Kreuzberger Chronik
November 2002 - Ausgabe 42

Strassen, Häuser, Höfe

Heinrich-Heine-Straße


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von Jürgen Jacobi

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Es ist nur ein winziges Stück der Heinrich-Heine-Straße, das nach Kreuzberg hineinreicht. Wohl deshalb fehlt sie im lokalen »Wegweiser zu Berlins Straßennamen«. Und nicht, weil es nichts zu sagen gäbe über diesen Mann. Leben und Werk des Lyrikers, Autors und Journalisten sind in vielen Biographien, Essays und Studien durchleuchtet worden. Vertreter unterschiedlichster politischer Weltanschauungen und literarischer Standpunkte wurden bei ihm fündig. Er hat sie alle gut bedient. Die Liebhaber romantischer Lyrik ebenso wie die Anhänger beißenden Spotts. Er selbst nannte seine Feder sein Schwert, und man möchte hinzufügen, daß seine Tinte wie tödliches Gift wirkte.

Wer war dieser Heine? Die Ex-DDR benannte einen Literaturpreis nach ihm, er selber hätte ihn wohl nie bekommen. 1847, kurz vor der Märzrevolution, kann er sich keine bessere Staatsform als die Monarchie vorstellen. Tucholsky nennt ihn einen »Jahrhundertkerl«, Karl Kraus gesteht ihm zwar Talent, aber keinen Charakter zu. Heine, das politische Chamäleon? Doch der Mann ohne Charakter hat soviel politische Weitsicht, daß sich seine Urteile über die sozialen Bewegungen seiner Zeit lesen, als hätte er Hitler und Stalin vorausgesehen.

Marx und Engels hat er gekannt. Mit erstem ist er über die mütterliche Linie weitläufig verwandt. Was die berühmten Männer zu ihrer weltbewegenden Theorie veranlaßt – die drängenden sozialen Fragen der Zeit, weitverbreitete Armut, aufkommendes Proletariat … – subsumiert Heine lakonisch als »Suppenfrage«. Das Begriffsbild ist jedoch weniger sarkastisch gemeint, als man es Heine üblicherweise unterstellt. Es zeigt nur, daß Heine hinter jeder politischen Veränderung zwar ursächlich materielle Auslöser sieht, nie aber an die Verheißung weltumspannender Brüderlichkeit nach einer gelösten »Suppenfrage« glaubt.

Ein über die Jahrhunderte gewachsener Blätterwald an Veröffentlichungen über Heine macht es fast unmöglich, bis zu diesem vorzudringen. Gäbe es wirklich jemanden, der zum Lesen über die notwendige Lust und Zeit verfügte, er wäre am Ende in seinem Urteil wahrscheinlich nicht schlauer als vorher. Denn je mehr beschriebene Seiten sich um das Leben dieses Dichters ranken, um so mehr verschwindet die Person dahinter. Demzufolge müßte jede weitere Zeile die Verwirrung noch vergrößern. Und trotzdem: Wer war dieser Heinrich Heine?

Auf seinem Geburtsschein steht der Vorname »Harry«. Auf seinem Grabstein »Henri«. Seine Haarfarbe variiert in den Beschreibungen der Zeitgenossen von braun, hellbraun, dunkelblond, dunkelbraun bis rötlich. Auf Lithographien, Federzeichnungen und wenigen Gemälden fallen sie ihm mal lockig und lang bis in den Nacken, mal sind sie strähnig und kurz. Als Knabe ist er feingliedrig und blaß, hypersensibel, und flieht alles Laute. Als Dreizehnjähriger bringt er seinen Eltern sein erstes Gedicht dar – es stammt nicht von ihm!

Schon früh strickt er an seiner eigenen Legende. Als Schüler habe er sechsmal auf die Frage »Wie heißt der Glaube auf französisch?« mit »le crédit« geantwortet. Er bringt in Umlauf, seine Mutter spräche perfekt Latein, Englisch und Französisch und läse heimlich Goethe. In Wahrheit beherrscht Betty Heine Deutsch ebenso mangelhaft wie etwa die Mutter von Karl Marx.

