Kreuzberger Chronik
September 2005 - Ausgabe 70

Die Geschichte

Lichter der Großstadt


linie

von Hans W. Korfmann

1pixgif
Das wohl berühmteste Gedicht Erich Mühsams über einen allzu braven Lampenputzer in wenig braven Zeiten war nicht nur eine Karikatur des typisch-konservativen SPDlers  so zumindest wurde das Gedicht 1907 interpretiert , sondern es richtete sich auch an die Mitläufer ganz allgemein. Es verspottete jene, die zwar auf der Straße, aber eigentlich nicht bei der revolutionären Sache waren. Es sind aber genau auch jene braven Mitläufer notwendig, wenn eine Revolution gelingen soll, denn sie erst machen die revolutionäre Bewegung zur Revolution der Massen mit Aussicht auf Erfolg. Die Massen sind nur selten bereit gewesen, Haus und Hof, vielleicht ihr Leben zu geben. Manchmal nicht einmal ihre Straßenbeleuchtung.

Denn das »gute Leuchtelicht« war in den Zeiten Mühsams noch längst keine Selbstverständlichkeit. Es war eine technische Errungenschaft. Ein Segen. Mit ihm kam der Fortschritt in die Stadt. Im hellen Licht der Gasleuchten in den Werkstätten und den Fabriken machte die Wirtschaft einen gewaltigen Schritt nach vorn. Doch mit der zunehmenden Industrialisierung begann die junge Hauptstadt bedrohliche Ausmaße anzunehmen. Immer enger rückten die Menschen in den Mietskasernen zusammen, immer mehr Landarbeiter zogen der gut bezahlten Arbeit wegen in die Stadt, die zur Millionenmetropole anwuchs. Und mit dem industriellen Aufschwung einerseits kamen Ausbeutung und Armut andererseits. Und mit der Armut Krankheit und Seuchen.

Die gab es allerdings auch zuvor schon. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Wasser in Berlin noch mit dem Eimer aus dem Hof oder von der Straße geholt. Lediglich wohlhabende Bürger verfügten später über Wasserleitungen in ihren Wohnungen, die sie gerne auch dazu nutzten, den Inhalt ihrer modernen Wasserklosetts in den Rinnstein zu befördern, während andere Fleisch und Gemüse auf der Straße wuschen. Aus den offenen Abwasserkanälen und den Rinnsteinen entwichen immer mehr jener sogenannten »Miasmen«, der in den Ausdünstungen der Fäkalien vermuteten Krankheitserreger. Tatsächlich stieg die Zahl der Seuchen und Krankheiten so rasch wie die Einwohnerzahl der Stadt.

Doch 1873 begann man, nach einem Entwurf des Stadtbaurates James Hobrecht und unterstützt vom Stadtverordneten und Arzt Rudolf Virchow, mit dem Bau der Berliner Kanalisation. Im gleichen Jahr kaufte die Stadt auch die Berliner Wasserwerke von einer englischen Firma und kommunalisierte damit die Wasserversorgung für die Berliner Bürger. Und auch um die Gasversorgung  und damit um die öffentliche Beleuchtung  sorgte sich damals die Kommune, wenn auch die Stadt sie anfangs gemeinsam und sozusagen in Konkurrenz mit einer englischen Gesellschaft betrieb. Es sollte jedoch endlich Ordnung einkehren. 150 Jahre lang waren es rauchende Öllampen, die einige wenige Straßen der Stadt nur schwach beleuchteten, was anfangs niemanden störte. Doch als immer mehr Menschen in die Stadt kamen, häufte sich das »Gesindel«, das nächtens durch die Straßen schlich, in den Hauseingängen schlief und sich der Notdurft über dem Rinnstein entledigte. Räuber und Mörder hatten leichtes Spiel in der Dunkelheit, und das empfindliche Bürgertum fürchtete wegen des Pöbels in den Straßen um die Sittlichkeit in der Stadt, und vor allem um seine eigene Sicherheit.

