Kreuzberger Chronik
Mai 2007 - Ausgabe 87

Die Literatur

Was ist mit Leroy Terror


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von Robert Resque

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Der Vertreter des Polizeipräsidenten tritt auf einen der Menschen vor ihm zu. Es ist etwa 17.30 Uhr. Um 18 Uhr beginnt die offizielle Maidemo am Oranienplatz in Kreuzberg. »Sind Sie hier verantwortlich?«, fragt Kommissar Rex. »Kann man so sagen, Bullensau«, antwortet ihm ein langhaariger Angetrunkener, der eine schwarz-rote Antifaflagge unterm Arm trägt. »Es gibt Gerüchte, die besagen, Leroy Terror wäre heute nicht zugegen. Wissen Sie da Genaueres?« Die Miene des Revolutionärs verdüstert sich. »Fick dich, Scheißbulle. Er wird noch rechtzeitig genug auftauchen, um dir in den Arsch zu treten. Dieses Jahr werden wir euch noch mehr fertig machen als letztes Jahr.«
»Jaja, ich verstehe.« Kommissar Rex macht deutlich, dass er der Drohung seines Gegenübers keinerlei Bedeutung zumisst. »Es ist wichtig, dass er anwesend ist, verstehen Sie? Die Motivation der Beamten hängt wesentlich von seinem Erscheinen ab. Euch paar lächerliche Vogelscheuchen weglaufen zu sehen, macht keinem von uns irgendwelchen Spaß. Wir brauchen einen richtigen Gegner, einen, der uns herausfordert, einen vom Kaliber eines Leroy Terror. Sehen Sie zu, dass er in einer halben Stunde hier ist. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Der Langhaarige tritt von einem Bein aufs andere. »Er wird schon rechtzeitig hier sein, um euch zu erledigen, glaub mir, Bullenschwein.«
»Junge, du willst doch bestimmt noch einen Nachtisch?«
»Ich bin satt, Mutti. Das Schweinesteak Wiener Art war köstlich, und die Bratkartoffeln stopfen ziemlich.«
»Keine Widerrede, Jan-Karl. Du weißt, dass es in unserer Familie Tradition ist, nach dem Mittagessen noch einen Nachtisch zu genießen. Der Erdbeereisbecher sieht toll aus. Du magst doch Erdbeereis, oder?« Eine halbe Stunde später schleppt sich Leroy Terror im Schlepptau seiner Mutter in die Parkanlage. Seit Jahren hat er sich aufgrund seiner finanziellen Lage nur von Tiefkühlpizzen, Dönern und Billigschokolade ernährt. Jetzt hat er Nahrungsmittel zu sich genommen, die sein Magen kaum zu vertragen scheint. Er fühlt sich, als hätte er gekifft. Am liebsten würde er in den nächsten, gepflegten Busch kotzen, doch das würde ihm seine Mutter als Naturliebhaberin nicht verzeihen. Die Wege durch die Parkanlage ziehen sich hin. Die Mutter von Jan-Karl Karzmann bleibt an jeder Statue, jedem exotischen Baum, jedem Brunnen stehen und erklärt ihrem wortkarg gewordenen Sohn, um was genau es sich handelt. Anfangs kommen ihnen noch wenige Ausflügler entgegen. Nach einer Stunde erreichen sie die Gebäudekomplexe um das Neue Palais herum. Dort drängen sich Fußgänger und Radfahrer aus aller Herren Länder. Japanische und amerikanische Touristen lassen sich vor den monumentalen Treppen ablichten. Leroy Terror handelt aus Vorsicht. Er schlägt den Kragen der Weste hoch, um nicht in die Linsen der Kameras zu geraten. Seiner Mutter gegenüber erklärt er, er könne sich auf andere Weise bei dem Wind keine Zigarette anzünden.
Eine geraume Weile später steht Leroy Terror vor dem Blickfang des ganzen Parks, dem Schloß Sanssouci. Sein vor wenigen Wochen begonnenes Lauftraining als Vorbereitung auf den Bewegungsmarathon am Kampftag bewahrt ihn vor Muskelschmerzen. Seine Mutter ist hin und weg von der Architektur des Schlosses. Er findet alles scheiße, vor allem die ganzen Touris und das ständige Anhalten und Schauen vor irgendwelchen Statuen mit halbnackten Göttern und adligem Gesocks.
Sein Blick fällt auf die Uhr. Es ist 15.00 Uhr. Wenn alles gut geht, kann er es bis 18.00 Uhr zum Oranienplatz schaffen.

Entnommen aus der Anthologie »Provinz Berlin«, Satyr Verlag, 12,90 Euro, ISBN: 3-938625-04-X


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