Kreuzberger Chronik
Mai 2004 - Ausgabe 57

Die Reportage

Verbummelung und Verrummelung


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von Hans W. Korfmann

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»Dirk Nishen, Alt-Kreuzberger, in den Achtzigern alternativer Verleger und Herausgeber eines gutgemachten Songbooks mit Fotos, Texten und Noten der politisch korrekten Politrocker Ton Steine Scherben, schien der richtige Mann zu sein, um das 60 Mio. Euro teure Projekt den Kreuzbergern vorzustellen. Schließlich mußte man damit rechnen, daß sich Widerstand regen würde unter den einstigen Genossen, wenn ausgerechnet auf einer der größten Berliner Brachen, um die seit dem Fall der Mauer Hochhausplaner und Umweltschützer ringen, ein gigantisches Stahlgerüst in den Himmel wachsen sollte.

Also wurde der Projektentwickler Dirk Nishen auch zum Sprecher der Investorengruppe, die unter dem Namen »World Wheel Berlin« agiert, über deren wahre Identität und Hintermänner sich der Ex-Kreuzberger bislang aber ausschwieg. Was bei Bürgern und Beobachtern nicht wirklich für Vertrauen sorgte. Doch wenn es einem gelänge, auf dem 16 ha großen Gelände des geplanten Erholungsparks das welthöchste Riesenrad zu installieren, dann wohl nur Dirk Nishen, dem Schöpfer der erfolgreichen Infobox am Potsdamer Platz. Obwohl der gelernte Architekt Nishen mit der Aussichtsterrasse eigentlich nichts anderes im Sinn hatte, als einen Blick auf die gigantischste Baustelle Europas zu ermöglichen, kamen am Ende über acht Millionen Besucher. Sie kamen, um am Beispiel des Potsdamer Platzes den Wandel der Geschichte zu verstehen und ein Stück Deutscher Einheit live mitzuerleben: Die aus sozialistischem Sand rasant in den Himmel wachsenden Bauten von Daimler, Sony und Debis hatten symbolträchtigen Charakter.

Die glückliche Infobox prägte Nishens Namen, seine Pläne von der Seilbahn dagegen, die vom Reichstag zum Lehrter Bahnhof führen sollte, sind längst wieder in der Lade verschwunden und vergessen. Jetzt aber will der Entertainer, gemeinsam mit einem »institutionellen Großanleger, Privatleuten und der Betreibergesellschaft«, ein riesiges Riesenrad auf Kreuzberger Boden stellen. Pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft 2006 soll es sich über der Stadt drehen und Milliarden von Fernsehbildschirmen zieren. Dem Senat gefiel die Idee vom höchsten Riesenrad der Welt, auch wenn die Chinesen den deutschen Rekord voraussichtlich schon ein Jahr später um 35 Meter überbieten werden. Berlin braucht zur Imagepflege jeden positiven Superlativ, und sei es der des größten Karussells der Welt. Und da Nishen & Co. nicht nur die komplette Finanzierung, sondern auch gleich den Abbau des Monstrums für den natürlich höchst unwahrscheinlichen Fall fehlender Rentabilität garantiert haben, zeigten sich die Berliner kooperativ und stießen auf der Suche nach einem geeigneten Standort auf das lange umstrittene Gelände des Gleisdreiecks.

Gleich neben dem Technikmuseum, so die Städteplaner, könne die »Abflughalle« für die 40 Gondeln errichtet werden. Auch das Museum zeigte sich zunächst interessiert, wollten die Geschäftsleute doch immerhin ein gemeinsames Eingangsportal für Museum und Riesenrad sponsern. Zudem könnte das Gondelrad mit Fernsehturmhöhe zum weithin sichtbaren Wahrzeichen des Museums, vielleicht sogar der ganzen Stadt werden. Inzwischen gab der Direktor des Museums aber zu bedenken, daß es eine Diskrepanz zwischen der »Volksbildungseinrichtung und dem Kommerz« gebe.

