Kreuzberger Chronik
März 2003 - Ausgabe 45

Die Geschäfte

Das Zoopalästchen


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von Erwin Tichatzek
Fotos: Michael Hughes


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Der große grüne Papagei scheint aus dem Laden auf die Straße hinaus zu treten. Mannshoch, eine Tafel vor der Brust wie die Pappköche vor den Türen der Restaurants, die darauf mit Kreide geschrieben ihre Tagesgerichte ankündigen. Auf der Speisekarte des »Zoopalästchen« stehen mitunter Maden, die Dose zu 0,90 Cent, Mehlwürmer für 1,20 und die Delikatesse, Rotwürmer, für 2 Euro. Die Rotwürmer stehen im Ruf, insbesondere bei den Hechten das Wasser im Maul zusammenlaufen zu lassen.

Doch nicht nur lebendig zappelnde Köder für die trägen Gestalten in den trüben Gewässern der Berliner Kanäle, auch glitzernde Hochseeköder und glänzende Gummifische locken im Sortiment des »Zoopalästchen«. Je weiter nämlich der Angler vom tiefen Meer mit Kabeljau und Barsch entfernt ist, um so mächtiger wird der Wunsch nach dem Traumfisch. Und deshalb hat Herr Eggert auch in der Kreuzberger Katzbachstraße schon einige Stammkunden ködern können mit der Anglerecke und den Köchern, den Angelruten und dem zusammenklappbaren Anglersitz.

Die meisten Kunden aber besuchen das kleine »Palästchen« wegen ihrer Hamster, Meerschweinchen, Ratten und Kaninchen. Sie kaufen Futter, Spielzeug oder diverse Einrichtungsgegenstände fürs tierische Heim. Im Fenster zum Beispiel steht das Hamsterbett der Marke »wooly«, auch ein komplettes Hamsterhaus mit Tür und Fenster ist im Angebot. Zur Erhaltung der Fitneß gibt es den »Joggingball« für Mäuse, oder »TripTrap läßt die Maus am Leben«. Man sorgt sich um die Gesundheit der niedlichen Nager. Schließlich sollen die lieben Spielgefährten der Kinder auch eine Weile halten, wenn diese schon ihren letzten Euro in »Drops« für den Hamster oder »Leckerli« fürs Meerschweinchen investieren.

Zoopal?stchen
»Vor allem Ratten gibt’s in Kreuzberg viele!«, meint Herr Eggert. Und weil das Futter für die kleinen Nager eine der zuverlässigsten Einnahmequellen des »Zoopalästchen« ist, mischt er es an Ort und Stelle. Das ist am Ende günstiger als die Ware vom Fließband und riecht auch besser als die üblichen Pappverpackungen. Im »Zoopalästchen« duftet es so appetitlich wie im Reformhaus oder im Bioladen mit seinem Frischkörnersortiment. Ergänzt wird die kräftige Note aus gemahlenem und geschrotetem Korn durch den zarten Duft des frisch gemähten Heus, das in Säcken im Gang steht.

Nein, im kleinen Zooladen in der Katzbachstraße müffelt es niemals streng und animalisch. Denn leibhaftige Tiere gibt es in der Katzbachstraße auch gar nicht. Abgesehen von einem Wellensittich, der aus den Büroräumen im Hintergrund herüberzwitschert. Statt dessen dient die Tür als Pinwand für jene, die eine Katze zu viel oder einen Hund zu wenig haben. »Es gibt genügend heimatlose Tiere in der Stadt. Da braucht man nicht noch welche zu verkaufen!«
Doch was wäre ein Zoogeschäft ohne diese Gummienten, an denen sich Waldi und Hasso die Zähne ausbeißen können. Diese Bälle, Mäuse, Plastikknochen. Das Halsband mit vekehrssicherem Reflektor, die Hundepullover, Deckchen, Körbchen. Das Schutzhöschen für Irma, wenn sie ihre Tage hat, oder die Neoprenstiefel für die kalten Wintertage. Sogar Zahnpasta und Zahnbürste für die Liebsten hat Herr Eggert in seinem Sortiment.
Und was schließlich wäre eine Zoohandlung ohne Hunde- und ohne Katzenfutter! Ohne diese appetitlichen Dosen mit Rindfleisch, Schweinefleisch, Lamm und Pansen, Portionen mundgerechter Stücke für Hund oder für Katze, sie stehen auch in der Katzbachstraße in Reih und Glied. Doch manchmal gibt es im »Zoopalästchen« auch etwas besonderes.

