Kreuzberger Chronik
Mai 2007 - Ausgabe 87

Das Essen

Sas in der Morenabar


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von Saskia Vogel

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Sas sucht Gemütlichkeit. Also geht sie in die Morena Bar. Hier fühlt sie sich wie ein marokkanisches Prinzeßchen. Das lichtdurchflutete Innere ist mit einem wundervollen blauen Mosaik gepflastert, das Sas bewundert. Weil sie weiß, daß die kleinen Steinchen irre teuer waren. Das Holzmobiliar ist weniger filigran als rustikal. Das bewundert Sas auch weniger. Aber die Morena hat immer eine frische »Gala« da, und Paris Hilton ist hier wirklich nackt zu sehen. Außerdem ist die Morena die einzige Bar am Spreewaldplatz, auf die im Sommer den ganzen Tag die Sonne knallt. Hier hat sich auch schon Sas im kurzen Kleid geaalt – und ist vor Durst fast gestorben. Weil keiner sie bedient hat. Auch heute kommt niemand.

Sas wirft einen Blick in ihren Taschenspiegel, aber sie ist noch da. Die Kellnerin sieht wow aus und hat eine wahnsinnige Mähne; mit energischem Gang läuft sie an Sas vorbei. Sas lächelt ihr freundlich zu und tippt auf die Karte. Die Kellnerin wirft Sas erst einen schnippischen Blick zu, dann sieht sie zur anderen Seite. Der Seite, auf der Sas nicht sitzt.

Sas läßt sich 25 Minuten ignorieren. Und überlegt inzwischen, ob die drei Bedienmädchen an einem Brunch-Samstag wie heute mit den vielen Gästen und dem langen Tresen vielleicht überfordert sind? Und ob zwischen Kaffeeschaumkunst, Aschenbecherleeren und Sonderwunscherfüllen vielleicht doch noch Zeit für einen schnellen Kaffee zwischendurch bleibt. Sas möchte milde sein mit den armen Mädchen, sie überlegt, daß wahrscheinlich das Management Schuld ist. Das sollte mehr Personal einstellen oder mehr zahlen.

Da kommt die Kellnerin! Sas winkt und ruft »Hallo!«. Die Kellnerin winkt auch. Und imitiert Sas mit schriller Stimme: »Hallo, ja hallo.« Und dann geht alles ganz schnell. Der Blaubeer-Shake schlägt mit einem großen »Wumm« auf der Tischplatte auf. Der Soja-Drink ist großzügig bemessen, das muß Sas schon zugeben. Und angenehm wenig Zucker macht aus ihm einen »Wellnessdrink«, wie alle Mädchen ihn gerne mögen. Nur die mitgelieferte Unfreundlichkeit macht ihn etwas bitter.

Sas kann ihren Unmut nicht mehr zügeln. Sie kann sich auch sonst nur schwer zügeln, Ferien auf dem Ponyhof haben ihr die Eltern nie spendiert. Sie will ihre 3,30 Euro zahlen, sofort. Dafür muß sie natürlich selber an den Tresen kommen. Sas legt einen Fünfer hin und dreißig Cent. Sie erwartet zwei Euro Retour. Die bekommt sie auch – liebevoll zerstückelt in 20, 10 und 5 Cent Münzchen. Während Sas bemüht ist, den Metallberg in ihrer Börse zu verstauen, fragt sie sich, ob sie es ist oder die Kellnerin, die jetzt irgendetwas nicht richtig verstanden hat.

Sas’ Protest kommt still und heimlich. Auf ein Stück Pappe kritzelt sie »Nicht mit mir!« Das Schild versteckt sie hinter dem Spreewaldbad. Und holt es jeden Morgen wieder hervor, wenn sie frierend an der Haltestelle gleich gegenüber der Morena auf den M29 wartet. Ihre Morgengymnastik besteht ab sofort darin, wie wild das Schild vor der großen Glasfront der Morena Bar zu schwenken, hinter der die ersten Gäste bereits glücklich an ihrem Kaffee nuggeln. Aber niemand beachtet sie. Bis sie eines Morgens beim Demonstrieren hinschlägt und sich das Kinn am Asphalt blutig haut. Da schnellt die Tür der Morena auf, die Löwenmähnen-Kellnerin hechtet mit einem gefährlichen Sprung auf die wehrlos am Boden liegende Sas zu – und bietet ihr zum Trost eine Tasse heißen Kakao an. Sas nimmt diesen Service dankbar in Anspruch. Und verheizt am Abend das Schild kommentarlos im Ofen.

Saskia Vogel


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