Kreuzberger Chronik
Februar 2003 - Ausgabe 44

Die Geschichte

Die Desinfektionsanstalt I


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von Werner von Westhafen

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41 Jahre, nachdem Ernst Ludwig Heim zu Grabe getragen wurde, begann man in der Reichenberger Straße 66 mit dem Bau der ersten Berliner Desinfektionsanstalt, um den epidemischen Krankheiten Einhalt zu gebieten. Schon wenige Jahre später hatte sich die Desinfektionsanstalt I bis in die heutige Ohlauer Straße 39-41 ausgedehnt. Die hohen Wände, welche die Anstalt einmal hermetisch abriegelten, und die massive Mauer, die den »infizierten Bereich« vom »desinfizierten Bereich« auf dem Grundstück trennten, stehen heute nicht mehr. Auch während ihres hundertjährigen Bestehens haben sie die Ausbreitung von Krankheiten nie ganz verhindern, sondern nur eindämmen können.

Dabei war die Hoffnung so groß gewesen, als Robert Koch 1883 den Choleraerreger entdeckt, die Bedeutung der Mikroorganismen bei der Entstehung von Seuchen erkannt und ihnen mit der »Dampfdesinfektion« auch gleich den Kampf angesagt hatte. Anfangs wurden dabei Hab und Gut »infizierter Familien« mit dem Pferdewagen zur Anstalt transportiert und im Dampfapparat desinfiziert. Vier Jahre später behandelte man die gefährdeten Wohnungen von den Dielen bis zur Decke, um Cholera, Pocken, Typhus und Diphtherie aus der Stadt zu verbannen. Mit Hilfe eines Apparates namens »Berolina« wurde ein Formalingemisch gesprüht, notfalls noch mit einer Karbolsäurelösung abgewaschen. Die durch das »preußische Gesetz zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten« verordnete Radikalkur wurde den betroffenen Bürgern verschrieben, und die Nachbarn zeigten mit Fingern auf jene, bei denen der Wagen der Desinfektionsanstalt vorfuhr. Die Desinfektion wurde zum Armutszeugnis, denn die Krankheitserreger hausten bei den Ärmsten der Stadt.

Auch die Nebenwirkungen, von denen schon bald die Rede war, und die nicht selten das Mobiliar und auch die Gesundheit der Mieter in Mitleidenschaft zogen, trugen nicht eben dazu bei, den Ruf der hygienischen Maßnahme in der Bevölkerung zu verbessern. Besonders aber die Arbeiter der Desinfektionsanstalt litten unter den giftigen Dämpfen, am schlimmsten unter einem Chlor-Kalk-Gemisch. Sie husteten »unaufhörlich, und die Augen, deren Weiß sich blutrot verfärbte, tränten stark.«

Dennoch waren 1908 insgesamt 113 Oberdesinfektoren und Desinfektoren in der Reichenberger Straße beschäftigt, in den Zeiten der Epidemien noch immer zu wenige. In den »Normalzeiten« allerdings hatten sie wenig zu tun, weshalb sie sich nebenbei um die Schädlingsbekämpfung kümmerten. Es war den Inspektoren nicht entgangen, daß die giftigen Dämpfe nicht nur den Desinfektoren und Mikroorganismen, sondern auch Läusen und Wanzen erheblich zusetzten.

Der Erste Weltkrieg reduzierte dann nicht nur das militärische Heer, sondern auch das Personal der Anstalt um etwa die Hälfte. Die verbliebenen 60 Arbeitskräfte hatten einiges zu tun. Denn mit dem Krieg kamen die Pocken, die Ruhr, die Krätze und zu guter Letzt die schwere Grippewelle von 1918, die zur Schließung von über 300 Berliner Schulen führte.

