Kreuzberger Chronik
Dez. 2007/Jan. 2008 - Ausgabe 93

Die Reportage

Das Viktoriaquartier


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von Hans W. Korfmann

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Die Stadt verändert sich. Auch Kreuzberg bleibt nicht, wie es ist. Gleich zwei große Baustellen an der Herzschlagader des »Bergmannkiezes« verdeutlichen, daß das Leben nicht so weitergeht wie bisher. Die Markthalle ist keine Markthalle mehr, sondern ein Kaufhaus, und dort, wo einst ein Biergarten und ein vielgenutzter kleiner Supermarkt stand, ragt derzeit ein Zementgerippe in die Höhe, das am Ende der Bauzeit auch nicht anders aussehen und auch nichts anderes sein wird als all die anderen Shoppingcenter dieser oder irgendeiner anderen Stadt. So kann eine Stadt, eine Straße, allmählich ihr Gesicht und ihren Charakter verlieren. Ganz entgegen all den Beschwichtigungen und Versicherungen, zu denen sich Bauherren und Politiker angesichts der Unruhe in der Bevölkerung in den offiziellen Auseinandersetzungen dann hinreißen lassen.

Foto: Dieter Peters
Einiges ist noch im Entstehen, anderes bereits fertig. So das neue Wohnviertel am Viktoriapark. Schon 1999 warf Michaela Prinzinger einen ersten skeptischen Blick auf das damals in Planung befindliche Viktoria Quartier und schrieb in der Kreuzberger Chronik Nr. 6: »Das Leben in ausgebauten Fabriketagen hat sich auch in Deutschland durchgesetzt, seitdem in London, Amsterdam und Paris »kreative Freiberufler und Singles« – wie sich die Pressemappe ausdrückt, und womit wohlbestallte Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten und Werbeagenturen gemeint sind – die ehemals von Künstlern besetzten Industriebrachen besetzten.« Der Sprecher der Real-Projekt AG versicherte, daß man »keine Juppie-Hochburg« in den historisch gewachsenen Kiez setzen würde, und sprach von »1000 kreativen Singles«.

Besucht man heute, acht Jahre danach, das neue Viertel unter dem Denkmal, muß man zugeben: Die Befürchtungen der Autorin waren berechtigt. Die Gewerbetreibenden, die sich in den Erdgeschossen und Höfen des Viktoria Quartiers angesiedelt haben, sind keine Künstler und Aussteiger, sondern mehr oder weniger gutbetuchte Unternehmer. Die Familien, die sich in den frisch zementierten Wohnwürfeln eingenistet haben, welche wie Geschwüre zwischen den historischen Backsteinbauten wucherten, sind jene Kleinfamilien mit PKW, Garage, Mountainbike und zwei süßen Kindern, wie man sie aus den Fernsehspots der Lebensversicherungswerbung kennt. Von Kreativität, von einem alternativen Lebensentwurf, von Kreuzberg also keine Spur. Raum zur Entfaltung hatten lediglich die Architekten der beteiligten Baufirmen.

Auch die Skepsis der Anwohner, die bei einer offiziellen Veranstaltung im Juli 1999 das Ansteigen des Verkehrsaufkommens durch die »1000 kreativen Singles« zur Sprache brachten, war berechtigt. Damals entgegnete der Pressesprecher der versammelten Bevölkerung mit dem ironischen Argument des »Carsharings« und brachte auch unter den Zuhörern einige zum Lächeln. Inzwischen ist das Sixtusviertel fertiggestellt, jeder der kleinen Wohnwürfel hinter der Sixtus-Villa hat seine eigene Garage. Und dort, wo einst einmal die Berlinische Galerie einziehen sollte, ist eine Tiefgarage entstanden. Für viele Automobile.

Von kleinen Läden, Theatern, Cafés und Galerien »im historischen Ambiente« war die Rede. Doch nichts ist Wirklichkeit geworden. Die kleinen Geschäfte, die versuchten, hier Fuß zu fassen, haben längst wieder aufgegeben. Die Lederszene, die eine zeitlang im Quartier auftauchte und in den schicken Räumen Partys feierte, ist weitergezogen, und die Glitzerkugel der Diskothek, die sich im Maschinenhaus drehen sollte, glitzert nicht. Für die sommerlichen Konzerte, die einst auf dem großen Platz vor dem Tivoligebäude stattfanden, ist inzwischen kein Platz mehr. Den hat die Baywobau verbaut. Und eine Kneipe, ein Café oder gar ein Restaurant wollte in dieser vom Rest Kreuzbergs abgeschotteten Kleinstadt niemand eröffnen.

Tatsächlich erinnert das Viktoria Quartier an eine »Festung«. Bei der Errichtung des Schutzwalles konnte sich die bayerische Baywobau der bereits vorhandenen Mauerwerke bedienen, die einst das Gelände der Brauerei umgaben. Wo die Mauern zu niedrig waren, pfropften die Architekten akkurate Metallkrallen auf, selbst kleine Lücken, kaum einen Meter breit, verschlossen sie hermetisch. Wo gar keine Mauern mehr standen, baute man neue. Schließlich, so hatte man es im fernen Bayern vernommen, war Kreuzberg ein gefährliches Pflaster mit hoher Arbeitslosenquote.