Um die öffentliche Ordnung in Berlins nächtlichen Straßen wiederherzustellen und den Kriminellen den Schutz der Dunkelheit zu nehmen, tat Berlin das, was man in London bereits zwanzig Jahre zuvor getan hatte: Man schaltete das Gaslicht an. Am 20. September 1826 glühten die ersten 27 Gaslaternen der englischen Imperial-Continental-Gas-Association unter den deutschen Linden. Die »Camberwell«-Laterne, benannt nach jenem Londoner Stadtteil, in dem sie erstmals leuchtete, war noch eine alte, für den Gasbetrieb umgebaute Öllaterne, der später viele andere Modelle folgen sollten.

Doch die Reaktion in der Stadt auf das erste Erleuchten der englischen Gaslampen war, wie stets bei großen und eben auch bei kleinen Revolutionen, zunächst geteilt. Konservative Naturen befürchteten, das Gaslicht sei zu gleißend und behaupteten, die »Enkel werden erblinden«. Andere wiederum lobten das viele Licht.

Ähnlich verhielten sich die Berliner, als ein halbes Jahrhundert später die ersten elektrischen Bogenlampen das Pflaster beleuchteten. 1882 wurden in der Leipziger Straße und am Potsdamer Platz die ersten elektrischen Bogenlampen aufgebaut. Während die einen wieder die ewige Blindheit befürchteten, sahen die anderen endlich Licht am Horizont, und das einst als gleißend und gefährlich verleumdete Gaslicht mutierte zur gemütlichen Funzel. »Wer aus einer der gasbeleuchteten Gassen auf einen der« elektrisch beleuchteten »Plätze einbog, der hatte den Eindruck, als ob er aus einem halbdunklen Gang unvermutet in einen taghellen Saal trete«, schrieb ein begeisterter Zeitungsredakteur. Heute ist, auch wenn in vielen Wohnungen und in den vielen ehemaligen Fabrikationsräumen der Kreuzberger Hinterhöfe noch die Gasleitungen an den Decken entlanglaufen, keine Fabrikationsstätte und keine Wohnung ohne elektrischen Strom mehr denkbar.

Doch war es im Grunde die englische Gaslampe, die mit der ausreichenden Beleuchtung von Straßen und Werkstätten maßgeblich zur Industrialisierung Preußens beitrug. Vor allem, nachdem »die Deutschen der englischen Funzel ordentlich Druck gemacht hatten«. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte man in Deutschland die sogenannte Preßgas-Technik, mit der bis heute so martialisch klingende Laternen wie der »Galgen« betrieben werden. Die Leuchtkraft der »Preßgas-Laternen« konnte mit den elektrischen Bogenlampen konkurrieren und entwickelte sich zu einem wahren Exportschlager.

Bis ins Jahr 1870 erfolgte die Abwasserentsorgung in der Stadt über den Rinnstein, aber schon 15 Jahre später waren 90 Prozent aller Haushalte an eine moderne Kanalisation angeschlossen. Darunter auch das heutige Kreuzberg. Trinkwasser sprudelte im Kiez um den Wasserturm am ehemaligen Tempelhofer Berg herum schon früh aus den Leitungen, und daß die Vergnügungszentren, wie die Neue Welt in der Hasenheide und die vielen Brauereien mit ihren Gastwirtschaften am Kreuzberg, schon bald mit Gaslaternen beleuchtet wurden, versteht sich von selbst. Kreuzberg war damals modern. Jetzt hinkt es der Zeit ein wenig hinterher mit seinen vielen Gaslampen. Aber schon im nächsten Jahr werden die Kleinode endlich durch elektrische Lampen ersetzt werden. Nur einige wenige Lampen im Tiergarten werden erhalten bleiben, denn sie stehen unter der Obhut des Museums für Verkehr und Technik.

Gegenwärtig also macht die Berliner Regierung jene sozialpolitischen Errungenschaften, die am Anfang des glorreichen 20. Jahrhunderts gestanden hatten, wieder zunichte und verkauft leichtfertig, was damals zum Wohl der Bevölkerung erst gekauft wurde: Gas, Strom, Wasser, Licht. Und Erich Mühsam hätte heute vielleicht ein wenig mehr Verständnis für einen Laternenputzer  wenn es sich denn um einen Gaslaternenputzer handelte.


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg