Kreuzberger Chronik
März 2003 - Ausgabe 45

Der Kommentar

Lenin am Marheinekeplatz


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von Thomas Heubner

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Ich bin stolz – auf das Haus, in dem ich wohne. Noch stolzer bin ich auf seine Bewohner. Weil sie, weil wir uns Gedanken machen übers Gemeinwohl. Und das kam so:
Ich sitze am Frühstückstisch und blättere in meinem Leib- und Magenblatt, da lese ich – Donnerwetter! – den Namen meines Nachbarn. Überschrift: »Was Leser wissen wollen und was sie ärgert«.

Der »Vater im Erziehungsjahr« stellt mutig unseren Baustadtrat zur Rede. Warum viele Kreuzberger Kinderspielplätze in solch schlechtem Zustand seien und ob der im Viktoriapark geschlossen werde, will er wissen. Bei letzterem kann Franz Schulz beruhigen: Auch in diesem Jahr dürfen die Eltern im Golgatha unbekümmert ihr Bierchen schlürfen, während sich die Kleinen auf Rutschen, Schaukeln oder im Buddelkasten mit Hunden vergnügen. Doch dann graben sich die Sorgenfalten ins Gesicht. Er verweist auf die Finanzen, drohende Personaleinsparungen, TÜV und exakte neun Prozent eines »Modellbedarfs«, der für Grünpflege und Spielplatzreparaturen zur Verfügung stehe. Aha.

Ich habe meinen Hausgenossen nicht gefragt, ob ihn die Antwort befriedigte. Sicher bin ich mir dagegen bei der anderen Nachbarin, daß sie vom Event »Lokalpolitiker zum Anfassen«, zu dem besagte Zeitung vor der Marheinekehalle eingeladen hatte, nicht unbedingt beglückt war. Dabei hatte sie extra den Artikel ausgeschnitten. Grund genug hat die rüstige Dame, die seit über 70 Jahren im Kiez lebt, allemal. Sie kannte nicht nur »Texas-Willy«, den legendären Bezirksbürgermeister, sondern hat auch mit angepackt, um nach dem letzten Krieg Kreuzberg wieder aufzupäppeln. Um so mehr ärgert sie, wie Straßen und Grünanlagen zwischen Görlitzer- und Viktoriapark verkommen. Vor allem, daß der Wasserfall am Kreuzberg nicht mehr fließt. »Als ob der Trevi-Brunnen in Rom trockengelegt würde«, meint sie kopfschüttelnd zur Bezirksbürgermeisterin Reinauer, die am Zeitungsstand die Stellung hält. Die Bürgermeisterin beschwichtigt: Schon in ein paar Wochen könne man auf Sponsoren verzichten, da man einen eigenen Brunnen zur Speisung des Wasserfalls gegraben habe. Ansonsten erfuhr meine Nachbarin ähnliches wie der andere Hausbewohner: leere Kassen, nicht nur beim Senat, auch beim Bezirk.

Vielleicht hatte deshalb die Zeitung ihren Infostand unter einem schwarzen Baldachin aufgebaut, nicht unter einem grünweißen, den Erkennungsfarben des Blattes. Grün hätte womöglich zuviel Optimismus ausgestrahlt.
So jedenfalls mutmaßten meine Nachbarn und ich, als wir jüngst im Treppenhaus darüber sinnierten, warum das Kapital in Berlin und Kreuzberg so ein scheues Reh sei und wohin das Geld wohl fließe, wenn mal welches vorhanden sei. Und wie wir uns künftig stärker einbringen könnten. Vielleicht sei es nun ja endlich an der Zeit, auf einige nützliche Erfahrungen der DDR zurückzugreifen. Auch dort waren letztlich die Kassen leer. Man könnte das »Nationale Aufbauwerk« reanimieren, oder die Masseninitiative »Schöner unsere Städte und Gemeinden – mach mit!«, oder den berühmten »Subbotnik«, wo die Menschen fröhlich, freiwillig und unentgeltlich zu Arbeitseinsätzen anrückten.

Wäre es nicht eine lohnende Aufgabe für jene Zeitung, die sich im Februar so kämpferisch für unseren Kiez einsetzte, diese alten Ideen dem Bürger noch einmal ans Herz zu legen? Ein Tageblatt als »kollektiver Agitator, Propagandist und Organisator«! Eine örtliche Presse, die »sich die Popularisierung von Vorbildern einer wirklich guten Arbeit angelegen sein lassen« muß und die »das Zurückbleiben, die Nachlässigkeit oder Unfähigkeit irgendeines Bezirks, einer Abteilung oder einer Verwaltung schonungslos bekämpft«. Eben wie es einst gefordert wurde – anno 1919 von Wladimir Iljitsch Lenin. <br>

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