Kreuzberger Chronik
Juli 2005 - Ausgabe 69

Kreuzberger Legenden

Die Legende von der Randgruppenarbeit


linie

von Dr. Seltsam

1pixgif
Bei der Überlegung, wie das Potential entsteht, aus dem später in den Achtziger Jahren die weltbekannte »politischrevolutionäre Bewegung« in Kreuzberg zündet, darf man die Vorbereitungsarbeit nicht unterschätzen, die, von linken Sozialarbeitern und »revolutionären« Studenten in der Freizeit geleistet, zur Auflockerung des Viertels führte; allein der alltägliche Kontakt beim Bäcker, beim Kaufmann, im Treppenhaus zwischen »Normalos« und »Politicos« veränderte beide langsam im Lauf der Zeit. Zum Beispiel sämtliche später gejagten und verurteilten RAFKader haben in Berlin und anderswo jahrelang »an der Basis« gearbeitet, um die Gesellschaft zunächst im Kleinen zu befreien. Ulrike Meinhof schrieb das Theaterstück »Bambule« über geschlossene Mädchenheime, JanCarl Raspe schrieb seine Doktorarbeit über straffällige Jugendliche. Zu den Nachläufern linker Sozialarbeit gehörte auch eine studentische »Knastgruppe«, die 1974/76 ihr Domizil in den Räumlichkeiten hatte, die heute die Rote Harfe am Heinrichplatz einnimmt.

Initiator war ein mutmaßlich anarchistischer bärtiger Pfeifenraucher, Lehrbeauftragter am PädagogikFachbereich der Technischen Universität in Charlottenburg, der seine Studenten gemäß der damals angesagten »Dialektik von Theorie & Praxis« zur Gründung sozialer Projekte in die unterprivilegierten Stadtteile schickte. Für den ganzen Einsatz gab es zu jedem Semesterende unbenotete »Theorie & PraxisScheine« und jede Menge »Erfahrungen mit den Unterprivilegierten«, wie die Teilnehmer berichteten. Bevor es mit den »Knackis« losging, wurde aber erst einmal ein Jahr lang alles renoviert, und die Studentinnen und Studenten lernten begeistert Bauhandwerken vom Trockenbau bis zur Elektrik, so haltbar, daß die Rote Harfe und die Studenten noch lange davon zehrten.

Gleichzeitig wurde in vielstündigen Plena über Konzepte gestritten. Man las Bücher über Delinquenz und Randgruppensoziologie und glaubte idealistisch, die besonders Benachteiligten am ehesten revolutionieren zu können. Mit dem politischen Anspruch von ordentlichen Absolventen des Zweiten Bildungsweges wollte man »Hilfe zur Selbsthilfe« leisten, wohl ahnend, daß diese ihre ganz eigenen Probleme mitbringen würden. Da wurde die Dialektik von Theorie & Praxis auf eine harte Probe gestellt. Und obwohl sogar erfahrene Juristen dabei waren, konnte das Verbot von Alkohol, Waffen und Drogen im »KUK« (=Kommunikations und Kontaktzentrum) niemals durchgesetzt werden.

Es war die Zeit der sogenannten »KGruppen« und Politsekten, die in jedes bestehende Projekt ausschwirrten, um Proselyten zu machen (rel. für: »neue Gläubige missionieren«). Das war Zeitgeist. Neben dem »KUK« gab es noch die Bethanienbesetzer, Volksambulanz, Rote Hilfe, Schwarze Hilfe. Einmal soll sogar Katarina de Fries aufgetaucht sein, die auf keinem rotgeränderten Fahndungsplakat in der Stadt fehlte. Sie suchte auf einem Plenum vergebens nach Sympathisanten. Doch jeder warb für seine Spezialideen.

Wie man sieht, war damals in Kreuzberg politisch mehr los als heute. Wo aber blieben nun die »Knackis«, die »Randgruppen«, für die man die ganze Sozialarbeit eigentlich machen wollte? Die kamen dann wirklich, aber schon nach einer Woche versuchte der erste bedrogte Freigänger, einer Studentin die Kehle durchzuschneiden. Immer mehr der Helferinnen stiegen aus. Am Ende kam es regelmäßig zu Gewalttätigkeiten und die Studenten gingen lieber wieder ordentlich studieren.

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg