Kreuzberger Chronik
Juli 2005 - Ausgabe 69

Kreuzberger
Frau Schmidt aus Kreuzberg




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von Sabine Lueken

Titelfoto: Privat

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Es gibt ein richtiges Starfoto von der Kreuzberger Event-Erfinderin Sibylle Schmidt, auf dem sie wunderschön mit wallender Milva-Mähne und Diva-Blick posiert, aber dennoch dem Betrachter ihre Fäuste quasi unter die Nase hält. Dieses Bild entstand nach zwanzig Jahren streetfighting, nach zig nervenaufreibenden Prozessen mit Behörden um Clublizenzen, Zwangsräumungen und legendären undergroundparties, mehreren Verletzungen durch Polizisten, Drogendealer und Konkurrenten, zehn Hausdurchsuchungen, drei Geburten, schweren Unfällen, Krankheiten und Herzstillstand. Nach all dem ist Frau Schmidt immer noch das Kreuzberger Urgestein, der rebellische Untergrund, das zähe Leben, daß sich um keinen Preis anpassen, sondern selbstbestimmt und autonom über das eigene Schicksal entscheiden will.

Es gibt ein Gegenstück zu diesem Bild: 1965 im Berliner Zoo aufgenommen; dort hält die kleine Sibylle auf einer frisch gestrichenen Besucherbank ein possierliches Kätzchen im Schoß, und erst beim zweiten Hinsehen merkt man, daß es ein junger Löwe ist. Wie soll man leben, fragte Rimbaud, um glücklich zu sein? Lebe wild und gefährlich! Zwischen diesen beiden Küsten verlief das ozeanische Leben der Frau Schmidt bis heute, und sie selbst wundert sich am meisten, daß sie in den gelegentlich hochschlagenden Fluten nicht untergegangen ist. Ihr Geheimnis scheint in ihrer unkaputtbaren Lebensenergie zu liegen, von der sie wohl dreimal soviel mitbekommen hat wie andere Leute.

Foto: Privat
Bereits mit zweiundzwanzig, in einem Alter, wo andere mal gerade überlegen, was sie demnächst studieren könnten, macht sich Frau Schmidt das erste Mal selbständig: Mit einigen Freunden eröffnet sie den Künstlerclub Blockshock in der Kreuzberger Mariannenstraße. Das war im Jahr 1985, in dem auch die wilden 1. MaiStraßenschlachten im ganzen Viertel immer professioneller organisiert wurden. Kein Wunder, daß der Staatsschutz anfängt, die auffällige junge Frau zu beobachten, die mit Stöckelschuhen auf einer Kawasaki zwischen den »Schlachtfronten« umherrast. Mit der Zeit entsteht eine ganze Phalanx von Verfolgern, die ihre Aktivitäten behindern. »Schließen, ermitteln, beschlagnahmen«. Den Anfang macht die StattbauChefin und spätere GrünenAbgeordnete Franziska EichstädtBohlig, die vorm Blockshock ein riesiges Erdloch bohren läßt, das 10 Jahre lang nicht mehr zugemacht werden wird. Dennoch fanden hier legendäre Veranstaltungen statt, z. B. das Konzert der Ramones-Revival-Band. Einer der Musiker wird wegen abgelaufenem Paß nicht durch die DDR gelassen. »Ihr fahrt jetzt los«, sagt Frau Schmidt, »und der nimmt ein Taxi zum Flughafen!« Am Ende haben 300 Punker drei Stunden auf die Musiker gewartet, nur mit Freibier waren sie davon abzuhalten, den Club zu zerlegen. Aber das Konzert fand statt.

