist. Er ist übrigens das Double des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea, der seit Jahrzehnten als der Autor des »Papalagi« bekannt ist, einer netten Sammlung kleiner Aufsätze über den ganz normalen EUWahnsinn. Und weil hierzulande alles, was Umsatz und Quote bringt, sofort zum heiligen Nothelfer erklärt wird, tritt inzwischen bei Autorenlesungen das sechste Double des Häuptlings Tuiavii auf.

»Wo wart ihr beiden Hübschen denn?«, fragte Willi, als er Rosi mit ihrem Neuen eintreten sah. »Ach, ich wollte mit Tuiavii ein Döner futtern. Aber Ali hat gesagt, Würzfleisch sei diese Woche ausgegangen…« Rosi wollte einen Coffee To Go. Tuiavii bestellte Coffee To Drink zum Mitnehmen. Willi schaltete die Kaffeemaschine ein und erzählte zum Zeitvertreib einen Witz, über den niemand lachte.

Rosi und Tuiavii verschwanden mit ihren Coffees Richtung Mehringdamm, weil Rosi dem Südseehäuptling unbedingt noch das Jüdische Museum zeigen wollte. Plötzlich blieb der Häuptling unverhofft stehen. »Wassen los, mein Schatz?«, fragte Rosi. »Hast du die Grille gehört?«, fragte Tuiavii. »Mach kein Quatsch! Erstens findest du hier im Asphaltdschungel keine Grille, und zweitens, wenn doch, dann könntest du sie vor lauter Autolärm nicht hören.«

Nichtsdestotrotz horchte und blickte der Häuptling sich um, horchte weiter und entdeckte schließlich ein zartes grünes Löwenzahnpflänzchen inmitten des Asphaltdschungels. Vorsichtig teilte der Häuptling die Blätter auseinander – und tatsächlich saß dort eine Grille und zirpte fröhlich in den goldenen Oktober hinein. Rosi war total von den Socken. »Ihr Südseeinsulaner müßt ja tausendmal bessere Ohren haben als wir hier in der Großstadt!« Tuiavii griff in die Tasche, zuppelte einen doppelten Euro heraus und ließ ihn fallen. Als der Zweier leise klingend auf dem Bürgersteig landete, flogen tatsächlich alle Köpfe herum. »Es ist einfach so, Rosi,«, sprach der Häuptling, »daß wir Menschen genau das hören, was wir hören wollen.«


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