Kreuzberger Chronik
Februar 2007 - Ausgabe 84

Die Reportage

Prominenz im Händlerdorf


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von Michael Unfried

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Es sah so aus, als wäre die Halle in panischer Eile verlassen worden: Offensichtlich hatte man keine Zeit mehr gehabt, die großen gelben Kürbisse mitzunehmen, die akkurat geflochtenen Knoblauchzöpfe einzupacken, erst recht nicht die Kisten und Kartons mit faulem Obst. Aber auch praktischere und unverderbliche Ware wie Suppenteller, Gießkannen, Blumentöpfe oder ein Fernseher, der verlassen inmitten eines leeren Standes stand, blieben zurück. Die langen Reihen der Marktstände, in denen vor zwei Tagen noch Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch, Kurzwaren und Tabakwaren angeboten wurden, waren jetzt menschenleer. Die Zeit schien endgültig abgelaufen zu sein für die große Schultheissuhr, die Jahrzehnte lang in der Mitte der Halle von der Decke hing und den Marktfrauen und Marktmännern zeigte, wieviele Stunden es noch waren bis zum Feierabend. Jetzt war endgültig Feierabend.

Foto: Dieter Peters
Neue Zeiten sind angebrochen. Andreas Foidl von der Berliner Großmarkt GmbH scheint erleichtert. Im November noch hatte er, so erzählte man sich kürzlich bei Mona am Würstchenstand, den es nun auch nicht mehr gibt, mit dem Gedanken gespielt, das Handtuch in den Kreuzberger Ring zu werfen. Zu nervenaufreibend sei dieser Kampf mit den Bewohnern gewesen, diese ständige Observierung durch Presse und Öffentlichkeit. Nichts konnte man den Kreuzbergern recht machen, immer waren sie dagegen. Doch am Samstag, dem 13. Januar, sah er zufrieden aus. Denn am Samstag, dem 13. Januar, wurde das sogenannte Händlerdorf  voraussichtlich für ein Jahr das Übergangsquartier der Markthallenhändler  feierlich eröffnet. Und es war wie immer bei diesen Anlässen: Es gab ein bißchen Musik, ein bißchen etwas zu essen, ein bißchen Volk... und viele, viele Lobreden.

Kritische Worte waren an diesem Samstag nicht angebracht. Von einem Unikat in Berlin war die Rede, von einem humanen Prozeß, und von der Demokratie. Nur ein oder zwei Stimmen aus dem Volk erhoben Einspruch, und selbst Klaus Brünger und Angela Spreu, die einst ebenso eloquenten wie kritischdistanzierten Abgeordneten der vereinigten Händler der Markthalle, fanden an diesem 13. Januar auf der kleinen Bühne lediglich Dankes und Lobesworte. Am Ende ließen sie es sich nicht nehmen, dem Herrn Bürgermeister gar eine Aufmerksamkeit in Form eines kleinen Hammers zu überreichen. Einige Umstehende begannen zu diskutieren, ob nicht vielleicht doch eine verborgene Symbolik in dem Präsent steckte. Sonst aber herrschte Langeweile.

Selbst die Händler in ihren Containern  von den Markthallenmanagern lieber »Pavillons« genannt  schenkten den Politikern kaum Gehör. Sie waren bereits mit ihren Geschäften beschäftigt und machten
Foto: Dieter Peters
ihren Umsatz. Sie sahen zufrieden aus in ihren neuen Ständen, auch wenn sich einige ziemlich zusammenreißen mußten. Selbst Angela Spreu standen für ihr kleines Haushaltswarenuniversum nicht mehr komfortable 100, sondern nur noch schmale 30 Quadratmeter zur Verfügung. Aber auch die Marktfrau strahlt Zufriedenheit aus und sagt mit dem üblichen Brustton der Überzeugung: »Es ist alles wieder drin!«

Angela Spreu ist eben immer dabei! Einige alte Bekannte aber, wahre Institutionen aus der Halle, suchten die Bewohner Kreuzbergs an diesem Tag vergeblich: die Blumenläden, den »Radiofritzen«, das italienische Feinkostgeschäft Bancarella und auch Mona vom Hinterausgang mit ihrem Kaffee und ihren Würsten und den alten Männern. Bei Mona kam sie noch zusammen, die berühmte Kreuzberger Mischung, da standen die Alten und die Jungen, die Dicken und die Dünnen, die Arbeitslosen und die paar, die noch Arbeit hatten, alle zusammen. Selbst der dicke Kanzler Kohl soll hier schon gestanden haben. Bei Mona fand man für jeden ein passendes Wort.

Mona und Bancarella wären wohl auch gern dabeigewesen an diesem Tag. Aber sie hatten sich nicht einigen können mit der Berliner Großmarkt GmbH. Die exklusiven Mieten in der verglasten ersten Reihe, in die sie hätten ziehen müssen, und die vorgeschriebenen Öffnungszeiten bis zum späten Abend waren für sie nicht akzeptabel gewesen. Auch vom alteingesessenen Gasthaus Friedrich Hertz ist jetzt nichts mehr zu sehen: Vor der denkmalgeschützten Fassade der Halle türmen sich die Container der BGM. Der Wirt sitzt jetzt allein in seinem neuen Gasthaus in der Friesenstraße und starrt aus dem Fenster.