Im Grunde aber ist der Standort am nördlichen Rand des geplanten Parks nicht sonderlich abwegig. Lediglich einer der alten Wagenschuppen des ehemaligen Güterbahnhofs müßte dem riesigen Rad weichen, ein Rummel im Herzen des geplanten Grünlandes bliebe aus. Problematischer wären die 40 Busstellplätze für die von Nishen & Co. jährlich erwarteten 1,3 Millionen Karussellfahrer – eine Zahl, die sich offensichtlich an den erfreulichen Besucherzahlen der Infobox orientiert, und bei der Baustadtrat Dr. Schulz die Stirn in Falten wirft: »Das wäre 1% der gesamtdeutschen Bevölkerung!« Auch die prognostizierten Pkw-Lawinen würden, sollte das Konzept der Radbauer tatsächlich aufgehen, zum Problem werden.

Zumindest für die Anrainer. Von denen kamen nicht Millionen, doch immerhin eine Hundertschaft, als am 12. März Baustadtrat Dr. Franz Schulz, Dirk Nishen und Christian Schmitt-Hermsdorf von der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck zu einer Informationsveranstaltung einluden. »Wir wollen keinen Freizeitpark«, hatte Schulz wenige Tage zuvor verlauten lassen, und kampflustig hinzugefügt: »Wer das Geld hat, hat nicht automatisch auch die Macht.« Zuständig sei der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, nicht die Bahn. Eine »schleichende Verrummelung« werde er nicht zulassen. Zuerst kämen Museum und Park, dann das Rad.

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Foto: Dieter Peters
Am Abend der Veranstaltung zeigte sich Schulz kompromißbereiter. Das Riesenrad am Rande des Parks, das Peter Strieder etwas übertrieben als »kulturelles Highlight« bezeichnet hatte, war in den Augen des Kreuzberger Baustadtrats immerhin noch eine »technische Attraktion«, die prinzipiell gut zum Museum passe und einen Synergieeffekt haben könne. Und wenn sich das Museum tatsächlich mit den Riesenradlern einigen würde, dann hätten auch die Verteidiger der Parklandschaft etwas davon. Denn bevor das 175 Meter hohe Stahlrad genehmigt werden könne, müsse zuerst einmal der seit Jahren diskutierte Rahmenvertrag unterschrieben werden, ohne den der erste Spatenstich für den Park nicht möglich ist. Der lästige Streit zwischen der Deutschen Bahn, vertreten durch ihre Grundstücksverwalterin VIVICO, und dem Land Berlin ( vgl. Nr. 25) müsse endlich beigelegt werden. »Gelingt uns das, haben wir alle etwas gewonnen«, sagt Dr. Schulz.

Der Architekt Norbert Rheinlaender von der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck jedoch bleibt skeptisch. Zu häufig schon tauchten plötzlich Pläne gigantischer Hochhäuser am Rande des Dreiecks auf: Die Bahn plante ein 120 Meter hohes Gebäude am Parkrand, die Post am nördlichen Ende des Geländes wollte aufstocken, und an der Yorckstraße stieß plötzlich ein neues Baugrundstück tief in die »Parkfläche Ost« hinein.

Ein Golfplatz ist im Gespräch, ein »Welt-Zukunftspark« mit Pavillons, Karussells, Gaststätten und Multimediainstallationen, und auch die Erlebnisgastronomie Pomp Duck and Circumstance möchte gern auf dem Gelände bleiben. Die Bedrohung kommt von allen Seiten, und wieviel am Ende von den schönen Plänen des großen Parks mit seinen Wäldchen und Wegen bleibt, ist ungewiß. Sicher aber ist, wie die AG Gleisdreieck in einem Informationsblatt schreibt, »daß der zukünftige Park ohne das Engagement der Bürger anders aussehen wird«. Sicher ist auch, daß »der gültige Flächennutzungsplan viel mehr Grün« vorsieht »als das Konzept von Senat und VIVICO«. Und sicher sind die nötigen Geldmittel für den Park, denn bereits 1998 haben die Investoren des Potsdamer Platzes 47 Mio. DM zur Finanzierung einer 16 ha großen »Ausgleichs-Grünfläche« auf dem Gelände des Gleisdreiecks bereitgestellt. Laut Vertrag hätte dieses Geld eigentlich bis zum Jahr 2002 investiert werden müssen, doch noch immer feilschen das Land und die Immobilienverwaltung der Bahn AG um den Preis für einige bahneigene Hektar des Gleisdreiecks! Es gebe eben, so die zuständige Senatssprecherin Petra Reetz, »erhebliche Schwierigkeiten« bei den Verhandlungen, aber man sei »optimistisch, daß der Vertrag bis zum Sommer steht«. Baustadtrat Schulz verfolgt die Verhandlungen mit »gesunder Skepsis«: »Wir haben in Bezug auf die Park-Realisierung schon im Sommer vergangenen Jahres an dem Punkt gestanden, an dem wir jetzt stehen.« Senatsbaudirektor Dr. Stimmann formulierte es anders: »Die VIVICO erpreßt das Land Berlin!«