1987 wird das erste »Blockshock« geschlossen, das zweite findet in den Gewerbehöfen zwischen Hasenheide und Körtestraße einen liberalen Vermieter. Ob »Olaf und die Untermieter«, »Die chinesischen Glückskekse« oder »die Ärzte« und die »Toten Hosen«, als sie noch keiner kannte, Frau Schmidt läßt sie alle auftreten in der Reihenfolge ihrer Anmeldung. »Ich wollte immer schon was Weltverbesserisches machen, was Kulturelles und damit auch noch reich werden!«  »Naja,« sagt sie nach einigem Nachdenken, »ich kann ja immer noch reich heiraten ...«

Auf der Record Release Party der Rolling Stones legt sie, während Türsteher Tom auf der Hintertreppe die Freundin von einem »Ärzte«
Foto: Privat
Musiker »vernascht«, dem großen Plattenboß die Rechnung vor: »Ich muß Sie leider um 20.000 Mark bescheißen«, sagt sie ihm , »um diesen Laden zu erhalten«. »Is schon gut«, erwidert er glücklich. Wieder macht ihr der endlose Streit mit Behörden, Stadtplanern und Aufstandsbekämpfern einen Strich durch die Rechnung, wieder hat die Bauaufsicht einige Zentimeter zuviel «im allgemeinen Wohngebiet» gemessen. Im Lager werden die amtlichen Bescheide mittlerweile in den Fächern »Poppnieten«, »Pornohefte«, »Haftbefehle usw.« entsorgt.

In diesem gewaltigen Sommer 1989, kurz vor dem Untergang der DDR, schmuggelt Sibylle Schmidt PunkBands hinein, organisiert in Potsdam ein antifaschistisches Festival gegen Neonazis mit, die es im Osten offiziell noch gar nicht gibt. »Wir haben den Punks in der DDR die Angst vor der Obrigkeit genommen«, sagt sie, »und die besetzten dann die BRDBotschaft in Warschau«.

Die legendäre KPD/RZ wurde gegründet, die erste »Spaßpartei«, und deren erste Pressekonferenz fand natürlich in der Wohnküche von Frau Schmidt statt! Bei dieser Gelegenheit wurde auch gleich das links radikale Wochenblatt »RZ« geboren, und Frau Schmidt wurde zum ersten Mal Parteifunktionärin; fortan hieß es auf ihren Visitenkarten: »S. Schmidt, Männerbeauftragte der KPD/RZ«. Damals hatte noch nicht mal jede Partei eine »Frauenbeauftragte«, Frau Schmidt war schon wieder drei Schritte weiter.

Aber so geht es oft: Avantgardistische Musik, Parolen und Clubideen werden in ih rem Ambiente gebo ren und ausprobiert. Wenn Jah re später andere Geschäftsleute mit Sibylles Ideen Millionen verdienen, tanzt sie schon wieder auf der nächsten Party. 1.600 sind in den letzten 25 Jahren gewesen, und darauf ist sie stolz: »Alles ohne Geld vom Staat!« Und ohne Drogen, wie man hinzufügen muß. Die gängige Verbindung von sex and drugs and rocknroll ist nicht ihr Ding. Deswegen bekam sie sogar mal freundlichen Besuch von der Polizei. Man bat sie um eine Anzeige. Es ging um AntiDrogenWerbung in einer internationalen Polizeigazette. »Hab ich natürlich gern gemacht«, lächelt sie, ganz Vorbild.

Dann ein Intermezzo bei der TAZ: Sie schafft es ideenreich, mal eben in einem Vierteljahr eine Million für die Genossenschaft einzusammeln durch eine Werbekampagne, die auch dem sparsamsten schwäbischen Grünen der Erbengeneration klarmacht, daß sein Geld bei der TAZ nicht verloren ist, weil dort schon lange keine verlotterten Spontis mehr arbeiten, sondern professionelle Zeitungsmacher: »Die zweidausend Mark sin guud angläägt«.

