Kreuzberger Chronik
Februar 2003 - Ausgabe 44

Die Reportage

Schach in der Wärmestube


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von Hans W. Korfmann
Fotos: Günter R. Herzel


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Herbert hatte sich das anders vorgestellt. Er glaubte, er könne, ohne zu zögern, sich einen Platz an einem freien Tisch suchen und sich setzen. So, als wäre es das alltäglichste der Welt. Als mache er das schon ein Leben lang. Aber dann steht er doch wieder dumm da herum, weil jeder der Tische besetzt ist, weil sie überall in kleinen Grüppchen zusammensitzen, und weil er noch nicht dazugehört. Alle, die ihn sehen, verstehen sofort: Der ist zum ersten Mal hier! Schließlich haben auch sie ja irgendwann zum ersten Mal hier gestanden.

Es ist Mittwoch, kurz vor zwei, im gutgeheizten Vorraum der Heilig-Kreuz-Kirche werden Stullen gereicht mit Schinken, Wurst und Käse. Eine Frau geht um und füllt Kaffee in die leeren Tassen, Teller mit dampfender Suppe werden ausgeteilt. Die Stimmung ist gut, es wird gelacht und erzählt, man ißt und trinkt, es ist wie auf einem großen Kaffeekränzchen.

Aber Herbert ist der Gang in die Wärmestube schwergefallen. Für ihn ist es das unterste Ende der Leiter. Es ist noch gar nicht lange her, da saß er in Kneipen und Restaurants, hatte seinen Job, seine Frau, seinen Rhythmus … – Jetzt hat er nur noch eins: unendlich viel Zeit. Und dann kam der Tag, da reichte das Geld gerade noch für einen Kaffee zum Aufwärmen, zum Stück Kuchen und zum ausgiebigen Zeitunglesen. Die Kellnerin kannte ihn schon und wußte, daß er den halben Tag sitzen und lesen würde, sämtliche Stellenangebote. Kaum saß er, brachte sie ihm die Tageszeitungen. Aber irgendwann war auch dieses Geld knapp geworden. Und jetzt steht er zum ersten Mal in der Wärmestube, weil das Thermometer Minus 11 Grad zeigt, weil er keine Kohlen mehr hat, und weil sein Geld nicht mehr reicht für einen Platz im Café.

»Ist hier noch frei?« – »Jaja«, sagt der Mann, ein rüstiger Rentner, der am Tisch in der Ecke sitzt und die »Bäckerblume« liest. »Kannst auch ne Stulle haben. Ich hab grade ne Suppe gehabt.« – »Nein danke«, sagt Herbert, »ich wollte eigentlich nur nen Kaffee.« Später dann ißt er die Stullen doch, fünf Stück, hintereinander weg, ohne Pause.
»Hast wohl Hunger, wa?«, fragt ihn der mit der Pudelmütze und beugt sich über die Suppe, die man ihm gerade gebracht hat. Am Nebentisch leckt einer sogar den Teller sauber. »Sind Sie öfter hier?«, fragt Herbert nach den Stullen: »Nö, ich nehm das eigentlich nur in Anspruch, wenn ich’s wirklich brauche«, sagt der mit der Pudelmütze.

Wirklich zugeben, daß man es braucht, tut keiner hier. Sie tun, als säßen sie noch wie früher am Stammtisch oder in der Kantine, machen ihre Witze, philosophieren über Platon oder reden vom Krieg, sie lästern über Frauen oder Männer oder über den zu dünnen Kaffee, der gar nicht zu dünn ist. Sie sind gerade zwanzig oder schon sechzig, sie tragen Fellmützen, Kopftücher, Baseballcaps, Kapitänsmützen und mondäne Hüte, Lederjacken, Felljacken und Jacketts, sie kommen in Kniebundhosen mit Wanderschuhen oder in Pumps und Rüschenblusen. Sie sehen aus wie alle anderen, auf der Straße, am Imbiß, unterwegs zur Arbeit, im Kaufhaus. Aber jeder hier weiß, daß dort hinten die Kleiderausgabe ist. Und daß alles, was sie hier tragen, für andere wertlos geworden ist. Doch davon sprechen sie nicht.

