Kreuzberger Chronik
September 2005 - Ausgabe 70

Die Reportage

Pfleger in Not


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von Hans W. Korfmann

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Fünf Jahre lang befand sich das kleine Büro im Hinterhof der Zossener Straße Nr. 24. Ein Schild neben der blauen Tür wies den Weg: »Pflege in Not«. Jetzt werden sie in die Körtestraße ziehen. Sie haben schon alles gepackt, die komplette Büroausrüstung, alles, was in den beiden kleinen Zimmern untergebracht war: das Telefon, das Faxgerät, die Akten und Unterlagen, den Karton mit den Informationsbroschüren, die Kaffeemaschine, zwei Blumentöpfe. Fünf Umzugskartons sind es, mehr nicht. Damit haben sie gearbeitet, die beiden Frauen, die in der Zossener Straße die einzige telefonische Anlaufstelle waren für jene alten Menschen und deren Pfleger, die irgendwann nicht mehr weiterkonnten. Für jene Hilfeleistenden, die plötzlich selber Hilfe brauchten. Zwei Frauen, eine Tür, zwei Telefone für etwa 120.000 alte Menschen und deren Pfleger in Berlin.

Gabriele Tammen-Parr hat viele Jahre für die Diakonie Südstern als Sozialarbeiterin gearbeitet, sie hat in Fernsehsendungen, Tagungen und in Zeitungsinterviews auf das Problem aufmerksam gemacht, das da allmählich zum Vorschein kam in den Altersheimen und in der häuslichen Pflege, und von dem bis heute kaum einer spricht. Denn es geht um nackte Gewalt. »Pflege in Not«, steht auf dem blauen Schild neben der blauen Tür, »Beratungsstelle bei Konflikt und Gewalt in der Pflege alter Menschen«. Und es geht dabei nicht nur um die Gepflegten allein. Ganz im Gegenteil: Es geht vor allem um die Pflegenden. Gabriele Tammen-Parr rollt ein Plakat auf, auf dem steht ein einziger finaler Satz: »Ich schaff es nicht mehr!«

Die zweite Frau der heutigen Beratungsstelle, die Psychologin Dorothee Unger, hat 1998 einen Dokumentarfilm über das Leben dreier alter Ehepaare gedreht und gab ihm den Titel: »Man kann nicht immer nur lächeln.« Es war der Satz eines Mannes, der seit vielen Jahren seine kranke Frau betreute. Der Film dokumentierte, was Frau Tammen-Parr bei Gesprächen mit jenen erfahren hatte, die schon viele Jahre an der Seite ihrer bettlägerigen Lebenspartner verbracht hatten. Der Film ging unter die Haut, der WDR zeigte ihn und Filmkunst 66. Er rüttelte die Gemüter auf. Ein Jahr darauf beschloß die Diakonie, nicht nur eine wöchentliche Gesprächsrunde, sondern zusätzlich eine Beratungsstelle einzurichten für jene, die manchmal einfach nicht mehr weiterwußten mit ihren seit vielen Jahren kranken und allmählich verbitterten Lebensgefährten. So entstand »Pflege in Not«.

Schon als man Mitte der Achtziger Jahre seitens der Diakoniestation Südstern mit der Alten- und Krankenpflege begann, wurde bald deutlich, daß nicht allein die Gepflegten, sondern auch die Pflegenden Betreuung brauchten. Deshalb wurde ein wöchentlicher Gesprächskreis eingerichtet. »Wir hatten gedacht, es würde um praktische Dinge gehen, eine Hilfestellung beim Verabreichen von Medikamenten, schwierigen Handgriffen, hygienischen Fragen, dem Umgang mit den Behörden. Aber was dann rauskam, damit hatte keiner gerechnet.«

