Kreuzberger Chronik
März 2003 - Ausgabe 45

Die Reportage

Das Erbe der Migranten


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von Fotini Mavromati
Fotos: Michael Hughes


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Für Fatih ist der Multikulti-Entertainer Kaya Yanar ein »Verräter«. In seiner Comedy-Show »Was guckst du?!« mache er sich regelmäßig über die hier lebenden Türken lustig. Wenn er beispielsweise den Disko-Türsteher Hakan mimt. Dabei sei er doch selbst ein Türke, meint der 18jährige über seinen erfolgreichen Landsmann. Der ironische Blick des Fernsehmoderators auf Goldketten tragende Machos der dritten Migrantengeneration und ihre coolen Sprüche ist ihm völlig fremd. Fatih geht selten in die Disko, hat keine Freundin und trägt keine Marken-Kleidung. Das kostet alles Geld, erklärt er lapidar. Und Fatih hat kein Geld. Er hat auch keine Arbeit. Und seine Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sind praktisch gleich null. Fatih hat es nur bis zur 7. Hauptschulklasse geschafft. Er gehört zu jenen 26 Prozent ausländischer Schulabgänger in Berlin ohne Abschluß.

Die Bildungssituation von Jugendlichen ausländischer Herkunft hat sich verschlechtert. Nicht erst seit der PISA-Studie. Schuld am Debakel waren, so die gängige Meinung, vor allem die schlechten Schulleistungen der Migrantenkinder. Migrationsforscher beobachten seit längerem, daß der Anteil ausländischer Schüler an Realschulen und Gymnasien – verglichen mit dem vorherrschenden Trend zu höheren Abschlüssen in den achtziger Jahren – stagniert. Nur jeder zehnte von ihnen erreicht die Hochschulreife, dagegen schafft immerhin jeder vierte Deutsche das Abitur. Für die meisten ausländischen Schüler bleibt auch heute noch die Hauptschule der einzige Bildungs- und Ausbildungsort, und selbst dort erzielt ein Drittel von ihnen keinen Abschluß. Rund 40 Prozent dieser Schüler bleiben ohne berufliche Ausbildung.

»Warum soll ich mich bewerben?«, sagt Apo, »ich habe eh keinen Abschluß!« Der schlaksige junge Araber springt fortwährend vom Stuhl auf. Er müsse sich immer bewegen, das sei schon in der Schule so gewesen. Die Lehrer bescheinigten ihm Konzentrationsschwierigkeiten beim Lernen. Hinzu kamen die langen Fehlzeiten, zweimal mußte er die 9. Klasse wiederholen. »Klar, die Eltern haben Streß gemacht«, erzählt er, »aber irgendwann haben sie nachgegeben.« Die Schule sei ihm damals nicht wichtig gewesen, er traf sich lieber mit Kumpels wie Fatih. Und mit denen trifft er sich heute noch.

Kreuzberger Jugendliche
Jeden Nachmittag, im Jugendzentrum. Fatih, Apo und die anderen. Im Café mit seinen nackten Wänden und dem grauen Linoleumboden spielen sie Karten oder Billard, bis es irgendwann Abend wird. Draußen preist ein Werbeplakat die Türkei als Urlaubsparadies an: »Türkei – kein Traum kann schöner sein«. Fatih und seine Freunde kennen das Land ihrer Eltern nur als Urlauber. Dort nennt man sie die »Deutschländer«. In Deutschland ordnet man sie der dritten Migrantengeneration zu. Sie sind hier geboren, doch ihre Zukunft in diesem Land ist für viele ungewiß. Auch für Fatih. Als er vor zwei Jahren die Schule verließ, glaubte er, gleich einen Job zu finden. Er wollte Geld verdienen, so wie es seine Eltern auch getan haben. Geklappt hat das bisher nicht.

Inzwischen sind sogar manche der Väter ohne Arbeit. Seit der Wende haben viele Berliner Betriebe geschlossen oder zumindest einen Teil der Belegschaft entlassen. Davon waren insbesondere die Berliner Türken betroffen. 43 Prozent von ihnen sind derzeit ohne Beschäftigung, bei den Jüngeren sind es sogar 56 Prozent. Da sie oft keine Berufsausbildung haben, sind sie schwer zu vermitteln. Gefragt sind Facharbeiter, qualifizierte Angestellte und Hochschulabsolventen. Der Bedarf an ungelerntem Personal aber geht kontinuierlich zurück. Jetzt rächt es sich, daß Deutschland zur Deckung eines kurzfristigen Bedarfs an Arbeitskräften Millionen von »Gastarbeiter« ins Land holte und sich nicht um deren Weiterbildung kümmerte. Und daß auch die Migranten selbst sich nicht darum kümmerten.

Zwar gibt es Beispiele von erfolgreichen ausländischen Unternehmern, doch die 47jährige Einwanderungsgeschichte ist keine Erfolgsstory. Sowohl die Deutschen als auch die Migranten waren der irrigen Meinung, daß ihr Aufenthalt in Deutschland von kurzer Dauer sein würde. Die »Gäste« fragten sich nicht ohne Grund, warum sie sich in eine Gesellschaft einordnen sollten, wo sie doch ohnehin bald in ihre Heimat zurückkehren würden. Aber sie blieben. Die Kinder der Migranten bezahlen heute die Zeche. Sie werden eingeschult, ohne richtig Deutsch sprechen zu können. Und da die meisten von ihnen in Stadtteilen wie Neukölln, Kreuzberg oder im Wedding wohnen, kommen sie in Grundschulklassen, in denen deutsche Schüler kaum noch anzutreffen sind. So bleiben sie immer unter sich.

