Kreuzberger Chronik
Mai 2003 - Ausgabe 47

Gerhard Seyfried Kreuzberger
Gerhard Seyfried, Cartoonist

»Es hätte auch Bochum oder Stuttgart sein können.«


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von Hans W. Korfmann

Fotos: Michael Hughes

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»Es war Zufall. So wie alles Zufall ist.« Die WG in München
löste sich auf, Seyfried brauchte vorübergehend ein Zimmer. Und in Berlin war gerade ein Zimmer frei. »Es hätte auch Bochum oder Stuttgart sein können.« Aber es war eben Berlin. Und Berlin, 1976, »war ein Hammer für einen, der aus München kam«.

Eigentlich wollte er nicht lange bleiben. Es sind 28 Jahre geworden. In diesen 28 Jahren wurde er zum »Szene-Cartoonisten«, zu einer Art Urkreuzberger stilisiert. »Was ein Quatsch ist, weil ich ständig unterwegs war, in Amerika, Afrika, Holland, – – und weil ich erst einmal sechs Jahre im Westend, später in Tiergarten und Moabit gewohnt habe. Aber irgendwann hat das mal einer geschrieben, und da die seit Jahrzehnten alle voneinander abschreiben, Tagesspiegel, Morgenpost, taz und so weiter, bin ich eben der Szene-Cartoonist.«

Wenn Gerhard Seyfried einmal zur Szene gehörte, dann höchstens für ein paar Monate. »Von 1980 bis 1981!« Und das war wieder purer Zufall. Sie hatten eine Wohnung besetzt – kein Haus, aber immerhin. Und weil ein schwedisches Fernsehteam gerade eine Reportage über die Berliner Hausbesetzerszene drehte, gaben die neuen Bewohner der okkupierten Wohnung eine Pressekonferenz. Während die Schweden drehten, brachen im Auftrag des Hauseigentümers Bauarbeiter die Wohnungstür auf, um Seyfried & Co an die frische Luft zu setzen. Wirbelten vor laufenden Kameras mit den Bauarbeiterfäusten. »Das war natürlich etwas peinlich für die Hausbesitzer. Zwei Tage später hatten wir einen ordnungsgemäßen Mietvertrag in der Tasche!«

In Buenos Aires
Gerhard Seyfried (links) in Buenos Aires Foto: Privat

Vom Hausbesetzer Seyfried konnte also kaum eine Rede sein. Doch seit diesem Tag steckt Seyfried in dieser Schublade, in der es irgendwann zu eng wurde. So eng wie in den alten Jeans, die er kürzlich gegen den ersten Anzug seines Lebens eingetauscht hat, für seine Auftritte als ernstzunehmender Autor. Denn jüngst hat der lustige Cartoonist seinen ersten Roman vorgelegt, einen 600 Seiten langen Beweis dafür, daß er mehr kann, als nur Bilder von Kreuzberg und Polizisten zeichnen. »Herero« wurde von der Kritik aufmerksam und lobend registriert, 10000 Exemplare sind bereits verkauft.

Natürlich sprachen auch die Literaturkritiker wieder vom Kreuzberger Cartoonisten, der zu schreiben begann. Aber vielleicht wird es ja das letzte Mal sein. Denn Seyfried zieht jetzt aus, aus der Schublade. In die Schweiz nämlich. Was ja auch wieder so ein Zufall war. Denn hätte der Tagesspiegel nicht verkündet, daß Seyfried in die Schweiz ziehen würde, dann würde er heute wahrscheinlich nicht in die Schweiz ziehen. Aber da das nun schon einmal in der Zeitung stand, fuhr er einmal hin in diese Schweiz, um wenigstens mitreden zu können, wenn sie ihn fragen würden. Um sich ein wenig umzusehen in der Schweiz. Und als die Leute, für die er dort zeichnet und textet, ihm eine nette kleine Wohnung mit integriertem Geschirrspüler zeigten, als sie ihn durch ein ruhiges Städtchen führten mit Wiesen drumherum und Stille, und als sie ihm die kostenlose Versorgung mit Gras in Aussicht stellten, da wurde er tatsächlich nachdenklich. Als er dann feststellte, daß das Eisenbahnfahren in der Schweiz tatsächlich noch ein wahres Vergnügen war, entschied er sich.

Denn kaum etwas im Leben des Gerhard Seyfried ist so wichtig wie die Eisenbahn. Ganze Seiten, die mit diesen rabenschwarzen, weißdampfenden Lokomotiven bevölkert waren, hat ihm der Lektor aus seinem Roman gestrichen. Nicht das Zeichnen, nicht das Schreiben, nicht die Frauen haben seine Liebe zu den sanften Kurven der Schienenstränge, dem zarten Geflecht der Weichen, dem rhythmischen Atemstoß der Modelleisenbahn schmälern können. »Das ist eine Entscheidung, vor der jeder wirkliche Mann einmal steht: Eisenbahn oder Familie!« Seit Tagen schon sitzt Seyfried jetzt in seiner Wohnung am Lausitzer Platz und packt die kleinen Modelle in wattierte Kartons. 25 Lokomotiven hat er, über 200 Waggons, Bahnhofsgebäude, Wiesen und Hügel, Loren und Kohleberge aus echter, handgesiebter Unionkohle. »Detailfanatiker!«, sagen Freunde. An jeder Lokomotive hat er herumgebastelt, frisiert, modelliert, sie in seine kleine Schienenwelt eingepaßt. Eine perfekte, überschaubare Welt. Wie die Welten der Romane.

