Kreuzberger Chronik
November 2007 - Ausgabe 92

Die Geschäfte

Musik aus dem Hinterhof


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von Horst Unsold

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Kreuzberger Kultur verbirgt sich in Hinterhöfen. Auch in der Bergmannstraße Nr. 102, wo Penny und ein Getränkemarkt ihre Filialen haben, und wo im 1. Stock Kleider per Kilo verkauft werden. Eine Etage darüber hängt ein gewaltiger Piranha aus Pappmaché unter der Fabriketagendecke. Darunter sitzen 20 in die Arbeit vertiefte Mitarbeiter. Sie sind die Zähne des kleinen Raubfisches.

»Seit 1987 im Haifischbecken der Musikindustrie« – so überschreibt das Berliner MusikLabel Piranha aus der Bergmannstraße seine Pressemitteilung zum 20. Geburtstag des Firmenkonglomerats. Piranha ist ein Messe und Musikveranstalter, sowie ein unabhängiger Musikverlag, der in den vergangenen 20 Jahren eine Reihe interessanter CDs auf den Markt gebracht hat, und der von »World Music« sprach, als noch niemand wußte, was damit gemeint war.

Trotz dieses Erfolges ist das Label kein Konzern geworden und hat sich stets abseits des Mainstreams aufgehalten. Es schwamm gegen den Strom, ein kleiner, bissiger, nicht zu unterschätzender Konkurrent: Piranha. »Alleine sind sie vollkommen harmlos.«, sagt Christoph Borkowsky Akbar, der letzte, der von fünf Firmengründern übrigblieb. »Aber wenn sie sich zusammentun, dann…«

Foto: Michael Hughes
Tatsächlich wäre Berlin ohne die vielen Aktionen und Kooperationen von Piranha um einige Attraktionen ärmer, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgten. Piranha ist verantwortlich für »Die Lange Nacht der SoundSystems« als offizielle AfterparadeParty des »Karnevals der Kulturen«, und Piranha ist es zu verdanken, daß 1988 anläßlich der Kürung Berlins zur Kulturhauptstadt Europas das Heimatklänge-Festival erfunden wurde, das »langsamste Festival der Welt«. Anstatt im Stundenrhythmus Band auf Band folgen zu lassen, spielten die Musiker hier gleich fünf Tage lang. »Die Gage war nicht groß, aber sie haben die Zeit in Berlin genossen und Berlin lieben gelernt.« Zwar kannte »kaum einer die Bands, aber alle wußten: Das ist immer eine Überraschung auf höchstem Niveau.« 18 Jahre lang zogen in den Berliner Sommern bis zu 100.000 Zuhörer vor die Weltmusikbühne der Hauptstadt, die Heimatklänge waren ein Aushängeschild für Berlin.

Doch das Fest, das so enthusiastisch unter dem Slogan »Umsonst und draußen« vor dem Tempodrom begonnen hatte und nach Streichungen der Senatsgelder immerhin noch »für wenig Geld und drinnen« überleben konnte, wurde am Ende zu einem unbedeutenden Teil des Rahmenprogramms der WM. Es war ein Desaster, »wir mußten den Musikern sagen: ›Schön, daß ihr gekommen seid, aber Musik machen könnt ihr leider nicht‹.« Selbst nach den Spielen wollten die Fußballfans lieber die Kommentare von Waldi & Co hören anstatt Musik.

Borkowsky Akbar trauert den Heimatklängen nicht nach, »Festivals sind etwas lebendiges, irgendwann sterben sie oder kommen ins Pflegeheim.« Außerdem haben die Heimatklänge Nachwuchs hinterlassen. Denn auch, wenn Borkowsky nach eigenen Angaben bereits »rasant auf die Hundert zugeht«, beschäftigt er sich gerade mit einem Festival in China. »Früher brachten die Heimatklänge die Weltmusik nach Berlin, jetzt möchten wir die Musik aus Berlin in die Welt bringen«. Denn Berlin ist ein Meltingpot verschiedenster Musikrichtungen, wie eine CD beweist, die Piranha gemeinsam mit radio multikulti produzierte: »Berlin Calling« ist eine Berliner Mischung mit Beiträgen von P. R. Kantate, Culcha Candela, Seeed, den 17 Hippies, Muhabbet oder Los Bomberos de Monte Cruz (»Kreuzberger Feuerwehr«), die mit »Flamenco, Balkanklängen und Ska die Welt zwischen Yorckbrücken und Warschauer Straße anheizen«. Berlin verdient, gehört zu werden, im Schmelztiegel dieser Stadt leben Menschen aus 150 Nationen, da »formiert sich ein kreatives Potential, das in Europa seinesgleichen sucht.«

