Kreuzberger Chronik
Juni 2006 - Ausgabe 78

Strassen, Häuser, Höfe

Die Schenkendorfstraße


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von Werner von Westhafen

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Die Schenkendorfstraße ist nicht länger als die Kopischstraße. Doch die unscheinbar kurze Gerade war 1975 in die gesamtdeutschen Schlagzeilen geraten und wird seitdem einmal jährlich von der Berliner Presse geehrt, weil nämlich in einem ihrer Keller der CDUChef Peter Lorenz inhaftiert war. Vielleicht nicht einmal zufällig, denn Max von Schenkendorf war einer jener Kriegstreiber, die während der sogenannten Freiheitskämpfe gegen Napoleon auf sich aufmerksam machten, und die einigen Straßen rings um die kleine Freiheitsstatue auf dem Gipfel des Viktoriaparks ihren Namen liehen. Dabei hätte aus dem begabten Max, dem Schöpfer »leicht singbarer Lieder«, durchaus auch ein Dichter von dem Kaliber eines E. T. A. Hoffmann oder zumindest eines Adalbert von Chamisso werden können.

Schon früh verläßt Max von Schenkendorf sein Elternhaus und zieht zu Verwandten nach Königsberg, um ein »flottes Studentenleben« zu führen, Tabak zu rauchen und so viele Schulden zu machen, daß ein Pfarrer damit beauftragt wurde, den Jungen wieder von der schiefen Bahn zu holen. Der Geistliche regte den Heißblütigen zum Studium der Rechtswissenschaften an und schickte ihn zur Beruhigung der jugendlichen Nerven auf Wanderschaft. Das Examen bestand Max dennoch nicht, und auch sein Gemüt blieb ungemütlich: Als er auf einer Schlittenfahrt einen alten General anrempelte, der den jungen Heißsporn zur Rede stellte, forderte Max den Gegner sogleich zum Duell. »Die Kugel des Generals traf des zukünftigen Dichters rechte Hand. Ein Jahr kämpfte Schenkendorf mit dem Tode, gesundete jedoch wieder und lernte mit der Linken schreiben und fechten.«
Doch so abenteuerlich sich einige Passagen aus dem Leben Schenkendorfs auch anhören, so brav sind die anderen. Noch in seinen wilden Jahren gründet der Student den »Blumenkranz des Baltischen Meeres«, ein »Literaturkränzlein«, in dem neben Goethe und Schiller die verlorenen Schlachten bei Auerstedt und Jena das wichtigste Thema waren. Neben einem zweiten Zirkel, in dem vor allem Frauen dem Pietismus und Mystizismus frönten, verkehrte Schenkendorf noch im Salon des Landhofmeisters Hans von Auerswald, wo er dann auch erstmals Mitgliedern des königlichen Hauses über den Weg lief.

Vielleicht stammte Schenkendorfs Liebe zu schwülstigen und patriotischen Worten aus diesem Salon, in dem Politik und Poesie eine unheilsame Allianz bildeten. Die Liebe zu einer älteren Dame allerdings verdankte er dagegen dem mystischliterarischen Frauenkränzchen. Die eigenwillige Verbindung des jungen Schenkendorf mit Madame Barcklay läßt den Gedanken aufkommen, daß der Dichter der Freiheit, der Mann des Kriegsgeschreis und des lyrischen Dopings, im Innersten nichts dringender suchte als Geborgenheit. Ihr zuliebe verließ er Königsberg und folgte seiner Geliebten ins ferne Karlsruhe, obwohl gerade dort die »Kopulationen« Fremder mit Einheimischen verboten waren. Nur über Beziehungen zu hohen Beamten gelang es Schenkendorf, die zehn Jahre ältere Henriette Barcklay zu ehelichen, und damit zugleich auch Vater des jungen »Jettchens« zu werden, die gerade mal zehn Jahre jünger war als der Sänger.

Auch beruflich suchte der theoretische Freiheitskämpfer nun eine sichere Stellung. Doch hatte laut königlicher Verordnung nur der das Recht, ein Beamter zu werden, der sich nicht scheute, für das Vaterland auch gegen Napoleon in den Krieg zu ziehen. Also verließ Schenkendorf ein Jahr nach der Trauung »Weib und Kind, um für Deutschlands Ehre zu kämpfen« und »gegen Napoleon zu dichten.«

Denn im Gegensatz zum Fechten hatte er das Schreiben mit der Linken recht schnell erlernen können. Schenkendorf verschlug es als Kriegsbarde zunächst nach Schweidnitz in Schlesien, wo das preußische Hauptquartier stationiert war, doch später zog er, auch ohne den Degen, sogar zur Völkerschlacht bei Leipzig. Auf diese Weise entstanden, während auf dem Schlachtfeld gekämpft oder vor Schmerzen gewinselt wurde, jene »mitreißenden Vaterlandslieder«, die noch in den Sechzigerjahren durch die deutschen Wälder klangen und von Wandersleuten und Schulausflüglern gesungen wurden. Zwar wußte längst niemand mehr, warum sie einst gedichtet wurden, und die Kinder dachten an Hasen, wenn sie »Auf auf zum fröhlichen Jagen« sangen, doch der Freude an den leicht singbaren Liedern tat das keinen Abbruch. Noch heute sogar finden sich Zeilen aus dem Epos Schenkendorfs zum Beispiel auf der Homepage des NPDKreisverbandes Westerwald: »Wo sich Männer finden / die für Ehr und Recht / mutig sich verbinden / weilt ein frei Geschlecht &«

<IMG align="" width="353" height="203" src="Bilder/KC06_06_4.jpg" >Glücklich aber dürfte auch Schenkendorf während des erfolgreichen Krieges nicht immer gewesen sein: »Sagt dem Herrn der Welt, wies stehe / Wie viel Leichen wir hier säten / In dem Tal und auf der Höhe / Wie wir hungern, wie wir wachen &« Doch verbietet sich der dem Vaterland Ergebene, sein eigenes Schicksal in den Mittelpunkt seiner Verse zu stellen, und schreibt schon wenig später wieder: »Betet leise für mich Armen / Betet laut für unsern Kaiser / Dies ist mir das liebste Karmen: / Gott schütz edle Fürstenhäuser!«

So also dichtete Ferdinand Maximilian Gottfried von Schenkendorf, wie er mit vollem Namen hieß, für die damals vermeintlich gute Sache. Und wurde am Ende tatsächlich Beamter. Vielleicht war es ja ausgerechnet jener General Blücher, ein Mann der Taten und nicht der Worte, der dem dichtenden Freiheitskämpfer auf der Suche nach einem Job zu Hilfe gekommen war. Der »Haudegen Blücher« (vgl. Kreuzberger Chronik Nr. 17 vom Juli 2000) formulierte seine Zustimmung zum singenden Kämpfer schlicht und treffend im Berliner Slang: »Die einen kämpfen mit dem Sabel, die andern mit dem Schnabel«.

1815 jedenfalls ging Schenkendorf als Provisorischer Regierungsrat nach Koblenz, 1817 folgte ein Angebot für eine Festanstellung in Magdeburg. Doch konnte er sich nur kurz des geregelten Beamtendaseins erfreuen, denn der Tod ereilte ihn ausgerechnet an seinem Geburtstag schon im Alter von 34 Jahren.


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