Kreuzberger Chronik
November 2007 - Ausgabe 92

Die Literatur

Oskar und die Kammerschönheit


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von Alf Trenk

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Oskar Huth verstand sich auf das Erzählen verwickelter und skurriler Geschichten. Zuweilen lieferte er selbst Stoff für eine solche. Als wir, Anfang der 60er Jahre, nach dem Herumstöbern bei einem Trödler schon wieder im Wagen saßen, hörte ich ihn etwas murmeln, was mich hellhörig machte. Er wolle Caspar Hauser heißen, wenn das eben keine Bergonzi gewesen sei.
»Bergonzi?« fragte ich. – »Ein Schüler Stradivaris, Ende 17. Jahrhundert!« – »Du bist dir sicher?« – »Unbedingt!« – »Ganz sicher?« – »Unbedingt!« – »Dann kehren wir um und kaufen sie.« Der Mann werde Verdacht schöpfen, sorgte sich Oskar. Er müsse ihm ja keine Vorlesung über Bergonzi halten, empfahl ich. Tatsächlich war der Trödler froh, die vergammelte Fiedel loszuwerden. Für fünfunddreißig Mark gehörte sie uns.

In der Folgezeit erfuhr mein Wissen über Geigenbau ungeahnten Zuwachs. Oskar wurde nicht müde, zu demonstrieren, daß sämtliche Details unserer Erwerbung sein Urteil bestätigten. Übrigens tat das, wie ich beim Hineinleuchten feststellte, auch ein Schild im Bauch der Antiquität: " Michel Angelo Bergonzi - Figlio di Carlo - fece in Cremona - l’anno 1755 "

Da stand es, schwarz auf vergilbtem Grund! Dem Verkauf stand nichts mehr im Wege, wir würden im Geld schwimmen. Oskar lächelte dünn, als ich ihm meine Entdeckung zeigte. Solche Dinger klebten in jeder um 1900 gefertigten Geige, für die Echtheit der unseren spreche jedoch ihre Bauart. Um sie zu veräußern, bräuchten wir die Expertise eines anerkannten Gutachters … Diese Leute seien durch die Bank ignorante, korrupte Scharlatane. Vor meinem geistigen Auge entstand eine Szenerie dunkler Gestalten, die in Hinterzimmern dubiose Geschäfte tätigten. Oskar schien das Problem zu ignorieren. Vorerst gelte es, Lack und Bespannung zu erneuern.

Die Ausführung dieses Plans zog sich hin. Oskars »Alltagslage« (seine Metapher für die Folgen nächtlichen Kunsttrinkens) widerstand hartnäckig allen guten Vorsätzen. Doch eines Tages erschien er mit Saiten, Geigenlack und Pinsel, und ging ans Werk.

Ich schöpfte Hoffnung. Womöglich hatte er im Hinterkopf schon einen Plan für das Gutachten? Beim nächsten Treffen wollte ich das Gespräch darauf lenken, doch er wich aus und enthüllte stattdessen ein neues Problem: Bewährt sich die Bergonzi im Konzertsaal oder ist sie nur eine Kammerschönheit? Er fügte hinzu: Dann sei sie nichts für einen Orchestermusiker, wohl aber ein attraktives Sammlerobjekt.

»Und wie finden wir das heraus?« »Wir bitten einen unserer Freunde von den Symphonikern, sie zu spielen. Am besten in der Philharmonie.« Der Musiker sagte auch bereitwillig zu, kam aber nie. Schließlich erbarmte sich ein Berufsfiedler aus dem Dunstkreis der Nulpe. Ort der Hörprobe war ein Gemeindesaal.

Unser Geiger strich die Saiten, während Oskar fortwährend den Platz wechselte und den Ton aus allen Richtungen prüfte. Nachdem er das Manöver wiederholt hatte, äußerte er Zweifel an der Eignung der Räumlichkeit. Mir dünkte, er hatte sich längst für die »Kammerschönheit« entschieden.