»Vor zehn Jahren bestand die Hälfte unserer Schüler noch aus Deutschen. Heute haben wir einen Ausländeranteil von fast 95 Prozent«, sagt Joachim Klein, Konrektor der Eberhard-Klein-Oberschule in Kreuzberg. Bildungsbewußte Eltern würden ihre Kinder nicht auf die integrierte Haupt- und Realschule im berüchtigten »Wrangeldreieck« schicken. Zudem sind viele Deutsche in andere Stadtteile gezogen. Kreuzberg ist längst nicht mehr der heimelige Hort einer Multikulti-Gesellschaft, wo das Fremde als pittoreske Erscheinung empfunden wird. »Die Politiker haben die Ghettobildung zugelassen, und die Lehrer stehen nun auf verlorenem Posten«, sagt der Pädagoge. »Wir kriegen diejenigen, die in den Gesamtschulen nicht untergekommen sind.«

Fast alle seine Schüler brauchen Förderkurse. Zum regulären vierstündigen Deutschunterricht kommen wöchentlich zwei Stunden »Deutsch als Zielsprache« (DAZ) hinzu. Mag sein, daß sechs Stunden für die Sprachdefizite der Schüler nicht ausreichend seien, gibt Klein zu, aber man könne sich auch zu Tode »dazzen«. Der Förderunterricht nütze wenig, wenn die Kinder zu Hause und unter sich nur Türkisch sprächen. Joachim Klein vermißt bei seinen Zöglingen den Integrationsdruck. Jugoslawen beispielsweise seien dagegen gezwungen, die deutsche Sprache zu lernen.

Sadettin Birkan und Musa Özdemir unterrichten an der Eberhard-Klein-Schule neben den üblichen Fächern Türkisch als Wahlpflichtfach. Nur ein Viertel der Schüler nimmt das Angebot an. Von bilingualer Sprachkompetenz könne da gar nicht die Rede sein. Viele ihrer türkischen Schüler seien Analphabeten in beiden Sprachen. Das Sprachniveau auf der deutsch-türkischen Schule in Ankara sei weit besser, weiß Birkan aus Erfahrung.
Bildungsdefizite aber seien kein kulturelles, sondern vor allem ein soziales Problem, meint Özdemir. Das Elternhaus spiele bei der Schulerziehung eine entscheidende Rolle. Zu den von ihm betreuten Elternabenden kämen zwar auch viele türkische Väter und Mütter, aber er müsse jeden einzelnen vorher anrufen. Er und viele seiner Kollegen sind der Meinung, daß man die Kreuzberger Schulen mit denen von Friedrichshain vermischen sollte. So könne man der fortschreitenden Ghettobildung entgegenwirken.
Kreuzberger Jugendliche
Die Zuwanderungsdebatte und der PISA-Schock brachten zwar Politiker, Soziologen und Pädagogen auf den Plan. Es wurde diskutiert und polemisiert über Leitkultur, Begrenzung und Steuerung von Einwanderung, Integrationsdruck, Nachzugsalter bei Kindern. Ernsthaftere Überlegungen hingegen forderten Integrationsförderung, Unterricht in der Muttersprache bei den Erst- und Zweitklässlern, aber auch endlich die Anerkennung der interkulturellen Kompetenz junger Migranten. Meinungen gibt es viele, Patentrezepte dagegen wenige. Deutschland wird ein Einwanderungsland bleiben – schon wegen des demographischen Wandels. Ein Einwanderungsland aber sollte sich im Klaren sein, was es den angeworbenen Arbeitskräften bietet und was es von ihnen verlangt. Ob es nun IT-Spezialisten oder Altenpfleger sind. Eine geglückte Integration beinhaltet eine sprachliche, soziale und wirtschaftliche Einbeziehung der Ausländer in die Gesellschaft. Doch die vielen Verlierer unter den Enkelkindern der einstigen Migranten zeigen deutlich die Schwächen deutscher Integrationspolitik.

»Der Kiez ist ein Gefängnis. Du kommst hier nicht raus«, sagt Apo abgeklärt. Aber einen Versuch will er dennoch starten. Vor kurzem hat er einen einjährigen Lehrgang begonnen und wird, wenn alles gut geht, seinen Hauptschulabschluß nachmachen. Danach hofft er, durch eine überbetriebliche Ausbildung, Maler oder Elektriker zu werden. Zunächst müsse er jedoch 16 schriftliche Hausarbeiten abliefern, um sein Zeugnis zu bekommen, erklärt Apo und rollt dabei mit den Augen. Auch Fatih wird demnächst eine Fördermaßnahme beginnen. Außerdem hat er die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. Deutsche Freunde habe er zwar keine, aber mit einem deutschen Paß werde man ihn besser behandeln, meint Fatih.

Daß die berufliche Qualifizierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine wichtige Voraussetzung für deren Integration ist, darüber sind sich deutsche Politiker und die Interessenverbände der Migranten einig. Doch die von den Arbeitsämtern angebotenen Fördermaßnahmen brachten bisher kaum Erfolg. Nur wenige Teilnehmer fanden im Anschluß an Aus- oder Weiterbildung auch eine Arbeit. Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) hat verschiedene Modellprojekte gestartet. Die Palette reicht von Beratungsstellen zur Berufsorientierung über Fortbildungsmaßnahmen bis hin zum Bewerbungstraining. Zusätzlich will der TBB die etwa 5000 türkischen Unternehmer in Berlin stärker in die Ausbildungspflicht nehmen. Doch selbst wenn alle diese Betriebe die Voraussetzungen hierfür erfüllen würden: Es wäre ein Tropfen auf den heißen Stein. <br>

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