Kreuzberger Chronik
September 2002 - Ausgabe 40

Der Kommentar

Gefährliche Fahndung!


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von Hans W. Korfmann

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Die Friesenstraße ist eine idyllische Straße mit Trödelläden, einer Änderungsschneiderei, türkischen Bäckern, dem italienischen Feinkostgeschäft Il ghiottone, einigen Restaurants – man sieht gerne in die Auslagen der Geschäfte. Dann stößt man auf das Fenster des Frauenladens Wildwasser e.V., und darin hängt, wie in den Zeiten des deutschen Herbstes, ein häßliches Fahndungsplakat, Schwarz-Weiß, etwas vergilbt, mit den wenig schmückenden Visagen, die Fahndungsfotos an sich haben.

Auf der Fahndungsliste allerdings stehen nicht die vier Abgebildeten, sondern die Gesamtheit der Männer weltweit. Denn es werden zwar die Namen eines Italieners und zweier Deutscher, und darunter deren Geburtsdaten mitgeteilt – alle sind heute um die 70 Jahre alt -; doch geht es gar nicht um diese vier Einzeltäter. Sie sollen hier nur stellvertretend für den Rest des männlichen Geschlechtes sprechen. Denn:
»Diese Männer sind Mädchenvergewaltiger. Nach diesen Tätern wird nicht gefahndet. Ihre sexuellen Gewaltverbrechen sind verjährt. Sie leben unbehelligt in ihrem familiären und sozialen Umfeld. Es sind Männer, die Sie kennen. Euer Lehrer, Euer Ehemann, Dein Vater.«

Zwar geschieht zumindest der Mehrheit von Vätern, Lehrern oder Ehemännern mit einer derartigen Pauschalanklage ein gröberes Unrecht. Aber sie werden es verkraften. Seit Alice Schwarzer – ihre aufklärerische journalistische Funktion in allen Ehren – wissen Männer, daß mit Frauen nicht zu spaßen ist, und daß man im Kampf mit dem weiblichen Geschlecht sein eigenes aufs Spiel setzen kann. Allerdings wird niemand der erwachsenen Väter oder Lehrer ernsthaft seelischen Schaden an diesem schmierigen Plakat nehmen.

Es fragt sich aber, was ein Mädchen (und übrigens auch ein Junge – aber was interessiert Wildwasser e.V. ein Junge!) empfindet, der hin und wieder von bösen Onkels hört, Sabine Christiansen ein trauriges Gesicht machen und in der BZ die furchtbaren Fotos von Kinderleichen sieht. Der nun gerade das Lesen gelernt hat und dann den Wortlaut dieses Plakats in der Friesenstraße buchstabiert, das ihm erklärt: Diese Verbrecher sind Männer, die ihr kennt … euer Lehrer, euer Vater.

Es scheint, als haben die einst so empfindsamen, allmählich aber offensichtlich verrohten Wildwasser-Frauen vergessen, wie empfindlich eine Kinderseele ist. Wie leicht man sie verunsichern, vielleicht zerstören kann. Kinder auf Gefahren aufmerksam zu machen, zeugt von Verantwortungsbewußtsein. Jedoch unnötigerweise in unseren Kindern eine übertriebene Furcht und ein neurotisches Verhalten zu provozieren, das zeugt von Verantwortungslosigkeit.

Es ist einige Jahre her, da trieb in einem anderen Stadtviertel ein Mann sein Unwesen in Hauseingängen, belästigte kleine Schulmädchen. Es hieß, er sei »harmlos«, dennoch wurden in allen Kinder- und Schülerläden der Gegend Sondersitzungen einberufen, Eltern bildeten Aktionsbündnisse, und bald hing sein Steckbrief in allen Hauseingängen, während Erzieherinnen und Erzieher das Bild vom bösen Mann heraufbeschworen. Es dauerte nicht lange, und die Mädchen des Viertels sahen in jedem männlichen Wesen, in bislang besten Freunden und selbst in ihren eigenen Vätern, den möglichen Feind. Sie waren zutiefst verunsichert, und es dauerte Monate, bis sich das Verhältnis wieder normalisierte.

Soweit soll es nicht kommen. Es ist unsere Aufgabe, Kinder mit einem gesunden Vertrauen einerseits und einem gesunden Gespür für Gefahren andererseits auszustatten. Das Plakat in der Friesenstraße 6 aber kann tief verunsichern und stellt damit eine Gefahr für die Kinder dar. Es wäre verantwortungslos, nichts dagegen zu unternehmen. Beginnen wir damit, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen. <br>

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