Arbeiter der Desinfektionsanstalt
Desinfektionsanstaltsarbeiter bei der Arbeit Foto: Kreuzberg Museum

Nach der Heimkehr der Krieger wurde das Personal zwar wieder aufgestockt, doch friedliche Zeiten gab es keine mehr in der ersten Desinfektionsanstalt Berlins. Die Inflation ging um, was wuchs, war die Armut, und mit ihr die Gefahr von Epidemien. In den Jahren nach 1923 stieg die Zahl der Desinfektionen sprunghaft an und erreichte 1927 ihren Höhepunkt: 29000 Todes- bzw. Krankheitsfälle wurden in der Stadt registriert, über 39000 Desinfektionen durchgeführt, darunter sogar 3100 freiwillige. Die Angst ging um. Dennoch wurde das Personal wegen notwendiger Sparmaßnahmen der verarmenden Stadt von 114 Mitarbeitern allmählich bis auf 30 reduziert. Begleitet wurde der Stellenabbau mit einer geschickt lancierten Diskussion um Sinn und Unsinn der Desinfektion im Allgemeinen. Einige Mediziner betrachteten den Versuch, epidemischen Krankheiten durch Hygiene beizukommen, als gescheitert und verlangten, die Anzeigepflicht bei Scharlach und Diphtherie wieder abzuschaffen.

Der Oberdesinfektor August Schildt hielt entgegen, daß sich »durch die Vermeidung von Krankheitskosten« ein Desinfektor schon dann bezahlt gemacht habe, wenn er »im Jahre nur zwei Personen durch seine Arbeit vor einer Infektion bewahrt.« Und fügte hinzu: »Wenn überall das Entseuchungswesen so fachgerecht gehandhabt würde wie in Berlin, würden die Kritiker verstummen.« Unterstützung erhielt er durch den offenen Brief einer Doktorin an den Stadtmedizinalrat. Darin hieß es: »Sprechen wir es aus: Berlin ist eine total verwanzte Stadt. Fliegen-, Mücken- und Rattenplage werden systematisch bekämpft, warum nicht die Wanzen? Der Krieg schleppte das Ungeziefer in die Mauern; die ekelhaften Produktenhandlungen der Inflationszeit brachten mit Abfällen, Lumpen und Makulatur auch die Wanzen (…) Und die großen Kammerjägereien versagen; eine Fünfzimmerwohnung unter Garantie zu entwanzen kostet über RM 300,-, kostet drei Tage Flucht aus der gasgefüllten Wohnung (…)«. Und sie fügt hinzu, daß ohne die Unterstützung der Männer von der Reichenberger Straße die Wanzen noch viel weiter wären auf ihrem Vormarsch in die Stadt.

Letztendlich blieb die Bedeutung der Desinfektionsanstalt für die Volksgesundheit unbestritten. Das Haus überstand auch den 2. Weltkrieg unbeschadet, den Angestellten wurden sogar Milchzulagen für Schwerstarbeiter zugestanden. Doch wirklich zu tun hatten die Männer der Anstalt erst wieder nach dem Krieg. Innerhalb weniger Tage breiteten sich im Sommer 1945 Ruhr und Typhus in den zerstörten Stadtteilen aus, Kriegsheimkehrer und Vertriebene – täglich kamen 30000 Menschen in die Stadt – importierten über dreißig registrierte ansteckende Krankheiten. Insgesamt 27 Desinfektions- und 17 Entlausungsanstalten, dazu 146 sogenannte Lagereinstäubungsstellen kämpften mit DDT gegen die drohende Gefahr sich ausbreitender Seuchen an. Im »Flüchtlingsbunker« in der Fichtestraße wurden täglich 1300 Umsiedler entlaust. Dennoch kam die Malaria bis nach Kreuzberg.

Erst Ende der vierziger Jahre kehrte Ruhe ein. Lediglich das Jahr 1953 brachte mit den DDR-Flüchtlingen noch einmal eine erhöhte Betriebsamkeit mit sich, und auch 1961, als die DDR eine Desinfizierung der Geschenksendungen in die Demokratische Republik verlangte, hatten die Männer in Kreuzberg einige Hände voll zu tun. Doch im Juli 1987, hundert Jahre nach der Einweihung der ersten Berliner Desinfektionsanstalt, zogen die Desinfektoren von der Reichenberger in ein kleineres Haus in der Wiener Straße und in die Anstalt nach Neukölln. Dort, wo einst die hohen Mauern der ersten Desinfektionsanstalt Berlins die Ausbreitung von Seuchen eindämmen sollten, sitzen heute die Schüler der Paul-Doormann- und der Niederlausitz-Grundschule. Nur der hohe Schornstein mahnt wie ein überdimensionaler Zeigefinger noch immer an Sauberkeit und Ordnung.

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