Die Feinde haben es also schwer, in das Viertel der besserverdienenden und freischaffenden Singles einzudringen. Doch auch die Anwohner haben es nicht leicht, denn die einzigen Zugänge zum 55.000 Quadratmeter großen Areal befinden sich beim Eingang an der Methfesselstraße mit seinem demonstrativen Schlagbaum und dem Portiershäuschen und der Verwaltung. Die wenigen Tore, die die Bauherren im Zaun und in den Mauern gelassen haben, sind stets verschlossen, und wer das Dorf in Richtung Westen, Norden oder Süden verlassen, wer zu einem Spaziergang in den Viktoriapark möchte, der muß seinen Schlüssel dabei haben. Oder außen herumgehen.

Foto: Dieter Peters
Auch der sogenannte Weinberg, dessen Terrassen die Architekten eigentlich recht hübsch an den Kreuzberg legten, und durch den eine breite Treppe direkt aus dem Quartier zum Denkmal hinauf führt, ist kein Weinberg für die Kreuzberger. Es ist der private Weinberg der Besitzer und Mieter des Viktoria Quartiers. Jeder der Besucher, die auf der höchsten natürlichen Erhebung Berlins stehen und vielleicht einen Blick werfen möchten auf die historischen Gebäude der Brauerei, steht vor verschlossenen Türen. Und muß umkehren.

Schon 2003 befürchtete der damalige Baustadtrat Dr. Franz Schulz eine »Ghettoisierung« und kritisierte, daß Grünflächen vor allem in Form von nicht zugänglichen Vorgärten und Loggien geschaffen würden. Es entstünde »der Eindruck einer massiven Privatisierung«. Daß nun auch
Foto: Dieter Peters
der Weinberg zum abgeschlossenen Privatgrundstück wurde, rundet das Bild von der amerikanischen Kleinbürgersiedlung mit eingezäunten Vorgärten endgültig ab.

Die neuen Mieter scheint das wenig zu stören. Es ist – trotz alledem – Leben eingezogen in die neue Stadt. Mietwohnungen gibt es laut offiziellen Meldungen keine mehr, es ist alles vermietet. Sogar Kinder und einen kleinen Kinderspielplatz gibt es, Fahrräder stehen am Wegesrand, Plastikbagger im Sandkasten. Auf den Wiesen vor den Wohnungen stehen die schmelzenden Reste von drei Schneemännern, die Balkone sind voller Blumen, ein hölzernes Vogelhäuschen wirkt vor der zementierten Kulisse etwas verloren, und auch die hölzernen Liegestühle in den Höfen und die verlassenen Gartentische und -stühle wirken im naßkalten Wetter fehl am Platz. Hinter einer der vielen Glasscheiben in den Erdgeschossen der »kreativen Singles« strecken drei Frauen aus einem Gymnastikkurs die Beine in die Höhe, während hinter der nächsten vier Männer mit Stift und Notizbuch an einem Tisch sitzen und Wichtiges besprechen. Hinter dem dritten Glas sitzen Männer in Krawatten am Computer.

Auch als Veranstaltungsadresse ist das Quartier mit seiner Schmiede und dem gothischen Saal noch nicht aus dem Rennen. Man lädt zu Tagungen, Partys, Seminaren. »Die Cateringfirmen geben sich da die Klinke in die Hand«, beschreibt ein Anrainer, »aber die Gäste sind lauter gutangezogene Leute, die zu irgendwelchen Firmenevents gehen. In den Kiez passen die alle nicht!«

Das wiederum interessiert die Baywobau wenig. Ihr geht es um Profit. Im Gegensatz zu den Berlinern, oder zumindest den Kreuzbergern, denen es darum ging, das historische Ensemble der Schultheiss-Brauerei zu erhalten, die am Kreuzberg ein Stück Stadtgeschichte schrieb. Die Baywobau aber baut nicht zum Spaß und nicht zur Zierde, sondern nur auf Bedarf und Nachfrage. Deshalb bröckeln sowohl das große Tivoli-Gebäude als auch das Maschinenhaus bis heute unberührt vor sich hin. Die kostspielige Renovierung dieser Gebäude würde die ohnehin schon teuren Wohnungen noch teurer machen. Und schon auf ihrer Internetseite schreibt die erfolgreiche Baufirma über ihre Marketingstrategie:

»Die Baywobau Gruppe als Hauptgesellschafter der Viktoria Quartier GmbH & Co. KG ist seit 1976 (…) in der Immobilienwirtschaft tätig. (…) Mehr als 300 Bauvorhaben wurden bisher von der Baywobau realisiert, was dem Bau oder der Modernisierung von weit über 10.000 Eigentumswohnungen, Reihenfamilienhäusern oder Doppelhaushälften entspricht. Es hat sich gezeigt, dass der starke finanzielle Hintergrund der Baywobau, eine über viele Jahre aufgebaute Kompetenz und ein strikt kundenorientiertes Marketing auch in schwierigen Zeiten Garant für erfolgreiche und partnerschaftliche Kundenbeziehungen waren. Dieser Tradition fühlen wir uns verpflichtet – heute wie morgen.«

Ein »strikt kundenorientiertes Marketing«. Das bedeutet: Städtebauliche Konzepte sind für das Unternehmen zweitrangig. Die Baywobau baut, was der Kunde möchte. Er muß nur zahlen.

Horst Unsold

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