Kreuzberger Chronik
Oktober 2007 - Ausgabe 91

Der Kommentar

Kahlschlagsanierung am Columbiadamm


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von Michael Unfried

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Alle sprechen über das Ende des Flughafens Tempelhof. Die Zeitungen ganz Deutschlands sind voll davon. Aber trotz aller Diskussionen und aller Liebe der Berliner zu ihrem ältesten Flughafen: Er wird geschlossen. Und das stand wahrscheinlich schon lange fest. Indiz dafür, daß man in Bezug auf eine Schließung des Flughafens nicht mit sich reden lassen würde und einiges vorhat auf der riesigen Grünfläche des ehemaligen Tempelhofer Feldes, war womöglich auch ein Geschehen am Rande des zukünftigen Baugeländes. Schon im vergangenen Jahr wurde eine Reihe stattlicher Bäume entlang einer der ältesten Alleen der Stadt gefällt. Die vereinzelten, von den Kreuzbergern leidenschaftlich verteidigten und dann hinterhältig gefällten Bäume am Ufer des Landwehrkanals fallen dagegen kaum ins Gewicht.

Am Columbiadamm nämlich wurden auf einer Länge von etwa dreihundert Metern sämtliche Bäume gefällt, die einst den Radweg entlang der alten Schrebergärten am Rande des Flughafens beschatteten. Jeder leidenschaftliche Radfahrer trat an der plötzlich kahlen Stelle in die Bremsen und versuchte, sich ein Bild zu machen. Es schien, als hätten die Bäume jener Allee, die bereits im 18. Jahrhundert von Neukölln zum Tempelhofer Feld und dem späteren Exerzierplatz führte, weichen müssen, um einer zusätzlichen Fahrbahn Platz zu machen. Denn die radikale Maßnahme der kompletten Entwurzelung des Baumbestandes schien nur dann Sinn zu machen, wenn eine Verbreiterung der Straße geplant war.

Das ist, wie sich inzwischen herausstellte, gar nicht der Fall. Denn dort, wo einst die hübsche Linie hoher Bäume stand, ist nichts anderes entstanden als ein langer, kopfsteingepflasterter Streifen zum Bestellen von Automobilen. Auch die Fußwege rechts und links der Straße werden neu gepflastert, und damit die Fahrradfahrer nicht meckern, glättet man auch deren Spur mit einer neuen Teerlage. Die Idylle des schattigen Radweges unter Bäumen allerdings ist zerstört.

Zwar haben die Bauarbeiter auf Anfragen versichert, daß für jeden gefällten Baum ein neuer gepflanzt werde, doch fragt sich, wo die Neupflanzungen eigentlich hinkommen sollen. Womöglich werden die Spröß linge der Baumschulen eines Tages auf der gegenüberliegenden Straßenseite oder auf dem Gelände des Flughafens stehen. Zwischen Vierfamilienhäuschen und Townhouses. Dann werden auf den Entwürfen, Modellen und Zeichnungen der Architekten, die über die Zukunft des freien Feldes entscheiden, womöglich auch die ersten Autos zu sehen sein auf den hübschen Parkplätzen am Columbiadamm. Denn bislang ist der neue Pflasterstreifen reichlich leer! Parklücken jedenfalls gibt es dort genug!

In solchen Momenten muß sich der mündige Bürger fragen, weshalb die Bäume nun tatsächlich weichen mußten. Er muß sich fragen, was das alles gekostet hat. Ob er das am Ende bezahlen muß, und für wen das alles gut sein soll? Und was ein Gesetz soll, das dem Raubbau an der Natur entgegentreten will und das mutwillige Fällen von Bäumen in der Stadt verbietet, wo es doch kaum mehr Mutwillen gibt als in so einem Fall.

Natürlich gibt es auf alle Fragen mißtrauischer Bürger Antworten, die Verkehrssicherheit wird herbeizitiert, die Unfallstatistik, entstehende Arbeitsplätze, die Ästhetik. Doch vielleicht entpuppt sich das baumfreie Parkpflaster ja auch eines Tages als Unterlage für eine neue Fahrspur! Wir werden sehen. Jedenfalls liegt der Verdacht nahe, daß man schon ziemlich lange ziemlich genau weiß, was einmal werden soll aus einer der größten Wiesen Berlins. Am Rande Kreuzbergs.

Michael Unfried

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