1993 gründet Frau Schmidt die Tanzschule Schmidt in der Inselstraße. »SoziokulturArbeit« nennt sie das. 1996 zieht die Tanzschule um in die Rosenthaler Straße. Das Bauamt Mitte zieht einen Musikpsychologen hinzu, um ihre Aktivitäten zu unterbinden, wegen der »massenpsychotischen Auswirkungen« ihrer Veranstaltungen. »Sie haben die falsche Musik, Frau Schmidt«, sagt man im Bauamt, und fügt hinzu: »Und wenn Sie diese Hürde dann genommen haben, finden wir was anderes!« Die von Sibylle Schmidt angestrebte Vermischung bzw. Aufhebung aller Nationalitäten, Geschlechter und sozialen Schranken ist den Bürokraten offensichtlich ein Dorn im Auge.

Obwohl das Publikum begeistert ist und selbst die Polizei des zuständigen Abschnitts nach Dienstschluß bei ihr feiern kommt, setzen sich ganz andere Pläne durch. Heute befindet sich in den Räumen ein Restaurant, merkwürdigerweise ohne die Auflagen, die ihrem Club den Garaus machten. »Ich geh da nie mehr hin!« sagt Sibylle Schmidt. Die Orte, die sie erst belebt hat und von denen sie sich vertrieben fühlt, will sie nicht mehr sehen, lieber nach vorne blicken auf zukünftige Projekte. »Aber wir haben natürlich überall unseren Voodoo hinterlassen«, fügt sie hinzu. »Die Menschen, die mich geschädigt haben, werden wohl ein trauriges Schicksal erleiden«.

Nach dem Ende der Tanzschule Schmidt betreibt sie 1998 bis 1999 am Lausitzer Platz einen ComedyClub, Jahre bevor so was in Mitte modern wurde, und gründet zur Jahrtausendwende die Agentur »Schmidt & Friends Eventmanagement«. Das Wort »Event« kann sie nicht mehr hören. Demnächst wird sie ihre Aktivitäten unter dem Titel »unitedcosmopolitans« fortführen. »Die political correctness der 68er muß überarbeitet werden«, sagt sie, und meint damit unter anderem, daß der »verkrampfte Umgang« mit »Menschen aus anderen Ländern« aufhören sollte. »Das beseelte Grinsen, das manche Alternative überfällt, wenn es um Multikulti und türkische Migranten geht, sollte durch kritisches Verständnis ersetzt werden.«

Die Pappschilder, die im Wahlkampf vor dem Blockshock gezeigt wurden (»Wir schließen diesen Laden, wenn Sie uns wählen! SPD«) hat Sibylle Schmidt der Partei offenbar nicht nachgetragen. Ihr neuester Plan hat sie nämlich auf einen Weg geführt, auf dem ihr von den Kreuzberger Exautonomen bisher keiner zu folgen vermag: Sie ist der SPD beigetreten und versucht dort, ihre Erfahrung als Kulturmanagerin gewinnbringend einzusetzen. Sie richtete eine Weihnachtsfeier für den SPDParteivorstand und die Neujahrsempfänge der SPD Kreuzberg-Friedrichshain aus. Wenn sich Wowereit entspannt ein Flaschbier aus dem Kühlschrank nimmt und die Bodyguards in rosa Hemden zu ihrem Soundmix anerkennend grinsen, kommt coole Stimmung auf. »Auf meinen Parties liegen selbst Vierzigjährige knutschend in der Ecke, das liegt an dem Gefühl von Freiheit, das da entsteht«, sagt Frau Schmidt.

Der Partystil von Frau Schmidt bringt auch die verbissensten Parteifreunde zum Swingen, Reden und Entspannen. Leider hat das noch nicht dazu geführt, daß die alte Tante SPD die kaufmännischen und eventtechnischen Qualitäten von Frau Schmidt auch in der öffentlichen Arena nutzen will: Sibylle Schmidt als Bundestagskandidatin, das wäre etwas, wo sich mancher Kreuzberger überlegen würde, doch mal wieder zur Wahl zu gehen. »Aber irgendwie ist das auch schön«, sagt Frau Schmidt, »daß ich in die SPD gegangen bin, die müssen mich jetzt alle duzen«.

Sabine Leuken und Dr. Seltsam


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