Eine Frau brachte ein Tonband mit, das sie heimlich aufgenommen hatte, um zu dokumentieren, was für ein Ton herrschte zwischen ihr und ihrem Mann nach zwanzig Jahren Pflege, zwanzig Jahren vollkommener Abhängigkeit des einen vom anderen. Es wurde klar: Die Pflegenden konnten mit niemandem sprechen, nicht einmal mit den Kindern. »Wie soll man seinen Kindern sagen, daß man sich ekelt vor ihrem Vater, dem eigenen Mann. Daß man ihn einfach nicht mehr sehen kann. Daß er einen schikaniert, ins Bett macht, nicht mehr redet, ständig fragt, »wer bist denn du?«, obwohl er es noch ganz genau weiß. Wie soll man sprechen von diesen Kämpfen am Krankenbett, diesen ständigen Erniedrigungen. »Da spielen sich Szenen ab, die sind unvorstellbar.« Da drängt ein Mann im Rollstuhl seine Frau in die Ecke und verdrischt sie mit dem Stock. Da zeigt RTL Aufnahmen von einer Tochter, die minutenlang auf ihren Schwiegervater einschlägt und ihn mit wüsten Beschimpfungen überschüttet. Und Frau Ulla Schmidt, die Familienministerin, spricht von Ausnahmen.

Tatsächlich sind die genannten Beispiele extrem. Aber Gewalt in der Pflege ist keine Seltenheit, denn Gewalt hat viele Erscheinungsformen. Auch Menschen, die nur noch den Kopf bewegen können, tyrannisieren ihre Mitmenschen. Solange sie Nahrung zu sich nehmen und wieder von sich geben können, solange sie die Augen öffnen und schließen können, reden und schweigen können, lächeln oder eben nicht lächeln können, solange haben sie auch jene Waffen in der Hand, um einen zermürbenden Ehekrieg weiterzuführen  mit voller Konzentration, vollem Einsatz, und bis zum bitteren Ende.

Doch niemand sprach über die Gewalt in der Pflege. Bis 1984 der Brite M. Eastman eine Studie über Mißhandlungen alter Menschen in Familien veröffentlichte. 1998 wurde in Bonn die erste Beratungsstelle für Pflegende und Gepflegte eingerichtet, schon 1999 folgte Kreuzberg. Inzwischen gibt es fünfzehn solcher Stellen bundesweit, für 1,8 Millionen Menschen, von denen die meisten in der eigenen Wohnung gepflegt werden  meist von ihren ungeschulten Kindern oder Ehepartnern. Unentgeltlich. Und ungelohnt. Im Gegenteil: Unzufriedenheit ist der Dank.

»Wie geht es Ihnen?« fragte Frau Tammen-Parr den einen oder anderen nach der Gesprächsrunde. In aller Regel begannen die Pflegenden dann, von ihren kranken Männern oder Frauen zu erzählen. »Nein!«, unterbrach die Sozialarbeiterin sie, »ich meine Sie! Wie geht es Ihnen selbst?« Es dauerte drei Jahre, bis die sieben aus dem Gesprächskreis endlich zu sprechen begannen. Über die soziale Isolation, in die die Pflegenden den Kranken folgten, als gingen sie mit in den Tod. Über diese alten »Beziehungsdramen«, diesen endlosen Krieg, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Weil man die Tür nicht mehr einfach zumachen und gehen kann. Es hat gedauert, bis die Frau erzählte, daß der Mann seit 20 Jahren behauptet, die Kartoffeln seien zu hart. Bis sie solche Sätze sagten wie: »Er war immer das Wichtigste. Und jetzt, wo er im Bett liegt, ist er es erst recht!«, oder: »Mein ganzes Leben habe ich mich untergeordnet, und jetzt bin ich schon wieder die zweite Geige!« Eine Tochter, die ihre Mutter pflegt, ruft an und sagt: »Sie redet noch immer mit mir, als wäre ich sechzehn. Heute habe ich ihr mit der Zeitung auf den Arm geschlagen. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich da nochmal hingehe. Ich kann für nichts mehr garantieren! Ich schaffe es nicht mehr!«

Aber die Liebsten ins Heim zu geben, das schaffen sie dann auch nicht. Das sieht aus wie Verrat. Und so quälen sie sich miteinander durchs Leben, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre lang. »Der Durchschnitt liegt bei 6,5 Jahren. In der häuslichen Pflege aber ist er eben wesentlich höher als im Heim.« In den Heimen stirbt man schneller.

