Kreuzberger Chronik
September 2005 - Ausgabe 70

Kreuzberger
Elisabeth Insel

Früher war es viel, viel schöner


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von Werner von Westhafen

Fotos: Dieter Peters

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Wann Frau Insel Kreuzberg verlassen hat, das kann sie so genau nicht mehr sagen. Schließlich ist das alles schon sehr, sehr lange her, und es passierte ja auch eine ganze Menge in dem 82jährigen Leben der Frau Insel, mal war sie hier, mal war sie da. Schon der Vater war in seinem Leben siebzehnmal umgezogen. Doch kürzlich war sie wieder einmal zu Besuch in dem Viertel, in dem sie aufgewachsen ist, ging ein wenig um den Chamissoplatz. Und sie fand es »furchtbar, also einfach furchtbar. Früher war es viel, viel schöner.«

Das sagt Frau Insel oft. Daß früher alles viel schöner war. »Es hat sich ja so verändert!« Obwohl da, wo sie jetzt wohnt, am Gendarmenmarkt,  »ein bißchen laut ist es natürlich schon, wenn man die Fenster zur Markgrafenstraße öffnet«  da gefällt es ihr schon auch. Vor sieben Jahren ist sie wieder einmal zu Besuch nach Berlin gefahren, und als sie zurückkam, sagte sie zu ihrem Mann: »Du, wir ziehen nach Berlin!«  »Bist Du verrückt!«, rief ihr Mann. Aber dann zog er mit. Er zog immer
mit.

Obwohl es ihm nicht leicht fiel, Porz zu verlassen. Schließlich war Herr Insel der Vorsitzende im Golfclub von Porz, er war ein stadtbekannter Tänzer, er war seit dreißig Jahren zuhause in diesem schönen Haus in Porz im Rheinland, und plötzlich schneite seine Frau herein und eröffnete ihm, daß sie eine Wohnung am Gendarmenmarkt gemietet hatte. »Dieser Mann war das größte Glück, das ich hatte«, sagt Frau Insel, »der hat alles gemacht, was ich gesagt habe.« Und dann sagt sie: »Wir führten eine Bilderbuchehe, alle fragten, wie wir das machen würden. Ich habe immer gesagt: Es liegt nur an der Frau ...Und jetzt ist der arme Kerl einfach gestorben.«

Doch Frau Insel kommt auch allein ganz gut zurecht. Sie bekommt viel Besuch von der Verwandtschaft, die sich Berlin ansehen möchte. Und da liegt ihre Wohnung schon sehr zentral. Nicht so hoffnungslos im Abseits wie der Chamissoplatz. Da könnte sie nicht mehr wohnen. So wie das jetzt aussieht. Damals, da gab es einen Lebensmittelladen gleich schräg gegenüber vom Heidelberger Krug und den Milch-Mayer nebenan, ein Bäcker war an der Ecke zur Schenkendorfstraße ...  » und dann die Bergmann, das war einmal eine richtige Einkaufsstraße, ... aber jetzt das olle Krempelzeug ...«

Kürzlich ist sie also wieder einmal dagewesen, in ihrer alten Heimat, hat das Haus aufgesucht, das einmal ihrem Vater gehörte. Es gibt noch eine Postkarte davon, da steht in großen Lettern: »Paskes Haus«. Aber niemand kannte sie mehr. Und auch sie kannte iemanden mehr. Nur die Kneipe im Erdgechoß, die hatte noch immer den gleichen Namen wie damals. Diese Kneipe, über der sie geboren wurde, über der ihre Mutter mit den Wehen im 1. Stock im Bett lag, während ihr Vater hinter dem Tresen stand und ausschenkte. Im Juli 1923 war das, und das Lokal hieß Heidelberger Krug und war voll bis auf den letzten Stehplatz, weil der werdende Vater versprochen hatte, ein Faß Bier auszugeben, wenn es ein Junge wird, und ein halbes, wenn es ein Mädchen wird. Frau Insel war keine drei Stunden alt, da wurde sie »unten im Krug vorgeführt«, und unten haben sie trotzdem die ganze Nacht getrunken, auch wenn es nur eine Elisabeth war.

