Kreuzberger Chronik
Dez. 2006/Jan. 2007 - Ausgabe 83

Die Geschichte

August Bebel und die SPD von der Katzbachstraße


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von Tom Plott

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Nur noch die Hälfte der Berliner ging im September zur Wahl. 36% der Stimmen, so stand es in den Zeitungen, habe die SPD erreicht. Gemessen an der Zahl der wahlberechtigten Berliner aber waren es gerade noch 18%.

Die Zeiten, als man noch vom Stimmrecht und von der Demokratie als einer gerechten, dem Volk gerecht werdenden Gesellschaftsform träumte, sind vorbei. Politik ist ein schmutziges und anrüchiges Geschäft geworden. Politiker sind keine zukunftsweisenden Helden mehr, sondern zu zwielichtigen Gestalten verkommen, denen das Volk zu Recht mit Mißtrauen entgegentritt. Zu offensichtlich sind die billigen Methoden geistloser Werbeagenturen, die mit den Gesichtern der Politik umgehen, als handele es sich um einen Sportler, der für ein billiges Produkt wirbt. Die heutigen Meinungsmacher sind nicht die Politiker mehr, sondern ihre Medienberater und ihre Werbeagenturen, für die Politik kein anderes Produkt ist als ein Waschmittel oder ein Telefonanschluß. Es geht um den Marktanteil. Von den Ideen, die einst politische Parteien prägten und ihnen ihre Namen gaben, sind nur noch sinnentleerte Worthülsen geblieben. Und die Ziele, die Politik einst verfolgte, sind längst zur Illusion geworden.

Das trifft nicht nur für die SPD zu, doch in keiner Parteigeschichte wird der Verrat an der Idee so deutlich. Hört man den Reden neuzeitlicher Sozialdemokraten zu, dann gibt es für sie offensichtlich keinen größeren Feind als den Sozialisten. Dabei gehörten sie einst so eng zusammen! In der Katzbachstraße Nummer 9, an einer unscheinbaren Hauswand, hängt eine Gedenktafel. Sie erinnert an das Zentralbüro der SPD, das im 1. Stock des Hauses von 1890-1895 seinen Sitz hatte, und dem der Urvater der Partei, August Bebel, vorstand.

In dessen Memoiren zeugen unzählige Briefe an Liebknecht, Marx und Engels von der engen Verbundenheit der sozialistisch orientierten Vordenker. Als 1882 die falsche Nachricht von Bebels Tod durch einige ausländische Zeitungen geisterte, schrieb Karl Marx unverzüglich an den Genossen Engels: »Es ist entsetzlich, das größte Unglück für unsere Partei! Er war eine einzige Erscheinung innerhalb der deutschen (...) Arbeiterklasse«. Engels aber beruhigte den entsetzten Marx gleich mit der Frühpost, und an den totgesagten Bebel schrieb er: »Nein, alter Bursche, so jung darfst Du uns nicht abkratzen. Du bist 20 Jahre jünger als ich, und nachdem wir manchen lustigen Kampf zusammen ausgekämpft, bist Du verpflichtet, im Feuer zu bleiben.« Bebel antwortete darauf: »Einstweilen habe ich einen Pakt mit dem Sensemann auf weitere 40 Jahre geschlossen. Ich denke, diese Zeit reicht nicht nur, um den Zusammenbruch des Alten zu erleben, sondern auch noch ein redlich Stück vom Neuen zu genießen!«

Wie ernst der Gründer der SPD und die später sogenannten Revolutionäre ihre gemeinsamen Ideen nahmen, wird auch in Bebels Memoiren deutlich: Bereits auf Seite 41 wendet er mit dem Kapitel »Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben« seiner Jugend und Kindheit den Rücken und läßt auch auf den folgenden knapp 650 Seiten nur noch selten den Privatmann zu Wort kommen. Es geht ihm um »die Sache« und jene, die mit ihr zu tun haben. Schon im Vorwort schreibt er, daß es bei diesen Erinnerungen weniger um seine Person gehe, sondern
daß er dem »Wunsch vieler Parteigenossen« nachkomme, die Geschichte der SPD zu schreiben.