Dennoch findet die von Piranha initiierte »Womex« auch dieses Jahr wieder in Sevilla und nicht in Berlin statt. Obwohl auch sie zum ersten Mal 1994 im Haus der Kulturen stattfand. Damals kamen 250 Fachbesucher, niemand glaubte, daß die Veranstaltung einmal zur »weltgrößten Fachmesse für globale Musiktrends« und zu einem Meeting der Weltstars der Weltmusik werden könne. »Berlin ist da viel zu bürokratisch. In Sevilla ist eine Förderung schnell errechnet. Die überlegen, wieviele Besucher die Veranstaltung anziehen wird, und das wars dann!«

Berlin hat es verschlafen, daß die großen Städte längst europaweit miteinander um die Ausrichtung von Veranstaltungen konkurrieren. Christoph Borkowsky verschläft nichts. Noch immer kostet ihn das kleine Unternehmen »schlaflose Nächte am Schreibtisch«. Und manchmal wünscht er sich, er könne noch mal von vorn beginnen, sich »noch mal selbständig machen«, – wie damals, als sie ein paar spannende Ideen verfolgten, und »nebenbei noch Geld damit verdienten«. Heute ist manches ermüdender Alltag.

Begonnen aber hat alles sehr spannend, im südlichen Afrika, Mitte der Siebziger, wo der Student seine Doktorarbeit über »die Ethnologie der Widerstandsbewegungen in DeutschSüdwestAfrika« schreiben wollte. Zwei Jahre blieb er, verkehrte in den illegalen Kneipen von Katutura, fuhr mit den Schwarzen aufs Land, wo sie in ausgetrockneten Flußbetten und ausgerüstet mit einem billigen Ghettoblaster Musik »querbeet hörten, von Boney M über Dolly Parton und Soweto-Jive bis hin zu Gospelliedern. Und wenn die Batterien leer waren, dann wurde eben selbst Musik gemacht«.

Zurück in Deutschland steht der Einmarsch Rußlands in Afghanistan im Mittelpunkt des politischen Interesses. Borkowsky erlebt das Schicksal der Flüchtlinge aus nächster Nähe. 1980 organisiert er mit Freunden ein Benefizkonzert für Flüchtlinge aus Afghanistan. Das Metropol war voll. Es folgte ein ausverkauftes »OrientRockFestival« im Ballhaus Naunynstraße, und auch im seit Jahren geschlossenen Hebbel Theater »feierte« man 100 Jahre nach der Berliner Afrikakonferenz vor vollem Haus ein AfrikaFestival. Im Tempodrom fand »Beat! Apartheid« statt, die Bands, die dort auftraten, nahmen die erste Langspielplatte des Labels Piranha auf. »Allerdings haben wir da die Pausen zwischen den Liedern vergessen«, jetzt fehlen die dünnen, glänzenden Streifen auf der Scheibe.

Und dann kamen die Heimatklänge, »das richtige Festival zum richtigen Zeitpunkt. Ofra Haza lief gerade auf allen deutschen Radiosendern«, World Music gehörte plötzlich zum Mainstream. Piranha aber ließ sich von der Spur der Haie nicht verführen. Bis heute kümmert sich das kleine Label aus Kreuzberg um die Unterprivilegierten: um die Musik der Zigeuner, die jüdische Musik, die schwarze Musik. Das ist der rote Faden, an den sich Piranha hält, der kleine Fisch mit den scharfen Zähnen.

Horst Unsold


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