Es sind nicht die Ärmsten der Armen, die mittwochs in die Heilig-Kreuz-Kirche zum Kaffeeklatsch kommen. Aber sie fürchten, es zu werden. Deshalb klauen sie heimlich die Stullen und packen sie in ihre Rucksäcke und Plastiktüten. Als Proviant für später. Deshalb drängeln sie sich um den Suppentopf, als wäre da nicht genug für alle. Deshalb füttern sie heimlich den Hund unterm Tisch. Und deshalb beklagen sie sich, wenn der Teller des anderen voller ist als der eigene. Sie kommen immer wieder, jeden Mittwoch. Pünktlich. Einer von ihnen kommt immer um fünf Minuten vor Drei. Kurz, bevor geschlossen wird. Aber zu spät kommt er nie.
»Ich bin jeden Mittwoch hier!«, sagt der Alte mit der Bäckerblume zum Abschied und nickt Herbert zu. Dann nimmt er seine beiden Plastiktüten und die Schallplatte, »Träumereien II«. Und die Bäckerblume. »Sie haben ja noch ihre Wohnung, was? Seh ich Ihnen doch an. Das ist das Wichtigste. Daß man noch ein Dach überm Kopp hat!« Dann steht auch Herbert wieder draußen vor der Kirche, es ist noch ein bißchen kälter geworden. Und in seiner Wohnung, ahnt Herbert, ist es jetzt noch ein bißchen leerer.

W?rmestube in der Kirche
Sie heißen, ganz unauffällig, »Evas Haltestelle«, »Kaffee Bankrott« oder »warmer Otto«. Sie nennen sich »Restaurant City-Station«, »Abendcafé« oder »Kiez Café«, und suggerieren mit diesen Namen ein Stück Normalität, sind scheinbar unauffällige Orte in der Stadtlandschaft, verteilt über die gesamte Metropole. Doch es sind die gut getarnten Schlupfwinkel für jene, bei denen es Zuhause, falls es das noch gibt, ungemütlich geworden ist. Und denen eine Stulle mit Schinken und Käse noch etwas bedeutet. Doch Sonntags, wenn andere in ihren warmen Stuben sitzen, und wenn in den echten Cafés und Kneipen Hochbetrieb herrscht, dann sind die Türen der meisten Wärmestuben geschlossen. Und Stullen für umsonst gibt es ohnehin nur selten in der Stadt.

15 Cent kostet der Kaffee in der Tagesstätte am Wassertor, einem von fünf Schlupfwinkeln in jenem Bezirk der Hauptstadt, in dem sich die Lebenswege der Armen statistisch am häufigsten kreuzen. Kreuzberg. Und eine der wenigen Adressen, die auch am Sonntag die Tür nicht verschließen. Frühstück gibt es in der Tagesstätte der Diakonie zwar keines, aber immerhin, es ist warm. Im Treppenhaus schließen zwei ihre Fahrräder mit einer Kette zusammen, auf den Gepäckträgern Isomatten und Rucksäcke, die Reinhold Messner Alpträume bescheren würden. Nicht alle, die hier sind, sind ganz unten auf der Leiter angekommen. Einige von ihnen sind noch unterwegs. »Ich halte es einfach nie lange irgendwo aus!«, sagt der Fahrradfahrer und schleift sein Gepäck die Stufen hinauf. »Egal, was ich anfange: Ich bekomme immer Ärger. Also bin ich auf Achse!«

Oben, im ersten Stock, scheint die Sonne durch die großen Fenster, die Tische sind auch hier, elf Uhr morgens, alle besetzt. Der Raum mit der Schreibtafel und der Pinwand mit dem Informationsmaterial und den bunten Papiergirlanden und den unsterblichen Plastiksonnenblumen, die in Ketten von der Decke herunterbaumeln, sieht aus wie ein Schulraum, der wenigstens zum Fasching etwas fröhlicher aussehen soll. Doch auch echte Blumen stehen am Fenster, einer dieser verstaubten deutschen Gummibäume, zwei große Philodendron, und um das Bücherregal ranken sich einige Lilien. Drinnen liegen dicke Wälzer und erzählen Geschichten von »Helden wie wir!« oder vom »Weg ins Leben«. »Lieb Vaterland, magst ruhig sein« von Mario Simmel, oder »Die Liebe ist nur ein Wort«. Die Botschaften dieser literarischen Werke verbreiten wenig Optimismus, doch es sind einige, die an diesem Sonntagmorgen schweigend in den vergilbten Seiten der Bibliothek blättern.
»Ich würde gern den Abfahrtslauf sehen!«, sagt ein Mann, der gerade hereingekommen ist und seinen Kaffee bezahlt. Denn den Kaffee zahlt man hier im voraus. Er deutet zum Fernseher. »Wann soll denn der sein?«, fragt der Kaffeeverkäufer. »Um Eins!« – »Da gibt’s kein Abfahrtslauf im Fernseher. Da gibt’s hier den Blauen Bock