Von jenen, die nicht mitkommen konnten ins sogenannte Dorf, sprechen die Männer am Mikrophon nicht. Sie sprechen von 60% der Händler, die ins neue Konzept hätten übernommen werden können. Und von diesen 60% sind 100 % zufrieden. Sie haben eine anstrengende Woche hinter sich, mußten sägen, schieben, improvisieren, einräumen. Aber sie haben erstmals seit Jahren wieder einen Mietvertrag in der Tasche. Auch wenn einige von ihnen für den neuen Vertrag nun doch ein paar Euro mehr hinlegen müssen als vorher. Aber wer denkt jetzt schon an morgen? An die neue Halle? Die ist noch Zukunftsmusik! Jetzt denken alle nur an eines: an den Erfolg des Containerdorfes. Und da zahlen sie keinen Cent Miete. Das haben sie sich erkämpft. Sie, und Christoph Schulz vom vielgescholtenen Mieterrat, der mit seiner Veranstaltung in der Passionskirche die Aufmerksamkeit der Medien auf das Schicksal von Halle und Händlern lenkte.

An den denkt an diesem ersten Markttag keiner der Händler. Der Andrang der Neugierigen ist zu groß, der Umsatz an diesem ersten Tag für viele eine angenehme Überraschung. Und einer wagt schon mal die scherzhafte Prognose, daß das Provisorium aus Containern am Ende vielleicht besser funktioniere als später die neugestaltete Halle. Auch der amtierende Bürgermeister Dr. Franz Schulz hält es für wahrscheinlich, daß sich im Sommer auf dem Platz innerhalb des RingDorfes mit seinen spanischen, griechischen und französischen Salamis, Schinken, Käse, Oliven, Feigen, Croissants und Baguettes ein Eigenleben entwickeln könne. Selbst die kritischsten Beobachter der Szene können sich die Wiese mit dem Spielplatz und den Bänken im Sommer schwerlich menschenleer vorstellen.

Der einzige, der sich über die neuen Perspektiven auf dem Marheinekeplatz zu ärgern scheint, ist ein ehemaliger Stadtrat. Etwas abseits von der Bühne und der Infobox, wie sie seit dem Bau des Potsdamer Platzes jede größere Baustelle schmückt, steht Werner Orlowsky und schüttelt den Kopf über die Container, die sich vor der denkmalgeschützten Fassade türmen und jenen Platz zustellen, den er Anfang der Achtzigerjahre mittels Volksentscheid und in einem wirklich demokratischen Prozeß einmal gestaltet hat. Die taz hatte sich kürzlich daran erinnert und geschrieben: »Nur einmal hat am Marheinekeplatz das Volk entschieden«. Ein anderes Mal entschied die CDU. »Da sah es hier so ähnlich aus wie jetzt!«, erzählt Orlowsky. Nur, daß es damals keine schmucken Container waren, sondern Zelte, und daß es damals keine Geschäftsleute, sondern Hausbesetzer aus einem GSWHaus in der WillibaldAlexisStraße waren, die hier eine Notunterkunft einrichteten. »Ich frage mich, wie die BGM dafür überhaupt eine Genehmigung bekommen konnte!«

»Wir müssen«, sagt wenig später Dr. Franz Schulz am anderen Ende des Platzes, »den Händlern die Stange halten.« Auch Wirtschaftsstadtrat Beckers wünscht Dorf und Halle »viel Erfolg« und beschwört die dreißig Zuhörer: »Beteiligt Euch! Kauft!« Allerdings ist das Kaufverhalten vieler Kreuzberger kein freiwilliges, sondern eben abhängig von der vielzitierten Kaufkraft. Und die ermöglicht schon lange nicht mehr jedem, in der Halle einzukaufen. Sondern gerade noch bei Plus und Penny. Nur darin, in der neuen Armut, und nicht  wie die BGM behauptet  im staubigschönen Charakter der Halle, lag der Grund für den Kundenschwund.

Werner Orlowsky Foto: Dieter Peters
Foto: Dieter Peters
Doch jetzt lebe das Händlerdorf! Und im Dezember dann die neue Halle! Denn im Dezember soll sie ihr neues Gesicht zeigen. Ihr wahres Gesicht. Dann werden sie alle wiederkommen. Der Bürgermeister wird kommen, die Männer und die Frauen des Markthallenmanagements, die Männer und Frauen vom Mieterrat, die Musik, die Presse und das Volk. Einige alte von ihnen werden sich noch erinnern, wie das war, als die Händler nach dem Krieg im Keller der zerstörten Halle ihre Läden wiedereröffneten. Und was für ein Fest das war. Denn die Einweihung der neuen Halle nach dem Krieg war ein bedeutender Schritt auf dem Weg zurück zu Frieden und Normalität. Und es war ein Sieg des Volkes und der Händler, die in jahrelangem Streit mit den Behörden den Wiederaufbau der Halle erzwungen hatten. Dieses Mal wollte jemand anders bauen. Dieses Mal wird es anders sein.

Michael Unfried


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