Kreuzberger Chronik
Dez. 2006/Jan. 2007 - Ausgabe 83

Witzels Geschichten

Der Tag, als ein Virtuose ins Cafe Blümel kam


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Autor unbekannt

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Wenn Rosie das Café Blümel betritt, dann werde ich immer hellwach. Vor acht Monaten hat sie einen neuen Typen kennengelernt, hier im Kaffeehaus, einen langhaarigen Musikus, mit dem sie jetzt liiert ist. Der spielte Geige bei den Berliner Philharmonikern, bis er diesen 1-Ton-Flitz gekriegt hat. Im Café Blümel kommen ja immer wieder Musen und Musiker vorbei, wenn sie Feierabend und ihre Ruhe haben wollen. Dann setzen sie sich an den Tisch am Fenster zur Fidicinstraße, trinken Kaffee und lesen ein passendes Buch, wie z. B. »Das Schweigen im Walde«. Oder sie wälzen das neue Vokabelverzeichnis für Musikprofis, herausgegeben von der Bundesagentur für Arbeit als Weiterbildungsmodul im Rahmen der Umschulung von E-Bassisten zu Musikern.
Am Fenster zur Fidicinstraße hat oft und gern ein Zwei-Zentner-Mann mit schwarzen Koteletten und Menjoubärtchen gesessen und Schach gespielt: Jacky Spelter von Jacky & His Strangers. Jacky hatte den RocknRoll in amerikanischer Kriegsgefangenschaft spielen gelernt. Als er eine Fender Jazzmaster, die er »Jenny« nannte, übern Großen Teich brachte, da war sie die erste Elektro-Fender überhaupt auf deutschem Boden. »Jenny« begleitete ihn danach ein halbes Jahrhundert durch die Clubs von der Nordsee bis zum Allgäu. Der gebürtige Hesse mit dem amerikanischen Namen war verantwortlich für »die kessen Bienen von Berlin« und andere flotte 45er-Scheiben des Vinylzeitalters.
Und für echte Legenden. Der spätere Schachspieler vom Café Blümel hatte schließlich mal mit ganz schön berühmten Musikern gespielt. Sogar John Lennon hat ja mal Musik gemacht mit Jacky. Denn während die Beatles »Help!« drehten, hat Jacky in einem Hamburger Club abends seinen Gig gehabt. Zwischendurch ist John Lennon reingekommen. Er hat erst mal auf gute englische Art jeden Verstärker bis zum Anschlag aufgedreht, sich dann die Fender Jazzmaster geschnappt und fröhlich mitgemuckt. Da ist der Wirt sauer geworden, hat wegen der britischen Lautstärke nach ein paar Songs den Strom abgedreht und gebrüllt: »Ich hab Jacky engagiert und nicht die Beatles!« So lief das damals, als der RocknRoll noch rund war. Aber wie auch immer, Rosie aus dem Musikercafé Blümel war jedenfalls so begeistert von ihrem Neuen wie Yoko Ono von John Lennon. Rosies Blicke wurden nach den Flitterwochen ihrer wilden Ehe allerdings immer trüber. Eines Tages hat sie dann ihrem Herzen Luft gemacht und den Wirtsleuten Willi und Viola erzählt, daß ihr Schatz nicht mehr arbeiten geht, sondern den ganzen Tag im Zimmer sitzt und auf seiner kostbaren Steiner-Geige fiedelt. Und das Schlimmste: Er spielt von morgens bis abends immer nur denselben Ton.
»Bring ihn doch mal mit«, knurrte Willi, der sich immer freut, wenn er eine Chance sieht, den Laden voll zu kriegen. Viola nickte, und Hausdackel Milli Vanilli wedelte mit dem Schwanz. Anderntags hat Rosie ihren Konzertmeister tatsächlich mitgebracht. »Stimmt das wirklich, Kollege«, fragte Willi, »daß du vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang immer nur denselben Ton auf deiner Violine spielst?
« Bevor der Geiger antworten konnte, stieg auch schon Rosie ins Gespräch ein und rief verzweifelt: »Warum spielst du denn den ganzen Tag nur diesen einen einzigen Ton? Geh doch mal in die Stadt und hör dir an, was die anderen spielen  die Straßenmusiker und das Radio! Die spielen die ganze Tonleiter rauf und runter ...«
»Ach, Rosie«, sagte ihr Typ und lächelte nachsichtig. »Die spielen das alles doch nur, weil sie den Ton noch nicht gefunden haben.« Er stand auf und nahm Rosie und seine Geige wieder mit nach Hause.


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