Kreuzberger Chronik
September 2005 - Ausgabe 70

Das Essen

Am Beach


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von Hans W. Korfmann

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Das Meer ist zu weit für die Berliner. Sie träumen unaufhörlich davon. Überall gibt es Angelzeugs und Taucherausrüstungen, alles, was man braucht fürs Boot, um den Atlantik zu überqueren  als läge er am Stadtrand. Sie eröffnen mitten in Kreuzberg das Café am Meer, sie machen winzige Swimmingpools zu Strandbädern und kippen auf jede freie Brache in der Stadt ein paar Kubikmeter Sand, um Liegestühle und Sonnenschirme aufzustellen und Eis und Cuba Libre zu verkaufen und sich vorzustellen, sie wären irgendwo an der Ostsee, am Mittelmeer, wenn nicht gar in der Karibik. So sind sie, die Berliner Insulaner.

Und seitdem auch in Kreuzberg Sport nicht mehr Mord, sondern Mode ist, spielen auch hier auf jedem Sandfleck die Beach-Boys und die Beach-Girls mit dem Beach-Ball. Einer dieser sandigen Sportplätze ist der Beach-Park. Es ist nicht viel mehr als ein Loch in der Mauer an der Möckernstraße, neben der ein kleines Schild mit einer Telefonnummer
steht, es ist nur ein kleiner, unscheinbarer, unasphaltierter Weg, der nirgendwohin, vielleicht zu einem Schrottplatz, bestenfalls zu einer vergammelten Schrebergartenidylle zu führen scheint, aber niemals zur angesagten Location«. Er schlängelt durchs verwilderte Gebüsch, vorbei an einem abgestellten Wohnmobil und endet dann vor einer kleinen Bambushütte mit Bierkisten.

18 Netze haben die Beach Park-Betreiber aufgebaut, Red Bull, Erdinger (natürlich alkoholfrei) und Bit-Sun haben ihre Werbetafeln in den Sand neben die Spielfelder gesteckt. Nach 16 Uhr, wenn die, die noch Arbeit haben, mit der Arbeit fertig sind, und wenn es nicht gerade reg-net  »wir hatten nur 14 Sonnentage bisher«  dann sind diese Plätze auch alle ausgebucht. Dann wird gespielt, bis die Sonne untergeht. Denn Licht gibt es auf der zukünftigen Baufläche am Rande des geplanten Bürgerparks am Gleisdreieck noch nicht. Und wenn die Nächte klar und warm sind, wenn die Grillen zirpen und ein bißchen der Mond scheint, und wenn man über die städtische Steppe mit dem hohen Gras hinweg auf das Wäldchen hinüberschaut, das die Stadt verschluckt, und den Potsdamer Platz vergißt, der auf der anderen Seite über die Baumwipfel ragt, dann kann man, wenn die Sportler endlich alle unter der Dusche stehen, hier einen Moment lang vergessen, daß man mitten in der Stadt ist.

Der Beach Park ist einer der schönsten Plätze in der Stadt, nicht nur für die Beach-Boys und die Beach-Girls, sondern für jeden, der ein Stück Himmel, ein bißchen Natur sehen möchte, oder eben einfach nur ein bißchen im Sand ohne Beach sitzen und an einem Drink nuggeln möchte. Es ist ein bißchen wie am einsamen Strand, wenn die Sportler weg sind. Dann sitzt man hier manchmal ganz allein, leise raschelt der Bambusvorhang im Wind, Grillen zirpen, Vögel zwitschern, Katzen huschen durch die Steppe. Die Großstadt ist so leise, daß der Mann an der Bar im Stehen eingeschlafen ist. Man sitzt bequem auf umgebauten Bierkästen, neben sich einen Campari Orange oder einen Wodka Lemon für 3,50, schließt die Augen und glaubt, man hört das Meeresrauschen.

Manchmal in den warmen Nächten kommen späte Gäste auf dem Heimweg auf einen Cocktail hier vorbei. Silbern schimmert dann das blonde Haar der Frauen im Mondlicht, geschmeidig wiegen sie sich in den Hüften, und sogar die Männer sind ganz leise geworden. Nur drüben, hinter dem Sand irgendwo im Gras, hört man ein leises Kichern ...


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