In den folgenden Jahren wanderte die Geige durch viele Hände. Darunter auch solche von Leuten mit Fachwissen. Sie bestritten dreist, eine Bergonzi vor sich zu haben, was sie in Oskars Augen als Mitglieder der Geigenmafia auswies. In der Szene sprach sich die Sache herum, angereichert mit den üblichen abenteuerlichen Ausschmückungen. Die Künstlerkneipenrunden hatten ihren Spaß mit Oskar, wenn er bei der scheinheiligen Frage nach dem Stand der Dinge unbeugsam auf die Urheberschaft Bergonzis pochte und seinen Bannstrahl gegen die Geigenmafia schleuderte.

Umso mehr verblüffte es mich, als er sich plötzlich entschloß, das Instrument noch einmal gründlich aufzuarbeiten. Danach, prophezeite er, würde dessen Echtheit jedem ins Auge springen. Valeria, eine Freundin von uns, habe ihm angeboten, bei ihr zu arbeiten. Sie war Restauratorin im Schloß. Dort habe er die nötige Ruhe und Inspiration. Mir war es recht, seit der ersten eiligen Verschönerung hatte der Zahn der Zeit einige Spuren an Bergonzis Werk hinterlassen.

Die feudale Atmosphäre steigerte Oskars Engagement merklich. Alle paar Wochen berichtete er von jüngsten Fortschritten. Den alten Lack habe er abgetragen, die Bespannung völlig erneuert, zahlreiche Korrekturen vollzogen. Er untermauerte seinen Bericht mit detailgenauen Schilderungen, denen ich ebenso fasziniert wie verständnislos lauschte.

Es leuchtete ein, daß solch umfangreiche Restauration einen angemessenen Zeitraum beanspruchen würde. Es verging ein Monat, ein Viertel, ein halbes Jahr. Eines Tages erschien er wie gewöhnlich, doch mit seltsam verschmitzter Miene: »Brüderchen, deine Geige ist fertig!«

»Unsere«, verbesserte ich ihn. »Wo ist sie denn?« – »Im Schloß. Bei Valeria.« – »Können wir sie holen?« – »Valeria wird nicht mehr da sein.« – »Rufen wir sie an!« Das habe er gerade getan, aber es habe niemand abgehoben. Ich war dafür, es nochmals zu versuchen. Valeria meldete sich sofort und freute sich, uns zu sehen.

Es dämmerte schon, wir tranken Tee in ihrem Arbeitsraum, umgeben von alten Bildern, Goldrahmen, Farbpaletten und einem summenden Samovar, während draußen die Sonne hinter den Parkbäumen versank. Wir kamen ins Plaudern, vergaßen die Zeit, bis uns der Schlag einer Pendeluhr aufschreckte. Ja also, die Geige!!

»Hol sie mal runter, Oskar,« sagte Valeria und wies auf das oberste Brett eines mit Büchern, Farben, Leinwandresten und Papieren vollgestopften Regals. Es war gut vier Meter hoch. Oskar brauchte eine Leiter, um den Kasten zu bergen. Vollführte er jedesmal, wenn er kam und ging, dieses Akrobatenstück? Er verabschiedete sich mit einem Handkuß von unserer Freundin, wollte den Kasten unter den Arm klemmen und gehen.

»Laß sie mich wenigstens mal kurz anschauen«, bat ich, »das ist ja ein großer Moment!« Ich öffnete den Kasten. Die Geige lag darin, so wie Oskar sie vor einem Jahr mitgenommen hatte, abgegriffen, angestaubt, mit teils zersprungenen Saiten. Ich war perplex: »Du hast ja nichts daran gemacht!« Oskar schwieg, und Valeria sah ihn verwundert an: »Hattest du wirklich vor, sie zu restaurieren?« Auf dem Rückweg durch die stille Schloßstraße bemühte ich mich vergeblich, das Schweigen zu durchbrechen. Ich wußte: Wenn er meinte, sein Gesicht verloren zu haben, ging er auf Tauchstation. So war es auch diesmal. Über ein Jahr mied er sorgfältig unsere Kreise. Als wir uns dann wiedersahen, war alles wie gewöhnlich. Nur das Wort »Bergonzi« fiel nie wieder zwischen uns.

Alf Trenk

Alf Trenk veröffentlichte 2001 ein Buch über den Freund: »Oskar Huth: Überlebenslauf«, erschienen im Merve Verlag, Berlin; 158 Seiten, (www.merve.de)


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