Kreuzberger Chronik
Februar 2007 - Ausgabe 84

Essen, Trinken, Rauchen

Kinder und Fußball im Masaniello


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von Michael Unfried

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Es war eine ganze Horde, aber keine homogene, sondern so eine undefinierbare Masse zwischen 5 und 65 Jahren. Sie trugen Tennisschläger mit sich herum und stürmten den Fernsehraum mit den weißen Tischdecken. Dort stürmte Inter Mailand gerade gegen die schwächelnde Verteidigung von Juventus. Die Kinder der tennisspielenden Eltern wollten sich gerade an den Tisch setzen, als die Verteidigung von Juventus vollends zusammenbrach und der Ball schnurgerade ins Tor segelte. Da kam der Verteidiger vom Masaniello und erklärte, daß alle Tische reserviert seien. Und daß man im Masaniello ohnehin eigentlich nur einen Platz bekäme, wenn man rechtzeitig reserviert habe.

»Ist doch bloß n blöder Italiener!«, murmelte der Längste aus der Gruppe, und die Kleinste meinte: »Dann gehn wir eben wieder!« Der Kellner schien nichts dagegen zu haben, aber da schaltete sich eine beleidigte Mutter ein, die der Meinung war, daß man mit Kindern immer zuerst und am schnellsten bedient werden müsse.

Dann aber fand der Kellner noch einen Tisch für die ungebetenen Gäste, die Kinder begannen augenblicklich, um einen Platz zu streiten, der aus unerfindlichen Gründen der einzige zu sein schien, der für Kinder in Frage kam. Die Mütter versuchten, über ihre Kinder hinwegzulächeln, während die Männer in den Karten lasen, als handele es sich um Science Fiction, und vor sich hinzumurmeln begannen:

»Pizza Susicce e Friarill  Pizza mit grober Bratwurst und Wildbrokkoli! Spaghetti mit Kapern, Sardellen, Rosinen, Oliven, Pistazien und Paniermehl! Tintenfisch in Tomatensoße mit Oregano ...«

»Ich dachte, das wäre hier italienisch!«, meckerte der Lange. »Kotzbrocken!«, sagte sein Kollege. »Erst ist dir Pizza zu billig, dann ists dir zu exotisch.«

»Gibts wenigstens Kinderpizza?« fragte die Mutter. »Ist nicht auf der Karte!« Der Kellner entgegnete geduldig: »Gibts. Aber darf ich zuerst einmal die Getränke aufnehmen?«

Nach fünf Minuten wußten die Herrschaften, was sie trinken wollten. Die Kinder kletterten von ihren schwer umkämpften Stühlen wieder herunter, krochen unter dem Tisch und zwischen den Beinen der Tennisspieler umher und brachten den Kellner beinahe zu Fall, als sie unbedingt in den Ofen mit den brennenden Holzscheiten gucken wollten. »Da kommt Ihr dann auch gleich rein!«, sagte der Koch, der den Pizzateig wie eine fliegende Untertasse durch die Luft segeln ließ, als käme er vom Zirkus Sarasani. »Ich kann nichts sehen, Mami!«, rief eine Kleine, woraufhin eine Mami gleich nach vorn stürzte. »Ich kann auch nichts sehen!«, fing die zweite an zu plärren, woraufhin sich ein ermüdeter Papi aus der Runde löste und seine Tochter vor das Ofenloch hob. Der Kellner konzentrierte sich gerade auf den Konter von Juventus, da fragte der Papi mit dem Kind auf dem Arm: »Und wem gehört der Ferrari da an der Wand?« Über der Kasse hing ein Foto mit einer jungen Frau und einem roten Sportwagen. »Ach, der war nur geliehen. Sonst würde ich hier nicht mehr arbeiten  wenn Sie das verstehen.«

Dann endlich kamen sie, die duftenden Teigfladen, riesig, heiß, schön und so wohlriechend, daß alle still wurden. Sogar der Lange. Und auch die Mutter, die sich gerade noch beschwert hatte, daß es hier »nicht kinderfreundlich« sei, weil die Kinderpizza erst zum Schluß kam. Ja, am Ende schwiegen sogar die Kinder, deren Teigfladen so groß waren wie andernorts die Übergrößen, und auf denen keine billige Supermarktsalami lag, sondern eine hauchdünne, echte italienische Salami. Ganz leise und höflich fragte der Lange beim Hinausgehen: »Könnten wir für den nächsten Samstag einen Tisch bestellen?«

Michael Unfried

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