Doch »will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte seiner Kindheit und Jugendjahre kennen«. Poetisch nicht unbegabt schreibt Bebel vom »Licht der Welt«  ein »trübes Licht einer zinnernen Öllampe« , das er am 22. Februar 1840 in Deutz-Köln erblickte; von dem einen Zimmer, das zugleich Wohn- und Schlafzimmer, Salon und Küche war. Von einem »Leben in den Kasematten (...) voller Wonnen«, bis der Vater starb und dessen Bruder zum Stiefvater wurde, der eine »furchtbare Strenge« walten ließ, vor der die Kinder »zitterten.« Als auch er starb, schiffte sich die Familie nach Koblenz ein, wo die Mutter herkam. Der »Tabakqualm war zum Ersticken«, und »da niemand« den Kindern Platz machte, legten sie sich »dicht an der Tür auf den Boden und schliefen, wie nur müde Kinder schlafen können.«

Am Ende der Kindheitserinnerungen steht der Tod der Mutter, August ist 13 Jahre alt. Zwei Väter, die Mutter, einen Bruder und eine Schwester hat er jetzt verloren, alle starben an der Armenkrankheit Schwindsucht. Jetzt aber beginnen die »Lehr- und Wanderjahre« des Sozialisten Bebel. Er geht bei einem Drechsler in die Lehre, wandert durch Süddeutschland und Österreich und läßt sich im Sommer 1860 in Leipzig nieder, wo er Mitglied des gewerblichen Bildungsvereins wird. Fünf Jahre später ist der Drechslermeister im Vorstand des Vereins und lernt Wilhelm Liebknecht kennen. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Gemeinsam mit Liebknecht gründet der Waisenknabe die Sächsische Volkspartei und später die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, heiratet die Tochter eines Eisenbahners, wandert 1872 wegen Hochverrats ins Gefängnis und nutzt die Zeit, um Marx und Engels zu studieren. 1875 erscheint mit »Der deutsche Bauernkrieg« Bebels erste umfangreiche Publikation, gleichzeitig entsteht in Gotha die Sozialistische Arbeiterpartei. 1879 veröffentlicht er »Die Frau und der Sozialismus«, die erste wegweisende Schrift zur Emanzipation  aus der Feder eines Mannes. Und ein Jahr später erhält Bebels Partei einen neuen Namen: SPD. Und Bebel zieht mit dem ersten offiziellen Büro der Partei aus dem Untergrund in die Katzbachstraße Nummer 9.

Wer von den alten Weggefährten ihn hier besuchte, wer von den vielen interessanten Gestalten aus Kunst, Literatur und Philosophie, die schon damals das Viertel um den Kreuzberg bevölkerten, darüber geben die Memoiren keine Auskunft. Sicher ist, daß die nachfolgende Generation der SPD Bebel als ihren Gründer verehrte. Sogar der vollkommen vom sozialistischen Kurs abgekommene Bundeskanzler Gerhard Schröder fand anläßlich des 90. Todestages jenes Mannes, der sich selbst als »Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und dieser Staatsordnung« bezeichnet hatte und sie »beseitigen« wollte, lobende Worte: »Am 13. August 1913 starb August Bebel im Alter von 73 Jahren in der Schweiz. Er hat die frühe Geschichte der deutschen Sozialdemokratie geprägt wie kein anderer. Aus armen sozialen Verhältnissen stammend, hatte er sich eine Position aufgebaut, die ihn zur Hoffnung der mittellosen Arbeiter, der Schwachen und Unterprivilegierten werden ließ: Er war die Vaterfigur der damaligen Sozialdemokratie, und manche nannten ihn gar den »Arbeiterkaiser«. So sprach der Kanzler, und vergaß es gleich wieder. Denn das alles war lange, lange her  und Bebel lag gut dort, wo er lag.


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