Kreuzberger Chronik
Dez. 2007/Jan. 2008 - Ausgabe 93

Die Geschäfte

Artelleria am Chamissoplatz


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von Saskia Vogel

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Jeanne Martell«, das klingt außergewöhnlich. Und so außergewöhnlich wie ihr Name ist sie auch. Exzentrisch aber ist sie nicht. Sie trinkt den Tee noch immer aus ihrer »Lehrlingstasse«. So ein robustes Bauerndekor würde sie heute eigentlich nicht mehr produzieren. Aber »während meiner Ausbildung vor 20 Jahren war ich eben voll auf dem Ökotrip.« Heute, statt in lila Latzhose in dezenter Eleganz gekleidet, vermittelt sie das Bild einer attraktiven Frau. Die rot geschminkten Lippen und der präzise gescheitelte blonde Bob mögen äußere Anzeichen für den inneren Biß der 39-Jährigen sein. »Ich bin spirituell veranlagt, aber trotzdem Realistin.«

Die Kraft, um als alleinerziehende Mutter die Gratwanderung zwischen »Geldverdienen« und Kunst zu schaffen, zieht sie aus der »Pflege dieser harmonischen Insel« am Chamissoplatz Nummer Zwei. Ihres Ladens. Die Frau aus der Pfalz wohnt auch nicht weit von hier, gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn, dessen Name auch nicht eben alltäglich ist: Yacouba Julius. Jeanne fühlt sich gut auf ihrer Insel, manchmal kommt ihr der Chamissoplatz sogar »wie ein Dorf mit gut funktionierender Dorfgemeinschaft« vor.

Foto: Dieter Peters
Für Gemeinschaft soll auch die Holzbank vor der Tür sorgen, auf der die Handwerksmeisterin dann mit netten Kunden Espresso trinkt. Heute ist diese Bank leer, der Winter steht vor der Tür. Um so wärmer ist es im Laden. Neben dem Brennofen steht die Töpferscheibe mit den unglasierten Rohlingen, es duftet nach Räucher- stäbchen. Jeanne läßt ihre Hand an den deckenhohen Regalen vorbeistreichen, um ihre Keramik vorzustellen.

Seit zehn Jahren produziert sie eine Serie mit dem Titel »Space«. Diese Kaffeeservice sind mit blauglänzenden Farben bemalt, der Blick in die präzise geformten Müslischalen soll »die Tiefe des Weltalls« vermitteln. Dazu tupft Jeanne Martell sorgsam spezielle »Engobe-Farben« auf, sodaß in sich verlaufende Schattierungen entstehen. Goldene Sterne werden mit einem Pinsel auf Vasen gesprenkelt, jedes Stück ist ein Unikat.

Für den Kunden ist es nicht immer leicht, diese Details auf den ersten Blick zu entdecken. Der kleine Laden ist bis oben hin voll mit Ausstellungsstücken, selbst von der Decke hängen Traumfänger. Die Wände sind dicht mit Fotos und afrikanischen Malereien bestückt, auch in der Teeküche ist so viel Schmuck und Dekoration, daß Neuankömmlinge schnell die Übersicht verlieren. Die Kreativität von Jeanne Martell hat jeden Zentimeter des Ladens besetzt, sie scheint keine Grenzen zu kennen. Sie sagt: »Ich kann mich nachts spontan an die Töpferscheibe setzen«, und sie sagt: »In diesem Leben wollte ich genau das machen, was ich jetzt mache.« Dafür ging sie ein Risiko ein und kündigte ihre Festanstellung als Leiterin der Keramikabteilung eines Behindertenprojekts
in Spandau. Doch »als Angestellte mußte ich jede Idee erst von oberster Stelle absegnen lassen, das hat mich manchmal etwas blockiert.«

Mit Artelleria aber ist Jeanne nun zufrieden. Zu ihren Keramikkursen kommen »nur nette Leute.« Als Privileg empfindet sie die Selbständigkeit und die Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer Ideen nur teilweise, »der Weg hierher war lang und hat Zeit und Kraft gekostet.« Bedächtig stellt sie ihre Lehrlingstasse ab, Symbol für den Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn. Eine kurze Phase der Selbständigkeit hatte Jeanne bereits Ende der 90er Jahre mit ihrem Atelier »Tonart« in Koblenz. Berlin faszinierte sie indes schon immer. Als Stadt, und auch als »freies Feld« mit einem guten Absatzmarkt für Künstler.

