Kreuzberger Chronik
Dez. 2006/Jan. 2007 - Ausgabe 83

Die Literatur

Totale Kontrolle


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von Robert Resque

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Er wollte unbedingt herausfinden, was aus seiner Ex-Freundin geworden war, egal, ob es ihn etwas kosten würde oder nicht. Norbert ging zu dem Telefon, das sich irgendwo unter einem Haufen von Tageszeitungen und Illustrierten befinden musste. Daneben die Telefonbücher und gelben Seiten, allesamt vom unzähligen Gebrauch zerfleddert und am Auseinanderfallen. Er nahm das Branchenverzeichnis, suchte bei A wie Auskunfteien und fand nach kurzem Suchen eine Agentur in Kreuzberg mit dem sinnigen Namen Find out. Es tutete nur ein einziges Mal in der Leitung.

»Find out-Agentur, guten Tag.« Eine ernste, geschäftsmäßige Stimme wie von einem Band. Sie sprach nicht weiter, schien abzuwarten, was Norbert wollte.

»Ja, guten Tag, mein Name ist Norbert Heine. Ich rufe wegen einer Auskunft an, die ich haben möchte ...« »Handelt es sich um eine private oder geschäftliche Aufklärung?«, unterbrach ihn die Stimme schnell.

»Eher privat«, antwortete Norbert. »Es geht halt darum, dass ich herausfinden will, was meine Ex-Freundin in Westdeutschland die letzten Jahre so gemacht hat. Ich habe keine Verbindung mehr zu ihr und würde gerne etwas erfahren, verstehen Sie?«

»Wünschen Sie Ihre Informationen dahingehend, was Familienstand, Wohnort, Beruf und so weiter angeht?« »Ja ... ja natürlich. Was sie arbeitet, wo sie wohnt, ob sie Kinder hat. So was habe ich mir gedacht.«

»Wie ist der Name ihrer Ex-Freundin und wo wohnt sie?«

»Sie heißt ... oder hieß Natascha Grube. In Rohrscha bei Trier müsste

sie wohnen, vielleicht.«

»Und Ihr Name war ...?«

»Heine. Norbert Heine.«

»Bitte warten Sie einen Moment.« Der Hörer wurde auf den Tisch gelegt. Warum sagte man ihm nicht, wieviel es kosten würde? Musste er jemanden fragen, ob sie seinen Auftrag übernehmen würden? War es ungesetzlich?

Er hörte leise das Klackern einer Tastatur. Prüften sie irgendwelche Daten über ihn? Vorbestraft war er nicht, und in der Schufa stand er auch nicht. Es vergingen keine zehn Sekunden, bis die Stimme an den Hörer zurückkehrte.

»Hören Sie?«

»Ja.«

»Also, Ihre Ex-Freundin zieht sich gerade an. In ihrer .... warten Sie ....

Gartenweg 4 in Rohrscha bei Trier. Sie lebt geschieden von ihrem Ehemann, der als gewalttätig gilt. Sie hat keine Kinder und arbeitet ab 11 Uhr als Kassiererin im Holza-Supermarkt Ecke Trierer- und Meisenstraße. Sie gilt bei ihren Kollegen als nett und humorvoll. Sie leidet unter gelegentlichen Angstattacken, die ihre Ursache in der Kindheit haben. Ihr Hobby sind Bücher. Sie liest gerade ein Sachbuch mit dem Titel :Mit Leiden umgehen9 und ist bei Kapitel 11 auf Seite 122. Vor genau 11 Minuten ging ihre beste Freundin Martha Stihl, geborene Hansen, 23. 04. 1967, um noch den Zug nach Trier zu bekommen. Eine innige Freundschaft, die vom Ehemann unter anderem als Scheidungsgrund angegeben wurde. Reichen Ihnen diese Angaben fürs Erste?

Weitere liefern wir Ihnen nur gegen Bezahlung.«

Entnommen aus der Anthologie »Provinz Berlin«, Satyr Verlag, 12,90 Euro, ISBN: 3-938625-04-X


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