Kreuzberger Chronik
Oktober 2007 - Ausgabe 91

Der Mensch
Bruno S

Der Bruno wurde nie besucht


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von Waltraud Schwab

Titelfoto: Michael Hughes

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Manchmal kommt Bruno S., grauhaarig und mit Stoppelbart, abends samt seinem Akkordeon in die Stadtklause am Anhalter Bahnhof. Dann packt er im engen Hinterzimmer vor dem Foto der Bahnhofsruine, wie sie nach dem Krieg zerstört und eingeschneit im Winter dastand, sein Instrument aus. Er stellt den Koffer vor sich und legt sein kariertes Jackett darüber. Darauf arrangiert er Glocken.

Jede hat einen anderen Ton. Zwei Oktaven umfaßt das selbstgebastelte Instrument, mit dem er die Moritaten und Volkslieder, die er gleich vortragen wird, begleitet. Schnaufend hebt er an: »Ein Zigeuner verläßt seine Heimat. Er sucht in der Ferne sein Glück«. Schon nach diesen zwei Sätzen unterbricht er. »Ich dachte, es wäre besser, wenn es heißt: Ein Zigeuner verlor seine Heimat, weil er vertrieben wurde.«

Wenn Bruno S. singt, spielt Zeit keine Rolle mehr. Jede Silbe wird gesungen, wenn die passende Glocke gefunden ist. Wenn beim ersten Griff der Ton nicht stimmt, wird sie auch mehrmals gesungen. »Ein Zi geu geu ner ver lor sei ne Hei Hei mat.«

Rau und erdig kommen die Töne aus seiner Kehle. »Ja, verlassen auf all seinen Wegen, zieht ein Zigeuner hinaus in die Welt.« Es ist kein Singen, es ist ein Sprechen. »Denn er kennt weder Vater noch Mutter, seine Wiege stand draußen im Feld.« Es ist aber auch kein Sprechen, es ist der Versuch, die Worte zu beherrschen, sie im richtigen Moment in die Welt zu entlassen. Einem Moment, in dem sie gehört werden. Es ist ein Sprechen voller schmerzhafter Lücken und Leeren.

Dabei gibt es Töne, die versöhnlich stimmen. Terzen können versöhnlich sein durch ihren melodischen Gleichklang. Aber bei Bruno S. versöhnt nichts. Da heilt nichts. Da bleibt jede Silbe eine Silbe, jeder Ton ein Ton, jede Wunde eine Wunde. Er weiß, wovon er spricht, mit Verletzungen kennt er sich aus. »Alle Wunden heilen. Aber nicht alle. Die moralischen heilen nicht, die gebrandmarkten«, erklärt er ohne seinen Blick vom Boden zu heben.

Wie um sich selbst zu erlösen, singt er danach »Die Gedanken sind frei«. Nein, er singt es nicht. Er sagt es in Silben. Jede ist betont, jede ein Imperativ: Die! Ge! Dan! Ken! Sind! Frei! Dazu gibt es Töne von den Instrumenten. Abgehackt wie die Worte auch. Dann aber unterbricht er, als wäre er sein eigener Conferencier: »Die Gedanken sind frei, und das wird immer wieder zum Vorschein kommen«, sagt er. »Das Lied hab ich 1945 kennengelernt, und seit dem Tag beschäftige ich mich mit diesem Lied.« Danach singt er weiter.

Der Gesang geht unter die Haut. Da ist einer, der berührt. Denn jeder Ton hat mit ihm zu tun, mit seiner Geschichte. Wie auch die Bilder, die er malt, nur seine Erinnerungen und Sehnsüchte spiegeln. Erst recht die
Foto: Michael Hughes
Rollen, die er in verschiedenen Filmen, auch großen Spielfilmen, spielte. Alles ist authentisch und pur. Denn Bruno S., – das Kürzel ist sein Künstlername – trägt seine Verletzungen mit sich durchs Leben.

Bruno Schleinstein kommt am 2. Juni 1932 in Friedrichshain zur Welt. Ein Wegwerfkind. Eins, das der Mutter ungelegen kommt und dem Vater sowieso. Er wächst in Kinderheimen und psychiatrischen Einrichtungen auf. Solchen, die sich auf nationalsozialistische Menschenauslese verstehen. Der kleine Junge aus unehelichen Verhältnissen, stumm und eigen dazu, zählt nicht viel. »Er wurde im Heim nie besucht«, sagt Bruno S., der von sich in der dritten Person spricht. Dann wiederholt er noch einmal: »Der Bruno wurde nie besucht.« Als ob nicht er, sondern ein anderer all diese Schmerzen erlitten hätte. Auch die Vernachlässigungen. Und die Gewalt.

In drei Dörfern habe er als Kind gelebt, erzählt er. »In Ketschendorf. Samariter waren das nicht.« Dann in Reinickendorf. »Wiesengrund.« Während der Nazizeit, das ist bekannt, wurde in der dortigen psychiatrischen Heilanstalt an Kindern herumexperimentiert. »Die Punktierungen haben dem Bruno weh getan«, sagt er. Wenn er es sagt, spürt man den Schmerz von damals bis jetzt. Das dritte Dorf: »Zehlendorf, Claszeile 57.« Dort war das »Haus Kinderschutz«. Bruno S. hat es nicht in guter Erinnerung. »Und dann diese Albträume.«

Aber Bruno S. hat die Kraft zum Widerstand. Sobald er kann, haut er ab. Einmal schafft er es bis zu seiner Mutter vor die Wohnungstür. Sie läßt ihn nicht ein. Er bleibt davor sitzen, kommt zurück ins Heim, haut wieder ab. So geht das, bis der Krieg zu Ende ist. Im Chaos danach fällt ein dreizehnjähriger, verstörter Junge nicht auf. Er reiht sich ein in den Flüchtlingsstrom und landet in Süddeutschland bei Bauern, wo er auf dem Feld arbeitet. Später allerdings, als das Durcheinander überschaubarer wird, landet Bruno S. doch wieder in Heimen. Zuletzt im HufelandKrankenhaus in Buch bei Berlin. Dort lernt er, das Akkordeon zu spielen. Und mit dem Instrument findet er endlich einen Weg aus der inneren Isolation, aus dem Verstummen heraus. 1956 wird er entlassen, lebt zuerst in Obdachlosenasylen, arbeitet auf dem Bau und wird Gabelstaplerfahrer. Später hat er eine eigene Wohnung in Schöneberg. In seiner Freizeit aber zieht er mit seinem Instrument als Moritatensänger durch die Stadt. Das macht er bis heute.

