Kreuzberger Chronik
Mai 2007 - Ausgabe 87

Straßen

Jakobikirchstraße


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von Werner von Westhafen

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Während man sich bei der Alten Jakobstraße nicht ganz einig ist, ob sie ihren Namen nach dem alttestamentarischen Bruder Jakob oder einem gleichnamigen Bürger bekommen hat, der wesentlich später in der Gegend gewohnt haben soll, besteht bei der Jakobikirchstraße kein Zweifel: Die kleine Straße ist benannt nach ihrem Ziel, der St. Jakobi-Kirche, die wiederum zweifelsfrei nach dem Apostel Jakobus benannt wurde, der seit 1845 mit der Heiligen Schrift in der Linken und einem Kruzifix in der Rechten als Sandsteinskulptur im Atrium des Gotteshauses steht. Apostel Jakobus war es auch, der bereits dem Jakobs-Hospital in der Alten Jakobstraße, der ältesten Straße der damaligen Luisenstadt und auch im heutigen Kreuzberg, seinen Namen geliehen hatte.

Doch nicht nur den Namen hat die Straße genaugenommen der gleichnamigen Kirche zu verdanken, sondern ihre ganze Existenz. Die Jakobikirchstraße gäbe es ohne dieses Gotteshaus nicht, dessen Grundsteinlegung 1844 in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm IV. persönlich auf just jenem Wiesengrundstück stattfand, das der König selbst zuvor für 26.000 Reichstaler noch an die Kirche verkauft hatte. Der Baumeister hieß Friedrich August Stüler und war der Nachfolger des berühmten Karl Friedrich Schinkel. 1845 wurde die Kirche dann auch besonders feierlich eingeweiht – wieder in Anwesenheit des Königs und der Königin, die mit einem Sonderzug eigens aus Potsdam anreisten, aber auch des Bischofs D. Neander, nach dem wenige Jahre später eine in der Nähe gelegene Straße benannt wurde. Die Neanderstraße gibt es schon lange nicht mehr, die kleine Straße aber, die noch immer zur Kirche führt, hat ihren Namen heute noch.

Allerdings hat auch die Jakobikirche straße im Lauf der Jahre ihre Verwandlungen erlebt. Sie erhielt ihren Namen am 7. April 1849, als noch kein Straßenpflaster den Weg bedeckte und nur die ledernen Sohlen der Gläubigen das Sträßchen festigten. Eine Zeitlang war auch ein Teil der Ritterstraße nach der Kirche benannt, die beim Großangriff der Alliierten am 3. Februar 1945 bis auf den Turm und den Kreuzgang zerstört wurde. Die Straße allerdings wurde schnell wieder geräumt, denn in den Zeiten größter Not ist Gott bekanntlich am nächsten. Der Bedarf nach tröstenden Worten war so groß, daß neben der Ruine der Basilika eine hölzerne Notkirche errichtet wurde, in der bis 1957 die Gottesdienste der St. Jakobi-Gemeinde abgehalten wurden. Dennoch wurde 1974 der Straßenteil zwischen Ritterstraße und

Foto: Dieter Peters
Mathieustraße zunächst einmal umbenannt, und erst am 14. August 1981, 23 Jahre, nachdem die Kirche in mühe- und liebevoller Arbeit wiederaufgebaut worden war, wurde ein kleiner Zweig der Ritterstraße zur Privatstraße und wieder der St. Jakobi-Kirche gewidmet.

Die Straße führt noch heute zu einem außerordentlichen, unerwarteten Ort. In unmittelbarer Nachbarschaft zur geschäftigen Oranienstraße, zur Ritterstraße, zur Prinzenstraße und dem ruhelosen Verkehr der Linie 1 ist das alte Kirchengebäude mit seinem stillen Atrium, den efeuumrankten Backsteinwänden und dem alten Vorgarten eine friedliche Oase. Auch jene, die von Architektur und Religionsgeschichte nichts verstehen, spüren in dieser Landschaft aus Gärten und Gebäuden das Mediterrane. Tatsächlich ist die Kreuzberger St. Jakobi-Kir- che die einzige Basilika dieser oft als »byzantinisch« bezeichneten, italienisch-frühromanischen Art im Westen Berlins. Denn bevor der Architekt Friedrich August Stüler in Schinkels Fußstapfen trat und zum preußischen Hofbaurat wurde, um neben vielen andern Bauwerken das »Neue Museum« in Berlin zu entwerfen, die »Alte Börse zu Frankfurt am Main«, einige Prachtanlagen im Park von Sanssouci, die Nikolaikirche in Potsdam oder das Nationalmuseum von Stockholm, reiste der junge Mann in den Jahren 1829 und 1830 nach Frankreich und Italien, um sich unter der Sonne des Südens inspirieren zu lassen.

Foto: Postkarte
Ansicht von der Oranienstraße, Postkarte aus der »Edition Kreuzberger Ansichten«, Dieter Kramer

So fanden sich auch im Kirchenschiff damals dann viele in Berlin noch fremde Stilelemente. Korinthische und dorische Säulen, wie man sie eher in Italien oder Griechenland als in Kreuzberg vermutete, trugen die theaterähnlichen Galerien an den Seiten des Kirchenschiffes. Die Apsis hinter dem Altar wurde mit einem südländisch farbenkräftigen Mosaik belegt, das Jesus mit seinen Jüngern Petrus, Paulus, Johannes und natürlich Jakobus zeigte. Heute ist von alledem nur noch wenig erhalten, die antik anmutenden Säulen sind schlanken Zementträgern gewichen, die Emporen sind entfallen, und auch Jakobus und seine Weggefährten sind nicht mehr zu sehen. Geblieben, als hätte sie diesen schlimmsten Angriff auf Berlin wie durch ein Wunder überlebt, ist nur die Mitte des einstigen Mosaiks: Die Darstellung des segnenden Christus.

Draußen aber sind die Arkadengänge des Kirchhofs erhalten geblieben, und die Ruhe des Efeus und der alten Mauern. Bis heute fahren die Reisebusse an der St. Jakobi-Kirche vorüber und stören die schöne Stille inmitten Kreuzbergs nicht.

Werner von Westhafen

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