Obwohl gerade die Kreuzberger Einrichtungen vorbildlich zu sein scheinen. Es gab in all den Jahren, so Gabriele Tammen-Parr, nur einen einzigen »Kunden«, der öfter zum Sorgentelefon griff und sich über die Zustände im Haus beklagte. Und der schien eine heimliche Freude am Schimpfen zu haben. So wie die Alten schließlich überhaupt ganz gerne schimpfen. Egal, ob sie sich nun im Heim oder zu Hause befinden. Sie können, so eine Informationsbroschüre des Diakonischen Werkes, die über die Gewalt im Umfeld alter Menschen aufklären möchte, »ihre zunehmende Hilflosigkeit und wachsende Fremdbestimmung« nicht ertragen. Und machen dann »das Pflegepersonal zum Sündenbock.«

Die Liste der Klagen seitens der Pfleger in Altenheimen und Krankenhäusern ist erstaunlich: Sie beginnt mit verbalen Attacken, Beschimpfungen und Beleidigungen, geht über Kindergartentricks wie Bespucken und Haareziehen bis hin zu Schlägen und sexuellen Belästigungen, die man den guten Alten eigentlich gar nicht mehr zugetraut hätte. So ist das Pflegepersonal, meist ohnehin chronisch unterbesetzt, oder mit unqualifizierten Zivildienstleistenden und Ein-Euro-Jobbern auf die notwendige Anzahl aufgestockt, völlig überfordert. »Um 18 Uhr stecke ich alle ins Bett. Auch wenn sie jammern. Im Sommer ist das wirklich schlimm!«

Und da schließt sich nun allmählich ein Teufelskreis. Denn auch, wenn die zähen Alten vor allem durch ihre Ungenießbarkeit auf sich aufmerksam machen, so haben sie doch auch häufig recht mit den Anschuldigungen. Denn es gibt solche Fotos von Menschen, die sitzen um 16 Uhr am Nachmittag noch immer mit dem Suppenteller in der Hand auf der Toilette. Dem Suppenteller vom Mittagessen! Es gibt die blauen Flecken, die offenen Wunden vom Liegen, das Bettgitter ohne Einverständnis, das »Pampern«, nur damit man die Alten nicht aus dem Bett heben und zur Toilette bringen muß. Vielleicht, weil man damit rechnet, daß dieser Alte eh nie wieder alleine laufen wird. Aber es gibt eben auch Schlaganfallpatienten, die eines Tages wieder aufstehen und losmarschieren. Deshalb rebellieren sie. Und wenn man sie in Windeln packt wie kleine Kinder, warum sollen sie sich dann nicht auch benehmen wie kleine Kinder, und wieder kneifen und spucken und an den Haaren ziehen. Das ist die Rechnung. Und das ist der Teufelskreis.

Irgendwann sagen sie: »Ich schaff es nicht mehr«. Dorothee Unger und Gabriele Tammen-Parr, die »beiden Mütter der Aktion«, setzen bei den Pflegern an. Wenn ihnen geholfen ist, ist auch den Patienten geholfen. Und immerhin werden auch heute noch ¾ aller Pflegebedürftigen von Angehörigen oder privat finanzierten Helferinnen in der eigenen Wohnung umsorgt. Sie brauchen Unterstützung. Würden diese pflegenden Angehörigen aufgeben, bräuchte man 90.000 Betten und einige Millionen Euro mehr in den Heimen Berlins. Und einige Milliarden mehr in der ganzen Republik.

Auch ökonomisch betrachtet ist so etwas wie »Pflege in Not« dringend notwendig. Doch Gabriele Tammen-Parr und Dorothee Unger haben ihr Büro gerade in ein paar Kartons verstaut. Sie ziehen von der Zossener Straße in die Körtestraße Nr. 9. Nicht, weil der Standort dort ein besserer wäre, sondern weil die Miete nicht mehr bezahlt werden konnte.


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