Oft ist sie später nicht mehr unten gewesen, in der Wirtschaft ihres Vaters. Natürlich stand ein Klavier da, natürlich spielte mal jemand, aber

<IMG width="127" height="189" src="Bilder/KC9_05_web_12.jpg" > daran, daß die vielen Offiziere der Kasernen vom Tempelhofer Feld viel tanzten, daran kann sich Elisabeth Insel nicht erinnern. Es ist ja schon auch eine Weile her. Und außerdem hatte der alte Paske, ihr Vater, ja eine ganze Reihe von Kneipen und Läden und Häusern in verschiedensten Vierteln der Stadt. Da bringt man schnell etwas durcheinander. Auf jeden Fall hat er ein Haus in der Kurfürstenstraße und eine Landwirtschaft am Rand von Berlin gehabt. Und auf jeden Fall war er es, der als erster mit einem Automobil in der Arndtstraße vorfuhr. Überall gingen die Fenster auf, die Leute kamen auf die Straße gelaufen, um den Steyr zu bewundern, der im Hinterhof des Heidelberger Krug im Pferdestall geparkt wurde. »Drei Stunden dauerte es, da hatte mein Vater seinen Führerschein!« Elisabeth Insel erinnert sich gut an dieses erste Auto, sie muß so etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als sie mit der glänzenden Karosse nach Pommern fuhren, in die alte Heimat, die der Vater nie ganz vergessen hatte. »Er wollte immer wieder zurück!«

Später sind sie tatsächlich zurückgegangen nach Pommern. Geflüchtet, denn Berlin war ins Visier der Bomber geraten, Berlin war zu gefährlich für eine Familie mit drei Kindern. In Karolinhorst kaufte der Vater eine idyllische Gastwirtschaft, arbeitete als Wirt und wartete mit seiner Familie auf das Ende des Krieges. Jahre vergingen. Elisabeth war noch ein junges Mädchen, da traf sie auf dem Bahnhof Kurt Bangert. Wenige Monate später war sie Witwe. Ihr junger Mann fiel an der Front. Da war sie zwanzig Jahre jung.

Als sie nach dem Krieg wieder heimkehrten, stand das Haus am Chamissoplatz noch. Es steht heute noch. Der hübsche Waldkrug in Karolinhorst aber wurde von den Besatzungsmächten in die Luft gesprengt, weil man ein Munitionslager im Keller vermutete. »Mein Bruder sagte, fahr nicht hin, es ist alles so traurig«, aber Elisabeth Insel ist dennoch hingefahren und hat mit eigenen Augen gesehen, wie trist das Dorf heute aussieht, »ach, früher war eben alles viel, viel schöner. Auf jeden Fall hat es sich nicht zu seinem Vorteil verändert.«

Zurück in Berlin fanden sie in ihrem Haus keine Bleibe. Alle Wohnungen über dem Heidelberger Krug waren überfüllt. Als ihr Vater aber von dem Milchladen am Mehringdamm hörte, der verkauft wurde, weil plötzlich niemand mehr bei den alten Nazis, denen das Geschäft gehörte, einkaufen wollte, mietete Paske den Laden, zog in den hinteren Räumen ein und stellte seine Frau hinter die Ladentheke. »Das war nicht leicht, jeden Morgen mit Mutter die schweren Milchkannen in den Laden rollen.« Und dann standen da mindestens zwanzig Mann in der Schlange um ein bißchen Milch an, da mußten auch die beiden Töchter der neuen Milchverkäufer mithelfen. »Aber mit diesem kleinen Milchgeschäft am Mehringdamm 67 begann unser Reichtum.«

Und das Leben für Elisabeth auch. Denn die Mutter eines jungen Arztes aus der Nachbarschaft hatte ein Auge auf die kleine Milchverkäuferin geworfen, »das ist so ein nettes Mädel! Geh du doch mal die Milch holen.« Also ging jetzt Paul Kockerolls die Milch holen, und Elisabeth »muß tatsächlich ganz lieb ausgesehen haben«, jedenfalls verlobte sich der Mediziner eines Tages mit der jungen Milchverkäuferin. »Aber der wollte immer nur Sex, und ich war ja noch so jung &« Als der Arzt nach Österreich ging, blieb die Verlobte vorsichtshalber einmal in Berlin. Der Name »Kockerolls« hatte ihr ohnehin nie gefallen, und als fünfzig oder sechzig Jahre später Achim Insel seine Elisabeth einmal fragte, warum sie ihn eigentlich geheiratet hätte, sagte sie: »Wegen des Namens. Du hattest so einen schönen Namen.«

