Kreuzberger Chronik
April 2007 - Ausgabe 86

Essen, Trinken, Rauchen

Die Frauen vom Café Boca


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von Horst Unsold

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Sag mal, ist das nicht die von heute morgen?«
»Was?«
»Na die, die wir heute morgen bei MäcGeiz gesehen haben! Wo die Verkäuferin so grinsen mußte!«
Die zwei bepuderten Blondinen steckten die Köpfe zusammen. Sie tuschelten jedoch so laut, daß jeder im Lokal verstand, worum es ging: »Du meinst die Blonde mit den vielen Ringen an den gelben Fingern? Die Eindeutige?«
»Ja, genau. Echt wahr, da geht die auf’n Strich, und dann muß sie trotzdem noch in so nem Billigladen einkaufen!«
Die Eindeutige schob den dicken roten Vorhang vor der Tür auseinander und schlüpfte auf die Naunystraße hinaus. Draußen regnete es, die Fensterscheiben im Café Boca waren beschlagen bis unter die Decke, obwohl es draußen 5 Grad Plus hatte. Es war dunkel, und von gegenüber, wo wahrscheinlichPenny oder Plus oder irgendein anderer Überlebensladen noch offen hatte, kam das weiße Neonlicht über die Straße und spiegelte sich in den winzigen Kondenswassertröpfchen an der Scheibe. Auch die Bäckerei in der Mariannenstraße hatte noch Licht, eilig bewegten sich vor der hellerleuchteten Auslage die Schatten jener, die auch am Abend noch kein frisches Brot hatten.

Überhaupt war wenig Licht im Raum, auf den Tischen flackerten Kerzen und an den Wänden hingen kleine, gelbliche Lampenschirme, die aussahen, als hätten sie fünfzig Jahre lang gierig Rauch gesogen. Es war ruhig im Boca, abgesehen von den zwei aufgeregt Pubertierenden, die das ganze Leben erst noch vor sich hatten. Ganz anders als der dicke Mann am Tisch neben der Tür, der hatte alles schon hinter sich. Er erzählte von den Kindern, vom Auto, vom Haus in der Türkei. Seine Zuhörer waren keine dicken Männer, auch keine alten verschleierten Frauen, sondern die schönsten jungen Frauen, die man sich nur vorstellen konnte in einer Straße wie der Naunynstraße, an einem regnerischen, dunklen Donnerstag im Februar. Sie haben die dunklen Frisuren hochgesteckt, eng liegen die Kleider an, tief ist ihr Ausschnitt, geduldig hören sie zu und nippen ab und zu an ihren kleinen Tassen.

»Das sind doch auch welche?«, tuschelt eines der Mädchen.
»Glaub ich nicht!«, flüstert die andere. »Die sind viel zu schön dazu!«
»Möchtet ihr noch was trinken?« Die Frau vom Tresen hat ein Stück Kuchen an den Nachbartisch gebracht, Kuchen mit einer dunklen Schokoladenglasur. Alles im Café Boca ist so dunkel und so glänzend wie die Schokoladenglasur: die kleinen Lampen, die alten Tischplatten, auch die Frauen, die so geduldig zuhören, haben diese schokoladenfarbenen Haare. Nur die beiden kleinen Blondinen passen nicht ins Boca.

»Natürlich ist das eine!«
»Nein, die sprechen doch türkisch, hörst du das nicht!«
»Na und? Meinst du, die Türkinnen machen das nicht?«

Der Dicke neben der Tür dreht an den dicken Ringen an seinen dicken Fingern und erzählt von seinem Garten. Dann redet er von Mädchen. Die schönen Frauen vom Boca lächeln aus dunklen Mandelaugen und hören zu. Manchmal stellen sie eine Frage, manchmal nippen sie an ihren kleinen Tassen, manchmal rauchen sie.

»Vielleicht ist der Dicke ihr Zuhälter?«
»Quatsch! Hast du schon mal so nen dicken Zuhälter gesehen?«

Ein Handy klingelt, und eine Frau steht auf, öffnet den Vorhang und geht in den Regen hinaus. Der Dicke erzählt von seinen Weintrauben, bis die Frau wieder hereinkommt. Sie sagt, sie müsse jetzt arbeiten. Als sich der Vorhang wieder öffnet, steht ein junger, gutaussehender Mann in der Tür. Er lächelt der Frau mit den Mandelaugen zu. Sie lächelt zurück. Als würden sie sich schon lange kennen. Als sie draußen sind, fragt eines dieser Mädchen, die das ganze Leben noch vor sich haben: »War das jetzt ihr Freund – oder was?«

Horst Unsold

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