Kreuzberger Chronik
September 2002 - Ausgabe 40

Der Monat

Arm und Reich - Zehlendorf und Kreuzberg


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von Johann von Lorenz

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Als über die Fusion der Berliner Stadtbezirke diskutiert wurde, sah der damalige Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz besonders besorgt in die Zukunft. Eine Zusammenlegung der Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg wäre die unheilvolle Allianz zweier der ärmsten Bezirke dieser Stadt.

Wie berechtigt seine Befürchtungen waren, wird am ersten Armutsbericht der Stadt Berlin deutlich, der Ende Juli veröffentlicht wurde und die Situation in der Hauptstadt in beeindruckenden Zahlen beschreibt. Laut dieses Berichtes liegt Kreuzberg mit einem Armenanteil von 26,4 Prozent berlinweit an der Spitze, wie immer dicht gefolgt vom ewigen Zweiten in der Negativstatistik, dem Wedding mit 23 Prozent. Weit abgeschlagen mit ca. 17 Prozent liegen Tiergarten, Schöneberg und Neukölln bereits im Mittelfeld. Erst an 6. Position folgt Friedrichshain, ist mit einem Armenanteil von 14,9 Prozent jedoch der Spitzenreiter im Osten. Damit hat der ärmste Bezirk des Westens sich mit dem ärmsten des Ostens vermählt.

Die in Prozenten deutlich werdende Armut ist weder mathematische Zauberei noch zweifelhaftes Jonglieren mit Statistiken, sondern diese Zahlen sprechen eine klare Sprache. Ihre Grundlage ist eine von der Europäischen Union erarbeitete, für ganz Europa geltende und für jedermann verständliche Formel: Als arm gilt demnach, wer weniger verdient als die Hälfte des Durchschnittseinkommens.

Jahrelang wehrte sich der ehrgeizige Kanzler Kohl erfolgreich gegen die Durchführung einer solchen Armutsstudie, indem er sie auf europäischer Ebene festlich versprach, im Lande selbst jedoch nie durchführen ließ. Aus gutem Grund, denn auch ihm war klar, daß angesichts konkreter Zahlen das schöne Bild seines heilen und geliebten Deutschland zu Schutt und Asche zerbröseln würde. Doch die rot-rote Regierung brachte es nun zustande, die Karten auf den Tisch zu legen.

Der Studie nach betrug das monatliche Durchschnittseinkommen des Deutschen im Jahr 1999 exakt 1092 Euro. In Deutschland gilt also nach der Definition der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als arm, wer weniger als 546 Euro monatlich zum Leben hat. Und demnach ist Berlin mit insgesamt 435000 Armen die ärmste Stadt Deutschlands und Kreuzberg der ärmste Bezirk in der ärmsten Stadt Deutschlands.

Kreuzberg beherbergt mehr als doppelt so viele Arme wie die Berliner Bezirke im Durchschnitt und fünfmal so viele wie Zehlendorf. Doch Zehlendorf ist nicht nur jener Bezirk mit den wenigsten Armen, sondern er ist auch der reichste Bezirk Berlins. Denn als reich gilt laut OECD, wer mehr als das doppelte des nationalen Durchschnittseinkommens verdient. Da sich die Großverdiener nicht so gerne in die Tasche gucken lassen, stammen die Zahlen über die wirklich Reichen noch aus dem Jahr 1995, doch auch damals schon standen jenen 125 Millionären aus dem hübschen Zehlendorf nur 12 Kreuzberger gegenüber. 21 Prozent der Zehlendorfer verdienen doppelt so viel wie der Durchschnittsbürger und sind demnach nach obenstehender Definition als Reiche zu betrachten. Über Kreuzberg muß sich die Studie in Sachen Reichtum zurückhalten, da die Werte »statistisch nicht mehr nachweisbar sind« und gegen Null tendieren. Diese entgegengesetzte Entwicklung wird sich in beiden Hälften der Stadt fortsetzen. In den armen Bezirken, weil die Arbeitslosigkeit weiter steigt, und in den reichen, weil auch deren Gewinne – trotz Börsenkrisen und Personalabbau – weiter steigen.

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Foto: Dieter Peters
Es stand schon auf den Berliner Backsteinwänden geschrieben: Die Grenze verläuft nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Oben und Unten. Und »die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander«, sagt Berlins Sozialsenatorin Heike Knake-Werner. Tatsächlich unterstreicht die präzise Studie über Armut und Reichtum in der Hauptstadt, was schon im alten DDR-Lehrbuch stand: »Die Reichen werden immer reicher, und es gibt immer mehr Arme.« Linientreu fügt die PDS-Politikerin gegenüber dem Tagesspiegel hinzu: »Die Umverteilung von Oben nach Unten gefällt mir nicht!«

Doch eine gerechtere Verteilung des in Deutschland erwirtschafteten Einkommens scheint der einzige Weg zu sein. All die phantasievollen Hilfsprogramme und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die ihren skurrilen Höhepunkt mit Berufserfindungen wie der eines »Parkbegehers« im Viktoriapark erreicht haben, sind schnell verdampfende Luftblasen auf dem heißen Stein der Armut. Einer weiter wachsenden Zahl von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern und der im Zeitalter des Euro immer schwieriger werdenden Situation alleinerziehender Mütter oder jobloser Migranten wird man mit einem Gnadenbrot nicht beikommen. Und selbst wenn es dem Senat gelänge, für die Sozialhilfeempfänger jährlich jene 6000 neuen Dauerarbeitsplätze zu geltenden Tariflöhnen einzurichten, von denen er spricht, würde der letzte Berliner Arbeitslose erst im Jahr 2015 vom Tropf der staatlichen Unterstützungen abgenabelt werden. Dagegen dauerte es nur 10 Jahre, bis sich die Zahl der Sozialhilfeempfänger im Westen Deutschlands verdreifacht hatte.