Tatsächlich läuft ihr Geschäft gut, trotzdem hält Jeanne mehrere Eisen im Feuer. Sie ist für den Verein »Kinder im Museum« tätig und töpfert mit den Kleinen im Pergamonmuseum. Zur Adventszeit wird sie wieder ihr Geschirr auf den Weihnachtsmärkten verkaufen, die Vorproduktion, etwa für die bunten Duftlampen, nimmt sie schon seit August in Anspruch. Leider ist der Umsatz auf den Märkten mit den Jahren gesunken. »Vielleicht kaufen die Leute lieber das Ein-Euro-Geschirr bei Ikea.« Bei Artelleria kostet eine Duftlampe 23 Euro. Dafür aber ist jedes Stück ein Stück von ihr: »Ich schöpfe alles aus mir selber.«

Eigentlich heißt Jeanne Martell ja »ganz unspektakulär« Susanne Schneider. »Aber alle kennen mich unter meinem französischen Künstlernamen. Er soll Leichtigkeit ausdrücken. In ›Martell‹ steckt das Wort ›Art‹ für Kunst, und in ›Jeanne‹ das ›anne‹ von Susanne. Es ist ja nicht so, daß ich nicht mehr die Susanne wäre.« Aber vielleicht war Susanne doch eher die biologisch-ökologisch angehauchte Latzhosenfrau, während Jeanne Martell nun eher die Künstlerin ist, die ihren Weg gefunden hat. Aus dem Angestelltendasein in die Selbständigkeit am Chamissoplatz.

Ihre Inspiration bezieht sie vor allem aus ihren Reisen nach Kenia, sie bewundert das »emotionale Denken.« Intuitiv und unregelmäßig geformt sind auch die in dunklen Erdtönen gehaltenen Trinkbecher aus ihrer »Afrika«-Serie. Trotz der freien Formgebung ist jeder Becher funktional und liegt gut in der Hand. Spiritualität trifft bei Jeanne Martell auf Realismus. Und ihre größte Inspiration ist wohl Yacouba, dessen Vater aus Guinea ist. Sein schelmisches Kasperlachen ist Vorlage für die Motivreihe »Mulattenkönig und Milchkaffeeprinzessin«, auf Wunsch beschriftet Jeanne das Kindergeschirr mit Namen. Ein leicht unsicheres Lächeln umspielt ihre Gesichtszüge, wenn ihre plakativ-bunten Engelsfiguren mit den Karikaturen von Loriot verglichen werden – das könne sie »so gar nicht verstehen.«

Der Nachmittag ist weit fortgeschritten, Jeanne schließt ihr Geschäft ab, um den Milchkaffeeprinzen vom Hort abzuholen. Der Kleine wird wieder viel Durcheinander in den Laden bringen und fleißig mit nassem Ton rummatschen. Dann fällt Jeanne noch eine Anekdote ein: »Zur Geschäftseröffnung rief meine Mutter ganz empört an: ›Wieso steht da denn Jeanne Martell auf deiner Einladung? Du bist doch unsere Susanne, den anderen Namen können wir doch gar nicht aussprechen!‹« Aber schon in ihrer Jugend setzte sich Jeanne Martell über die Kritik ihres Vaters hinweg, der sie lieber in einem »bodenständigen« Beruf gesehen hätte – obwohl – oder auch weil – er selber als Stukkateurmeister selbstständig war. Trotzdem ging die Tochter ihrer Passion nach. Auch diesmal blieb sie standhaft und behielt den Künstlernamen bei. Schließlich bot sich die Namensänderung auch an – für eine neue Etappe in ihrem Leben.

Saskia Vogel

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