Mit Achim Insel war sie »glücklich. Wir haben in sechzig Jahren nicht einmal gestritten.« Achim führte sie so sicher durchs Leben wie über das

<IMG align="right" width="215" height="168" src="Bilder/KC9_05_web_13.jpg" > Tanzparkett. Und wenn die beiden die Tanzbeine schwangen, »dann blieben alle anderen sofort stehen!« Als Tanzpaar gewannen sie Preise, und als Geschäftspaar Geld und Wohlstand. Eines Tages, noch am Mehringdamm, sagte Achim Insel zu seiner Frau: »Es gefällt mir nicht, daß du immer hier im Milchladen stehst!« Und mietete für seine Frau ein gutgehendes Café am Breitenbachplatz. Elisabeth, nicht faul  »denn jeder ist seines Glückes Schmied. Auch heute noch übrigens!«  ging ein paar Wochen zu Sarotti in die Lehre und lernte Kuchen schneiden, Pralinen einpacken, schöne Schleifen binden. Frau Insel führte das Café viele Jahre lang mit viel Liebe und viel Erfolg. »Aber wenn ich heute zum Breitenbach komme, dann gefällt mir das überhaupt nicht mehr. Ich weiß ja nicht, wie es wäre, wenn ich all die Jahre dort geblieben wäre.« Aber das taten die Insels nicht. Als der Hauseigentümer am Breitenbachplatz plötzlich die Miete verdoppelte, kündigten sie. Und damals irgendwann sind sie dann auch nach Porz gezogen.

Die Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre verbrachte Frau Insel fern von Kreuzberg und Berlin mit den zwei gutgehenden Wäschereien und ihren 16 Angestellten im Rheinland. »Die haben wir zum Schluß noch ganz toll verkauft. Und das Haus auch  obwohl es dreißig Jahre alt war!« Heimweh nach Berlin oder Kreuzberg, wo alles begann, verspürten sie so gut wie nie. In Porz hatten sie alles, um glücklich zu sein, die Wäschereien, den Golfclub und den Tanzverein. Aber jetzt ist Porz auch schon wieder so lange her! Porz, da lebte ja Achim noch! Jetzt gibt es nur noch die Fotoalben, zwanzig Stück, Fotos aus Pommern, aus Porz und aus Berlin, Fotos von alten Autos, Fotos von den Tanzveranstaltungen, von ihren Geschäften und von ihren Freunden und ihrer »wirklich tollen Verwandtschaft« mit den vielen Häusern am Wörthersee.

<IMG align="" width="352" height="212" src="Bilder/KC9_05_web_14.jpg" ><IMG align="" width="349" height="16" src="Bilder/KC9_05_web_15.jpg" >-

gen auch an den letzten Tag ihres Mannes, »er war so aufgeregt, er wollte mir etwas sagen, aber er konnte es nicht mehr, er konnte nicht mehr sprechen. Jetzt hat er sein Geheimnis mit ins Grab genommen, ich zermartere mir das Hirn, aber ich weiß nicht, was es war, ein Haus vielleicht noch irgendwo, ein Konto, eine Versicherung ...«

Manchmal streift Frau Insel auf der Suche nach der Vergangenheit durch die Fotoalben, manchmal durch die alten Straßen. Auf den Fotos erkennt sie alles wieder, alles ist genau wie damals. Doch in den Straßen ist alles ganz anders jetzt. Da steht sie plötzlich und sucht ihre Schule, den Milchladen, den Bäcker  auch wenn sie weiß, daß die alle längst nicht mehr da sind. Sie sucht sie trotzdem.

Sie ist sogar noch einmal zu dem Haus gegangen, das einmal ihrem Vater gehörte. Zu ihrem Geburtshaus. Sie hat unten im Heidelberger Krug gesessen und etwas getrunken. Nicht lange, sie kannte ja niemanden. Nur ein bißchen, nur um sich ein bißchen zu erinnern. Und dann ist sie aufgestanden und noch einmal zur Haustüre gegangen. »Ich hab gesucht, auf den Namenschildern, aber es ist einfach niemand mehr da.«


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