Doch so lange sich die Verhandlungen auch hinziehen: Allmählich geht der Kampf ums Gleisdreieck in die letzte Runde. Auch die AG Gleisdreieck kämpft noch mit. Zu lange schon streiten Rheinlaender und die acht verschiedenen Interessengemeinschaften der AG für die Erhaltung des kleinen Stückchens Wildnis, das sich nach dem 2. Weltkrieg zwischen den Gleisen des zerstörten Potsdamer- und Anhalter Güterbahnhofs ausbreitete. Schon vor dreißig Jahren gründete der Architekt mit dem ausgeprägten Hang zur Natur mit Gleichgesinnten die Aktionsgemeinschaft Westtangente – eine Bürgerinitiative zur Verhinderung einer Autobahn, die das Dreieck spalten sollte. Mit einem gewissen Erfolg. Denn obwohl die Pläne vom breiten Betonstreifen immer wieder aus der Schublade gekramt werden: Gebaut wurde die Tangente bis heute nicht! Stattdessen wollte sich Ende der achtziger Jahre sogar die Bundesgartenschau auf dem idyllischen Eiland in der Stadt niederlassen. Doch dann fiel die Mauer, plötzlich brauchte man den Platz für Logistik, Maschinen und die Baumaterialien für den Potsdamer Platz. Die Bundesgartenschau zog weiter nach Potsdam. Aber die Idee vom Park blieb.

Das Modell der in die Jahre gekommenen, aber agilen Bürgerinitiative sieht ein Schwimmbad, Spielplätze, Cafés, ein Jugendfreizeitzentrum und Wander- und Fahrradwege mit einer 14 m hohen Hängebrücke zur Überquerung der Gleisanlagen in der Mitte des Parks vor. Vielleicht wird nicht alles davon Wirklichkeit. Aber irgendetwas wird man schon sehen von 30 Jahren basisdemokratischer Arbeit, einem Arbeitszimmer mit Aktenordnern bis unter die Decke und 2500 Unterschriften für den Park. Rheinlaender ist zwar von Natur aus skeptisch, doch beflügelt von ruhigem, beinahe stoischem Optimismus. Auch für die Umgestaltung der Crellestraße hat er lange kämpfen müssen. Jetzt blühen wilde Kirschen auf einem Plätzchen, Kinder spielen auf der Straße, Anwohner sitzen auf Bänken. Die Crellestraße ist ein Schmuckstück geworden! Elf Jahre hat es gedauert! Elf Jahre unermüdlichen Bürgerprotestes.

»Ich reibe mich eben an nichtdemokratischen Stadtentwicklungsprozessen!«, sagt Rheinlaender, und der Baustadtrat ist seit der millionenschweren Bauruine des Viktoria Quartiers vorsichtig geworden im Umgang mit Investoren voller toller Ideen, selbst, wenn dabei Weltrekorde herausspringen: »Eine Finanzierungsabsicherung wurde nur behauptet, aber nicht nachgewiesen!« Laut BZ jedenfalls »wackelt« das riesige »Lieblingsprojekt« des abgedankten Peter Strieder schon bedenklich. Dirk Nishen und seine Investoren zeigen sich »verwundert und genervt« über die Berliner Reaktionen und ließen wissen, daß es noch andere Städte als Berlin gebe, die Interesse am höchsten Riesenrad der Welt hätten. Bis zum Juni wolle man eine Entscheidung. Schulz witzelt über das drängende Ultimatum, und Norbert Rheinlaender registriert die Drohung mit gelassenem Achselzucken. Obwohl der Abzug Nishens immerhin ein weiterer kleiner Etappensieg wäre – auf dem allerdings unendlichen Weg des Sisyphos. <br>

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