Der Neue setzt sich schweigend neben die Schachspieler, auf ihren längst leeren Kaffeetassen leuchten Blumen in kitschigen Farben. Einer der Spieler hüllt sein Gesicht in dicke Rauchwolken, der andere hat die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen, damit der Gegner nicht sehen kann, welche Figur er ins Visier nimmt. Sie überlegen nicht lange, sie kennen das Spiel und sie kennen den Gegner, und sie opfern ihre Bauern wie Napoleon die Soldaten in der Schlacht von Waterloo. Auf dem Spielfeld sind sie Könige. Es sieht schlecht aus um die Dame des Kettenrauchers. Dann springt sein Pferd dazwischen, und alles sieht wieder anders aus. Im Spiel.
Einen Tisch weiter halten vier Männer Karten in den Händen, legen sie auf der Resopalplatte nach Farben und Figuren zurecht. Beim Rommé hat die Welt noch ihre Ordnung. Da verteilt sich das Glück gerechter als im Leben. »Das war meine einzigste Möglichkeit!«, ruft einer. »Wat jammerste denn immer so rum, Mann!« – »Dat is mir anjeborn!«, sagt der mit der einzigsten Möglichkeit.

Vierzig Männer sitzen an den Tischen der Tagesstätte am Wassertor. Frauen sind nur zwei darunter. Das Klima ist ein bißchen rauh hier. Zwei Skinheads sitzen in einer Ecke, Runenzeichen auf der Brust. Hier ist Platz für alle. Auch für die drei Afrikaner, die sich auf einen Kaffee getroffen haben. Sie sind eine Ausnahme, in der Regel spricht man Deutsch in den Wärmestuben. Vielleicht, weil die Fremden, bevor sie auf der Straße landen, wieder zurückgehen in die alte Heimat. Egal, wie mühselig das Leben dort auch ist. Aussichtsloser als hier ist es dort auch nicht.

Die Afrikaner sitzen, etwas abgesondert, am Ende eines Tisches und unterhalten sich angeregt. Neben ihnen sind die Kinder, mit kleinen Zöpfchen und Rastalocken, im Sonntagsstaat, ihre weißen Hemden strahlen, auch ihre großen Augen strahlen noch. Still sitzen sie auf ihren Stühlen, die Beine baumeln in der Luft, und lauschen auf jedes Wort, das die Väter sprechen. Sehen aus, als verstünden sie alles. Es sind schöne Kinder, ihre Augen sind voller Neugierde. Aber sie lachen nicht. Und sie stehen nicht ein einziges Mal auf, um zu spielen.
»Ich hab zwei Joker hier!«, lacht der Kartenspieler. »Das hilft Dir jetzt auch nichts mehr!« sagt der Mann neben ihm. »Hier ist Verlieren angesagt. Haste das immer noch nicht kapiert!«

Inzwischen hat sich noch jemand an den Tisch mit den Schachspielern gesetzt, die Glatze beginnt ein Gespräch. »Ich wollte eigentlich das Skirennen sehen«, sagt er. Und später: »Ich war mal deutscher Jugendmeister im Mehrkampf!« – »Schön!«, sagt der andere, und fügt hinzu: »Ich war mal ganz gut im Wasser, hundert Meter Kraul. Aber weeßte, jetzt stehts mir bis zum Hals!« Dann spricht der Glatzkopf von dem Geschäft und dem Umsatz, den er damit gemacht hat. »Ach weeßte!«, sagt da der andere. »Hier war doch jeder mal was! Oder gloobste, die wärn alle hier jeborn?«

»Schach!«, sagt der Schachspieler mit der Mütze. Zum zweiten Mal hat er den Gegner in die Enge getrieben. Der Neue kratzt sein kahles Haupt: »Jetzt biste matt!« Der Raucher sagt nichts. Dann zieht er den Turm über das gesamte Feld und bietet ebenfalls Schach. Wieder hat er einen Ausweg gefunden. Auf dem Spielfeld. »Darauf wär ich nicht gekommen!«, sagt die erstaunte Glatze. »Du mußt halt noch ne Menge lernen!«, sagt der Raucher.

So schnell ist eben keiner matt hier. Man kennt sich aus mit der Ausweglosigkeit. Im Aufspüren von Hintertürchen. Das hat man lernen müssen. Gleich ist es drei. Dann wird geschlossen. Dann machen sie sich wieder auf die Reise durch die Stadt. In irgendeine andere Wärmestube, eine, die offen hat an diesem Sonntagnachmittag, nach Friedrichshain vielleicht, nach Spandau, oder nach Lichtenberg. Irgendwohin eben, wo noch ein Türchen offensteht. <br>

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