»Was haben Sie denn heute so im Angebot?« fragt die junge Frau mit dem noch jüngeren Kind an der einen und bereits zwei Büchsen Rindfleisch in der anderen Hand. »Heute hab ich Ochsenziemer -«, sagt Herr Eggert. »Ochsenziemer? Wat is’n das jetze?« – »Ja, also -«, sagt Herr Eggert, »Ochsenziemer, das ist -« – »Jetzt sagen Se nich, das wär vom Ochsen der -« – »Doch doch, genau der!«, sagt Herr Eggert etwas erleichtert. Herr Eggert kann Geschichten erzählen, von seinen Anglerkunden, von den Hamsterhaltern, und von rivalisierenden Hundebesitzern, die am Tag nach der bissigen Auseinandersetzung bei ihm in den Laden kommen und berichten. Zuerst der eine, dann der andere. Herr Eggert hört geduldig zu und betet, »daß die nicht irgendwann zufällig beide gleichzeitig hier hereinkommen!«
Zoopal?stchen
Wegen der Besitzer, aber auch der Hunde wegen. »Es gibt Hunde, die sehe ich kurz an, und dann ziehe ich mich erst einmal hinter die Kasse zurück!« Eggert hat Erfahrung mit Tieren, er ist mehr als einmal gebissen worden in seinem kleinen Zoopalast. »Das schönste ist ja, wenn sie hereinkommen und für ihren Hund einen Maulkorb oder einen Pullover wollen, und ich soll den dann anpassen. Aber das sollen sie mal lieber selbst machen.«

Bei den Meerschweinchen, na gut, da hilft er dann sogar mal beim Krallenschneiden. Wenn die kleinen Besitzer ihren Hansi oder Muckel gut festhalten. Er steht auch mit Rat und Tat zur Seite, wenn die Tierbesitzer vom Leid ihres Haustieres klagen, Eggert ist ein halber Tierarzt, so viele Krankheitsgeschichten hat er schon gehört. »Es kommen zwar nur zehn, zwanzig Leute hier herein am Tag, aber langweilig ist mir nie. Die haben immer etwas zu erzählen. Manche, hab ich das Gefühl, kommen überhaupt nur, um zu erzählen. Das können sie nämlich bei Karstadt und bei Bauhaus nicht«.

Es ist nicht leicht mit so einem kleinen Laden – neben den großen Kaufhäusern. Schließlich haben längst auch Karstadt und Bauhaus die lukrative Tierliebe der Städter erkannt und entsprechend aufgerüstet. Und die paar Kunden, die hier hereinkommen am Tag, »das reicht vielleicht für einen allein, aber für eine Familie reicht das nicht mehr.« Deshalb steht Frau Eggert mit einem Stand auf dem Wochenmarkt in Friedrichshain. Und verkauft Tierzubehör.
Eggert klagt nicht, dazu ist er nicht der Typ. »Ich stehe gerne hier. Aber wenn ich hier zumachen muß, dann suche ich mir eben ne andere Arbeit«, sagt Herr Eggert. »Als Fahrer vielleicht, oder irgendwo putzen. Ich hab schon so viel gemacht.« Aber am liebsten würde er bleiben. Und sich diese ganzen Geschichten anhören. Das ist nie langweilig. »Und wenn ich dann abends mit meiner Frau am Tisch sitze – wir haben uns immer was zu erzählen!« <br>

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