Er schmeißt eine Kaufmannslehre, setzt mit dem Geld eines reichen Onkels ein Manufakturgeschäft in den Sand, studiert in Bonn, Göttingen und Berlin Jura. In Göttingen duelliert er sich fast und fliegt von der Uni. Später duelliert er sich wirklich ein bißchen und trägt einen Hüftschaden davon.

Er war Jude, ließ sich jedoch taufen, um seine Karrierechancen zu verbessern. Nach eigener Aussage ist er zwar »getauft, aber nicht übergetreten«. Sein Geburtsdatum ist bis heute nicht zweifelsfrei festgestellt. Er bezeichnete sich als »bettelarm«, häufte aber bis zu seinem Lebensende ein größeres Vermögen als Goethe an. Mit dem deutschen Dichterfürsten stellte er sich literarisch auf eine Stufe.

Nach Aussagen einiger Zeitgenossen war er in Gesellschaft leicht verlegen und wortkarg, außerdem lispelte er ein wenig. Andere wiederum loben seine Schlagfertigkeit, seinen Wortwitz und seine gewandte Rede, und Heine selbst bastelt fleißig an seinem Image als Frauenheld. Im berühmten »Wintermärchen« treibt er es allerdings zu weit. Auf Anraten seines Verlegers Campe streicht Heine die allzu feucht-frivolen Passagen. Pique-As-Luise, Dragoner-Kathrine, die rote Sophie und die keusche Susanne, die im Manuskript den Hamburger Strich bevölkern, tauchen in der Veröffentlichung nicht mehr auf. Im weisen Alter läßt Heine die Maske des Verführers fallen: »Ich habe nie ein Mädchen verführt und nie eines verlassen. Ich bin nie der erste Liebhaber gewesen und nie der letzte.«

In Paris – er ist inzwischen berühmt – wohnt er ab 1831 bis zu seinem Tode unter nachweislich 15 Adressen. Die jeweilige Ausstattung besteht aus abgewetztem Mobiliar bis hin zu sündhaft teurem Inventar. Er verehrt Napoleon, verachtet den Papst, verabscheut Kommunisten, sieht gleichwohl in ihnen die treibende Kraft der Zukunft, bewundert die Macht der Aristokraten, verkehrt im Hause Rothschild und bezieht von diesem heimlich Geld. Er verkehrt mit den größten französischen Dichtern seiner Zeit, setzt allmählich Fett an und verliebt sich in eine Schuhverkäuferin. Sie ist Analphabetin. Er versteckt sie anfangs vor seinem adeligen und intellektuellen Bekanntenkreis. Alle möglichen Bildungsversuche, von Heine initiiert, fruchten wenig. Er spricht ihr einen schwachen Kopf, aber ein vortreffliches Herz zu, seufzt, heiratet sie und steht zu ihr bis zu seinem Ende.

Das beginnt 1848 im Louvre und zieht sich bis ins Jahr 1856. Vor der Venus von Milo bricht er zusammen: Syphilis. Die Jahre bis zu seinem Tod verbringt er mehr oder weniger auf einem halben Dutzend aufgeschichteter Matratzen, seiner »Matratzengruft«. Muskelschwund, Magenkrämpfe, Koliken, dazwischen Gedichte. Einem Besucher, der mitansieht, wie Heine vom Stuhl zum Bett getragen wird, ruft er zu: »Sehen Sie, wie man mich in Paris auf Händen trägt!«

In eine ständig offen gehaltene kleine Wunde wird ihm Morphium geträufelt. Sein Krankenlager wird zum Wallfahrtsort: Bewunderer, Dichterkollegen, Verehrerinnen. Vertreter eines deutschen Chores singen »Leise zieht durch mein Gemüt«. Im Lauf der Jahre lichten sich die Reihen. Am Ende verbirgt er sich vor allen, abgemagert auf das Gewicht und die Größe eines Kindes.

Zum Schluß taucht noch eine letzte Muse auf: Eine Frau, die unter mehreren Pseudonymen veröffentlicht hat, die er Mouche (Fliege) nennt, und der er Gedichte widmet, die ihres derb erotischen Inhalts wegen nie veröffentlicht werden.

Eines von angeblich vier letzten Worten Heines ist: »Hab’ keine Angst, mein Liebling! Gott wird mir vergeben – es ist sein Beruf!« <br>

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