Verbrieft sind all diese Informationen nicht. Freunde haben aufgeschrieben, was Bruno S. ihnen über lange Zeit erzählte. Franz Göbel von der Stadtklause am Anhalter Bahnhof ist so ein Freund. Er lädt ihn ein, in seiner Kneipe aufzutreten, weil der Gesang von Bruno S. ihn an den Ursprung der Kunst zurückgeführt hat. »Das ist Kommunikation«, sagt er.

Auch Klaus Theuerkauf von der Galerie Endart in der Oranienstraße ist ein Freund. Er versucht, das künstlerische Werk von Bruno S. zusammenzuhalten. Manchmal zeigt er Ausstellungen mit Brunos Bildern. Bruno braucht sehr lange für ein Bild. Er zieht Gitternetze, wenn er Skizzen ausarbeitet. Auf denen sind Operationsszenen zu sehen oder Dämonen und Monster. Im Stil naiver Malerei und der »Art brut« skizziert er Men
Foto: Michael Hughes
schen, deren Gewalttätigkeit scheinbar zart, und deren Zartheit brutal ist. Prügelnde Mütter kommen vor, Traumszenen und Albtraumszenen.

Brunos Freunde, das sind Menschen, die sich einmal berühren ließen von ihm. Sie haben Filme gesehen, in denen er mitspielte. Oder sie haben erlebt, wie er mit dem Akkordeon durch die Hinterhöfe zieht. Am liebsten mag er Höfe mit Mauern nach allen Seiten, die nur durch Fenster unterbrochen sind. In dieser Gefängnisatmosphäre singt er »Ein Zigeuner verläßt seine Heimat«. Oder das Kufsteinlied, das Wolgalied, »Das war in Schöneberg im Monat Mai«. Sein Repertoire ist über die vielen Jahre entstanden. »Ein Weihnachtslied kann auch ein Heimatlied sein«, sagt er.

Geadelt wurde Bruno S. von dem Regisseur Werner Herzog. Er ließ ihn in einem Film spielen, der den Titel trug »Jeder für sich und Gott gegen alle«. Bruno S. spielte die Hauptrolle, den 16jährigen Kaspar Hauser, Herkunft unbekannt. Einer, der jahrelang in Verliesen vor sich hin vegetierte, von keiner Menschenseele berührt. Einer, der vernachlässigt, geschunden und alleingelassen ist. Bruno S. kommt der verlassenen Seele des Kaspar Hauser ganz nah, weil es seine eigene Verlassenheit ist. Die Worte, die Hauser mühsam lernt, sind seine eigenen.

Werner Herzog hat noch einen zweiten Film mit ihm gedreht. »Stroszek« heißt er. Ein Mann wird aus dem Knast entlassen, trifft beim ersten Bier in der Kneipe auf Eva, eine alte Bekannte, Prostituierte, die gerade von ihrem Zuhälter geschlagen wird. Er nimmt sie auf. Zusammen mit ihr und dem Nachbarn versucht er sein Glück in Amerika. Es wird zu einer Odyssee des Scheiterns.

Es gibt Menschen, die Bruno S. nie mehr vergessen konnten, nachdem sie diese Filme gesehen hatten. So wie Franz Göbel. Irgendwann erkannte er den »Kaspar«, Jahre später auf der Potsdamer Straße. Bruno S. freut es, wenn sich Menschen an ihn erinnern. Er genießt diese Aufmerksamkeit. »Was, Sie haben mich als Kaspar Hauser gesehen?«, fragt er. Dann will er wissen, ob man sich noch an die Zirkusszene im Film erinnert. An das Kamel, das auf den Knien rutscht, an den Bären mit dem Maulkorb, den Affen, der sich auf dem Pferd festkrallt, das Lama, das spuckt. »Es fängt mit Tieren an und hört mit Menschen auf«, sagt er. Denn alle diese Tiere sind Teil des Kuriositätenkabinetts, in dem auch Bruno S. seine Rolle hat im Film. Neben Menschen, die zu klein sind, um von einem Thron herunterzusteigen, wie der Affe, oder solchen, die nicht sprechen, wie der Bär. Die Szene mit den Tieren ist ihm die wichtigste. Sie steht für Kreatur.

Gefängnis in Stroszek, Verlies in Kasper Hauser, Kinderheim in Deutschland. Bruno S. trägt seine Erlebnisse mit sich herum. Seit 51 Jahren schleppt er diese ersten 24 Jahre seines Lebens mit sich herum. Tut es weh, wenn Sie an die alten Geschichten denken? »Es macht mich naiv«, antwortet er. Die Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugend in den Heimen NaziDeutschlands und danach lassen ihn nicht los. Sie durchdringen alles. Der einzige Ausweg: Kunst. Die Bilder, die Lieder – und die Gedanken – die frei sind. »Das Lied ist für Menschen, die an zwei Orten sind. Wenn einer eingesperrt ist und doch draußen. Oder draußen und doch eingesperrt.«


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