Kreuzberger Chronik
September 2002 - Ausgabe 40

Die Geschichte

Vorwärts


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von Klaus Schmitt

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Wo ist er geblieben, der traditionsreiche, in Kreuzberg beheimatete Vorwärts? Die in ihrer Blütezeit von Arbeitern in ganz Deutschland gelesene sozialdemokratische Zeitung existiert heute nur noch als monatliches Mitteilungsblatt für Parteimitglieder und genießt das Gnadenbrot einer Vereinszeitschrift.

Dabei fing alles einmal so vielversprechend an: mit zwei interessanten Vorläufern, nämlich dem in Berlin 1864 gedruckten Social-Demokrat und dem Leipziger Volksstaat, einem »Organ der sozial-demokratischen Arbeiterpartei und der Gewerkschaften«, das die Marxisten August Bebel und Wilhelm Liebknecht vertrat.

Auch der Titel versprach viel, stammte er doch noch aus der Zeit des Vormärz. Schon 1819 trug eine »Flugschrift politischen und wirtschaftlichen Inhalts« den fettgedruckten Aufruf Vorwärts!, 1844 erschien in Paris ein Emigrantenblatt gleichen Titels mit Beiträgen von Karl Marx und Heinrich Heine. Und Vorwärts! schrieb auch die wachsende Arbeiterbewegung auf ihre roten Fahnen.

1876, ein Jahr nach der Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha, wurde er dann endlich geboren: der Vorwärts – Central-Organ der Sozialdemokratie Deutschlands. Und er bewies immer einen eisernen Überlebenswillen.

Als 1933 die Nazis das Sprachrohr der Linken verboten und das gesamte Verlagsarchiv vernichteten, überlebte das Blatt im tschechischen Exil in Karlsbad. Und als 1937 auch die tschechische Regierung den »Vorwärts-Emigranten« jede politische Betätigung verbot, flüchtete die Redaktion nach Paris, wo der Vorwärts bis zum Einmarsch der Nazis im Jahr 1940 weiterexistierte. Doch nicht nur unter Hitler, schon ganz zu Anfang mußte das Blatt in den Untergrund abtauchen. Kaum zwei Jahre war es alt, da erließ Bismarck ein »Gesetz gegen die gefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie« und verbot den Vorwärts. Doch der erschien insgeheim weiter – unter dem Decknamen des Berliner Volksblatts, das unter demokratischer Tarnflagge segelte – und im Grunde nichts anderes war als das Parteiblatt der Sozialdemokraten.

Was war nur so gefährlich an dieser Sozialdemokratie und ihrem Zentralorgan? Zwar schrieb Rosa Luxemburg 1903 noch in der Nummer 62: »Mit dem Ariadnefaden der Marxschen Lehre in der Hand ist die Arbeiterpartei heute die einzige, die vom historischen Standpunkt aus weiß, was sie tut, und deshalb tut, was sie will. Darin liegt das ganze Geheimnis der sozialdemokratischen Macht.« Aber lag ihre Macht wirklich in dem, was sie zu wissen glaubten? Und haben Bismarck und Rosa die Sozialdemokraten nicht arg überschätzt?

Tatsache ist, daß der Vorwärts inzwischen 126 Jahre alt ist und den Wechsel vieler Generationen überlebte. Nachdem der Vater und langjährige Macher des Blattes, Wilhelm Liebknecht, gestorben war, übernahm Kurt Eisner die Verantwortung für das Blatt, unter dessen Regie die Auflage des Vorwärts allmählich bis auf tägliche 165000 Exemplare stieg. Rosa Luxemburg wurde als feste Mitarbeiterin für wöchentlich zwei Leitartikel gewonnen und schrieb mit spitzer Feder. Selbst unter dem Einfluß des Marxisten Rudolf Hilferdings, der 1907 das politische Ressort übernahm und einen gemäßigten Kurs ansteuerte, blieb der Vorwärts kritisch, zuweilen sogar selbstkritisch.

Linotype-Setzer
Die Setzerei mit Linotype-Setzmaschinen, ca. 1926 Foto: Kreuzberg Museum


Noch bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wehrte sich die Redaktion nahezu geschlossen gegen die Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu den von der Regierung geforderten Kriegskrediten. Als sie sich 1916 offen zu den aus der Fraktion ausgeschlossenen Kreditverweigerern bekannte, bestellte der Parteivorstand einen Zensor, der fortan die Druckfahnen kontrollierte, und entließ die Mehrzahl der Redakteure. Friedrich Stampfer, der für die Kriegskredite eingetreten war, wurde zum Chefredakteur ernannt.

Doch nach der Abspaltung der Spartakus-Fraktion von der SPD geriet die neue Leitung des Vorwärts zunehmend in die Schußlinie der revolutionären Genossen, bis am 25. Dezember 1918 ein großer Demonstrationszug zum Redaktionsgebäude des Vorwärts marschierte. Flugblätter mit der Überschrift »Der rote Vorwärts« verkündeten: »Heute … wurde der Vorwärts von uns, den revolutionären Arbeitern, in Besitz genommen …« Doch schon am 11. Januar 1919 wurden Druckerei und Verlagsgebäude gewaltsam von reaktionären Truppen geräumt. (Vgl. Kreuzberger Chronik Nr. 20, »Die Geschichte«)

Während Luxemburg und Liebknecht nun die KPD gründeten und die wirklichen Linken mit einer eigenen Zeitung versorgten, übernahm der Vorwärts die zurückbleibende breite Leserschaft der Gemäßigten und erreichte bald eine Auflage von 300000 Exemplaren je Morgen- und Abendausgabe! Damit war der Vorwärts an den Höhepunkt seiner Popularität gelangt.

Doch ohne sein eigenes Verlagshaus hätte er diesen Gipfel nicht erreicht. Schon 1902 hatte sich die Parteiführung entschlossen, die Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer & Co. ins Leben zu rufen. Paul Singer, eigentlich ein berühmter Berliner Textilunternehmer, war Parteivorsitzender und Reichstagsabgeordneter für SO36. Mit dessen sachkundiger und unternehmerischer Unterstützung richtete der Vorwärts seine eigene Druckerei in der Lindenstraße 63, Ecke Jerusalemer Straße, ein. Schon nach einem Jahr war die Belegschaft um das Doppelte gewachsen, auch die Redaktion und die Buchhandlung des Vorwärts zogen in die Lindenstraße um. 1905 folgten sogar der Parteivorstand und das Parteiarchiv ihrem Zentralorgan. 1914 eroberte die Erfolgspartei zuerst die Lindenstraße 3, dann die angrenzenden Häuser und besetzte bald ein Areal von knapp 28000 Quadratmetern bis hin zur alten Jakobstraße.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien der Vorwärts zunächst in Ostberlin, als Wochenzeitschrift zwei Jahre später auch in Hannover. Er hielt sich tapfer bis zum Fall der Mauer, doch seitdem fristet er ein klägliches Dasein als Mitgliederzeitschrift einer konservativen Partei. Auch das stattliche Verlagshaus an der Lindenstraße hatte den Krieg relativ unversehrt überstanden und fiel erst 1962 den radikalen Sanierungsmaßnahmen zum Opfer. An jener Stelle aber, an der damals in der Lindenstraße 63 die Geschichte des Vorwärts ihren Lauf nahm, befindet sich heute der Parkplatz des Axel-Springer-Verlags.




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