Eisenbahn
Mehr Eisenbahn
»Das Konstrukt des Zeichners« Foto: Michael Hughes


Und deshalb ist es nicht verwunderlich, daß der Zeichner zu schreiben begann. »Das Schöne an einem Buch ist ja, daß es Platz läßt zum Träumen. Im Film und in den Comics wird das Bild immer gleich mitgeliefert.« Im Buch, zwischen den Zeilen, bleibt noch Raum für die Phantasie. »Der Leser macht sich seine eigenen Bilder.«

Ebenso wie der Autor während des Schreibens. »Das war eine Zeitreise. Während ich schrieb, habe ich mich immer tiefer hineingearbeitet in diese Epoche, ich habe die Kolonisation quasi noch mal durcherlebt.« Ein bißchen war es wie das Konstrukt seiner Modelleisenbahn: Allmählich entsteht eine andere Welt.

Doch »Herero« ist keine reine Fiktion. Im Gegenteil: Jahrelang hat der Autor Seyfried in allen möglichen Archiven und über 300 Büchern die Historie der Kolonisation recherchiert, die geschichtlichen Details im Roman stimmen. Denn seitdem damals auf dem Gymnasium in München der Geschichtsunterricht im Jahre 1918 abrupt endete, plagt Seyfried eine historische Neugierde, spürt er der Geschichte nach, die eine Geschichte der Kriege ist. »Ich bin ja«, sagt Seyfried, »das erste Glied in der dreihundertjährigen Kette unserer Familie, das nicht irgendwann einmal in den Krieg ziehen mußte!« Also hat er sich hingesetzt und alles gelesen, was er über die europäische Geschichte in die Finger bekam. Und tatsächlich sollte das Buch über den Herero-Aufstand ursprünglich ein Sachbuch werden. Aber Seyfried ist »ein Augenmensch«, voller Bilder und Visionen. Ein Freund duftenden Grases und bunter Farben. Also hat er einen Traumfaden durch die Historie gesponnen, neben die einst real existierenden Personen vier fiktive Protagonisten gestellt. Er hat versucht, kein schwarz-weißes Bild von den blassen Deutschen im schwarzen Afrika zu malen. Er hat sich immer vorgestellt, wie das hätte sein können, wäre er dabeigewesen. So lange, bis er keine Tageszeitungen mehr lesen konnte, weil er sie nicht mehr verstand. Weil er in einer anderen Zeit unterwegs war. So war das mit »Herero«.

Comics wird er jetzt wohl nicht mehr zeichnen. Noch ein paar Cartoons, aber in der Schweiz. »Wenn ich wenigstens ordentlich davon hätte leben können!«. Aber er ist schon wieder drei Monate mit der Miete im Rückstand, sagt Seyfried. Er hat es zwanzig Jahre lang »ehrlich probiert«, von morgens bis abends gearbeitet, aber nie einen Platz für eine Kolumne bekommen, nicht bei der taz und nicht bei der FAZ. Beim Stern sagte man ihm: »Ihre Sachen machen die Leute nachdenklich. Das brauchen wir nicht!« Deshalb weiß er noch immer nicht so richtig, wovon er seinen Lebensabend finanzieren soll.

Als Polizist
Filmszene mit Gerhard Seyfried in seiner Traumrolle: als Polizist. Foto: Privat

Dabei war er einmal dabei, »richtig Karriere zu machen! Mit Frau und Auto und allem Drum und Dran!« Da hat er in der Werbung gearbeitet und für eine Agentur in München Kaugummiverpackungen verziert. Wrigleys. Aber das war dem Soziologie- und Psychologiestudenten der sechziger Jahre dann politisch doch nicht korrekt genug. Weshalb er von heute auf morgen aufhörte mit dem Zeichnen für den Konsum. »Was – und das erzähle ich nicht gerne – die Agentur in den Ruin trieb!« Seyfried selbst »landete auf der Matratze« und arbeitete bei einer Art »anarchistischem Münchener Stadtmagazin«: das Blatt. Nach dessen Vorbild entstanden später in Berlin die Stadtmagazine Tip und zitty. Bis zur Nummer 100 war Seyfried dabei, obwohl »jede zweite Ausgabe von der Beschlagnahme bedroht war und ständig Hausdurchsuchungen stattfanden«. Damals entschloss er sich, die Polizei genauer ins Visier zu nehmen und zeichnerisch zu karikieren. Und weil beim etwas dilettantischen Kleben der maschinengeschriebenen Texte für die Druckvorlagen stets gewaltige Lücken entstanden, füllte Seyfried diese Freiräume mit seinen Zeichnungen. Daraus entstand 1978 sein erstes Buch: »Wo soll das alles enden?«

