Kreuzberger Chronik
Februar 2003 - Ausgabe 44

Der Kommentar

Almosen in der Suppenküche


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von Georg Holsten

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Als die Rinder allmählich verrückt wurden, war die Bestürzung in Deutschland groß. BSE besetzte die Schlagzeilen, und nicht nur die Rinder blieben auf den Feldern, auch ihr Fleisch blieb in den Vitrinen der Lebensmittelgeschäfte liegen.

Großherzig, wie große Filialen mitunter sein können, spendeten die Konzerne das verschmähte Fleisch an die »Berliner Tafel«. Jene Organisation, die mit ihrer täglichen Sammelaktion die Suppenküchen und Wärmestuben, Obdachlosenheime und anderen sozialen Einrichtungen der Stadt beliefert. Auch Schulen sollen damals in den Genuß des umstrittenen Rindfleisches gekommen sein.

Die Köche der Sozialküchen kochten, was geliefert wurde. Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Denn einen eigenen Einkauf konnte sich ohnehin kaum einer mehr leisten. Dem Senat war längst das Geld ausgegangen. Gestorben ist am Rindfleisch niemand, obwohl die Gäste in den Suppenküchen aßen, was auf den Tisch kam. Sie sind nun mal nicht sonderlich wählerisch. So fanden einige der armen Rinder also doch noch eine Verwendung.

Aber die Geschichte hat einen unguten Nachgeschmack. Während der freie Bürger sich noch entscheiden konnte, das mehr oder weniger geringe Risiko einzugehen oder nicht, blieb dem Armen keine Wahl mehr. Das Beispiel macht deutlich, daß die Besucher der Suppenküchen nicht nur am Tellerrand der Besserverdienenden sitzen und auflecken, was überschwappt. Daß sie nicht nur am Gesellschaftsrand Platz genommen haben, sondern nah an dessen Abgrund. Daß sie jene sind, die man am ehesten opfert.

Und an diesem Rand der Gesellschaft versammeln sich immer mehr. Für jene, die in den Wärmestuben arbeiten, ist das nicht länger zu übersehen. Es kommen, schrieb Christian Linde schon im November 2001 im Mietermagazin, nicht mehr nur Obdachlose in die Wärmestuben, es sind immer mehr junge Leute, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Sie kommen, um ihre knapp gewordene Haushaltskasse durch eine kostenlose Mahlzeit zu entlasten. »Eltern schicken ihre Kinder zu uns, damit sie sich hier satt essen können!«, berichtete Christiane Pförtner aus der Heilig-Kreuz-Kirche.
Die Zeiten für die Armen sind schlecht. Auch wenn nach sieben Jahren Berliner Tafel über hundert ehrenamtliche Mitarbeiter zum Fruchtmarkt und der langen Liste der spendablen Kaufhäuser fahren, um die 170 verschiedenen Einrichtungen der Stadt mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen.

Der Senat zumindest scheint zu befürchten, daß auch die Spendierfreudigkeit der Großverdiener nicht mehr ausreichen könnte, wenn jeder gleich zur Volksküche wandert. Und knüpft die wenigen Mittel, die er noch zur Verfügung stellen kann, an die Bedingung, in den Armenküchen ausschließlich Wohnungslose zu verköstigen. Es wird nicht lange dauern, dann müssen die Obdachlosen in den Suppenküchen ihren Obdachlosenausweis vorzeigen. Die weniger Armen müssen draußen bleiben.

Die Zeiten für Arme sind schlecht, und sie werden auch nicht besser werden. Selbst wenn die Deutsche Bank die Reste des Kalten Büfetts vom Vorabend an die Berliner Tafel weitergibt und der Daimler-Konzern Automobile für den Transport der Tafel spendiert. Sie geben nur von dem, was an ihren Tischen übrigbleibt, und was sonst auf dem Abfall landen würde. So nobel, wie die Geste scheint, ist sie mitnichten. Im Gegenteil. Sie werfen den Hunden die Knochen zu.

Denn hätten die Spender tatsächlich ein soziales Bewußtsein, trügen sie wirklich jene Verantwortung mit, von der sie so oft sprechen, dann würden sie tatsächlich Arbeitsplätze schaffen. Auch um den Preis eines gewissen Verlustes. Dann würden sie jenen, die in den Suppenküchen die Zeit totschlagen, wieder einen sinnvollen Platz in dieser Gesellschaft zuweisen. Sie allein haben die Mittel dazu.

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