Doch die Chance, daß das ehrgeizige Projekt mit jährlich 6000 neuen Arbeitsplätzen umgesetzt wird, ist ohnehin nicht besonders groß. Denn »die Arbeit mit Menschen rechnet sich rein ökonomisch nicht mehr«, sagt die Berliner Sozialsenatorin. Das wiederum bedeutet, daß alle diese noch zu schaffenden Arbeitsplätze subventioniert werden müßten – von einer Hauptstadt, die kein Geld hat.

Auch der Gedanke, man könne der Arbeitslosigkeit durch eine bessere Schulausbildung begegnen, lahmt. Denn solange die Unternehmen Arbeitsplätze abbauen und ihre Betriebe rationalisieren, wird auch für besser Ausgebildete kein Platz mehr auf dem Arbeitsmarkt sein. Die Tatsache, daß in Zehlendorf dreimal soviele Hochschulabsolventen zu finden sind wie etwa im Kreuzberger Nachbarbezirk Neukölln, gibt zwar Aufschluß über das unterschiedliche Bildungsniveau zwischen Reichen und Armen, läßt aber nicht den zwingenden Schluß zu, daß alle Neuköllner Arbeit fänden oder wohlhabend würden, wenn sie eine bessere Schule besucht hätten. Gerade Kreuzberg mit einem hohen Anteil an Hochschulabsolventen beweist, daß Bildung kein Allheilmittel ist und daß kein noch so exzellentes Zeugnis vor der Armut rettet. Zwar stimmt es, daß gerade die Arbeitsplätze für geringfügig qualifizierte Arbeitskräfte zunehmend abgebaut werden – doch entstehen dafür keine neuen Arbeitsplätze für qualifizierte Fachkräfte.

Der Abbau einfacher Tätigkeiten für Arbeiter ohne Berufsabschluß trifft vor allem die 420000 Ausländer, die seit den sechziger Jahren für diese Arbeiten in Berlin eingesetzt werden. In Kreuzberg, einem Bezirk mit einem Ausländeranteil von 32,3 Prozent, zeigt sich deutlich, daß es besonders die Migranten sind, die von der Armut in der Stadt bedroht sind. Laut Studie müssen in Berlin vier von zehn Einwanderern mit weniger als 546 Euro im Monat auskommen. Unter den Deutschen trifft es dagegen nur jeden neunten.

Ferner geht aus dem Armutsbericht hervor, daß etwa in einem Sechstel der Kreuzberger Haushalte mehr als zwei Kinder leben – wie sonst eigentlich nur noch in einigen Bezirken im Ostteil der Stadt üblich. Doch was auf den ersten Blick vielleicht erfreulich erscheint, ist am Ende betrüblich. Die Zahlen machen deutlich, daß in Berlin das Familienglück mit Kindersegen allmählich zum Luxus geworden ist: Die kinderreichen Familien gelten als besonders gefährdete Problemgruppe. Auch alleinstehende Mütter mit 2 Kindern leben nicht rosig: 35,6 Prozent von ihnen fallen unter die Armutsgrenze. Unter dem Strich heißt das, daß jedes vierte Berliner Kind in ärmlichen Verhältnissen aufwächst, und bei den Sprößlingen unter drei Jahren schaut schon jeder dritte in eine sorgenreiche Gegenwart. Es ist dies vielleicht die alarmierendste Zahl aus dem 130 Seiten umfassenden Dokument des Senats – denn diese Kinder werden es sein, die die Stadt und ihre Zukunft gestalten.

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Foto: Dieter Peters
Doch auch dort, wo der Bericht ein weniger dramatisches Bild zeichnet – nämlich im Durchschnittseinkommen –, zeigt sich deutlich, wie es sich verhält mit Arm und Reich, und wie weit die Schere der Senatorin auseinanderklafft. So lag das Durchschnittseinkommen des Kreuzbergers 1999 bei 2250 DM im Monat, und war damit das niedrigste in Berlin. Im Wedding verdiente man immerhin schon 100 Mark mehr und in Friedrichshain 150. Im beliebten Zehlendorf aber erarbeitete sich der Bürger im Durchschnitt knapp 4000 Mark.

Natürlich sagt der Bericht der Sozialsenatorin nur das aus, was alle schon wußten. Dennoch werfen die vielen Zahlen der Studie ein neues und schärferes Licht auf Berlin, sie leuchten in die finstersten Ecken der Hauptstadt eines einstigen Wohlstandsstaates. Und während der Kanzler noch immer einen Aufschwung halluziniert und nicht müde wird, lächelnd Optimismus zu verbreiten, sieht der 1. Berliner Armutsbericht für den ärmsten Bezirk der ärmsten Stadt der Bundesrepublik keine rosige Zukunft voraus. Wahrscheinlich wird den Kreuzbergern nichts anderes übrig bleiben, als zu beginnen mit der Umschichtung zwischen Oben und Unten. Auszuwandern. Nach Zehlendorf etwa. Dort ist Platz genug. Nur 14 Einwohner besiedeln ein Hektar Zehlendorfer Land. Die Kreuzberger teilen sich die gleiche Fläche mit 150 anderen Leidensgenossen. Der einzige Vorteil ist, daß ihr Leiden ein früheres Ende nimmt als das langweilige Dasein der Zehlendorfer. Denn die sterben laut Armutsbericht fünf Jahre später als die Kreuzberger. <br>

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