Es erschien, als Seyfried gerade in Amerika war. Er war 30 Jahre alt, und weil es seine erste Reise war, tat er den ganzen Flug über kein Auge zu. Eigentlich hatte er nach New York gewollt, aber die Stadt war ihm schon aus der Luft zu groß, er traute sich nicht einmal, das Flughafengelände zu verlassen und nahm den nächstbesten Nachtflug nach San Francisco, wo die Rip Off Press die legendären Freak Brother-Comics produzierte. Der müde Transatlantikreisende klingelte bei den Kollegen, setzte sich aufs Sofa und schlief gleich ein. Aber als die verwunderten Amerikaner dann Seyfrieds Buch im deutschen Buchladen ausliegen sahen, räumten sie für den deutschen Freak einen Tisch frei. Seyfried begann, für die Rip Off Press zu arbeiten und besuchte die amerikanischen Kollegen in den folgenden Jahren regelmäßig.

Vor dem Umzug
Foto: Michael Hughes
In Berlin wiederum machte er sich allmählich einen Namen als »Bullenzeichner«. Dabei hat er nichts gegen Polizisten. Meistens jedenfalls nicht. Da kam einmal eine Frau und sagte, sie hätte gerne dieses Plakat von dem mit Touristen überschwemmten Ku’damm. Diese Touristen waren in Seyfrieds Vision Polizisten aller Herren Länder. Seyfried versprach, es ihr zu schicken, und in der Tür drehte sie sich noch einmal um: »Wissen Sie, ich trau mich ja gar nicht, es zu sagen: Aber mein Mann ist Polizist.« Der Polizist traute sich einige Tage später persönlich zum Cartoonisten und überbrachte eine Flasche Sekt zum Dank. »Eigentlich wollte ich Ihnen ja einen Joint bringen, aber das hab ich mich dann doch nicht getraut!«

Eines Abends stand ein Pärchen aus Schwaben vor seiner Tür, sie würden gerne bei ihm übernachten, sie fänden seine Comics so geil. Seyfried ist einer, der schlecht »Nein« sagen kann. Also blieben sie eine Nacht. Er hat eben seine Fans, dieser Seyfried, und neuerdings werfen sie in irgendwelchen dunklen Kellern im Osten seine Zeichnungen mit einem Projektor an die Wand, lesen sich die Sprechblasen vor und brechen in kollektives Gegröle aus. Seyfried ist Kult, ein Stück Berlinkult. Einige seiner Bücher verkaufen sich seit zwanzig Jahren. »Das schmeichelt schon ein bißchen! Wenn ich jetzt noch davon leben könnte, dann wär ja auch alles Paletti!«

So aber hält sich Seyfried mit verschiedenen Jobs über Wasser. Als Cartoonist, Autor, Plakatzeichner, »Militärberater«, Übersetzer, Webdesigner – Der »Detailfanatiker« hat lange an seiner Homepage gebastelt, nicht ohne Erfolg. Seit er unter seine »secret diagrams« – eine Art graphische Darstellung der globalen Verflechtung des Bösen – ins Netz gestellt hat, kann sich der Einzelgänger über virtuellen Besuch nicht beklagen. »In einer Woche 40000 Zugriffe. Sogar die tasmanische Polizei war auf meiner Site!« Seyfried lacht. »Und ein erboster Amerikaner schrieb mir: Die USA hätten nie aufhören sollen, Deutschland zu bombardieren!« Ja, irgendwie erfüllt dieser Seyfried eben doch haargenau das Klischee des Kreuzberger Prototypen, den er nicht verkörpern will: Er ist politisch, provokant, ein Kopf mit witzigen Ideen.

Comic-Figuren
Foto: Michael Hughes
Doch im Grunde, bei allem Sinn für Historie und Realität, ist Seyfried vor allem ein professioneller Träumer. So einer wie dieser Ettmann aus seinem Roman: Auch Seyfried hat, genau wie sein Protagonist, als Kind schon diese Phantasielandkarten gezeichnet, inspiriert von Robinsons Insel und Stevensons Romanen: »Pläne von Schatzinseln und tropischen Eilanden mit Buchten und Lagunen, mit Palmenhainen, Bergen, Höhlen -«

Mag sein, daß alles Zufall war in seinem Leben, wie Seyfried so gern erzählt. Aber daß aus dem kleinen Phantasielandkartenzeichner einmal ein Modelleisenbahner und später ein Cartoonist und jetzt endlich ein Romancier wurde, das war kein Zufall mehr. Wo sonst hätte das alles enden sollen!

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