Kreuzberger Chronik
November 2002 - Ausgabe 42

Horst Wiessner Kreuzberger
Horst Wiessner, Rentner

oder: Der Erfolg des sanften Widerstands


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Michael Hughes

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Die Vergangenheit ist nur einen Steinwurf von der Gegenwart entfernt. Wenn Horst Wiessner frisches Wasser in die Schale für die Vögel gießt, die das luftige Vogelhäuschen anfliegen ý Blaufinken, Stare, Tauben und Elstern ý dann liegt das Haus in der Oranienstraße 24 in greifbarer Nähe. Dort hat vieles begonnen, nach dem kalten Winter 1946, als die Fenster noch voller Pappendeckel waren, und als er mit dem Handwagen frisch gedrucktes Weihnachtspapier bis nach Charlottenburg lieferte, zu Fuß, die beiden kleinen Töchter der Nachbarin als Tariergewicht vorne drauf, was es im Grunde nur leichter machte, weil er den Wagen kaum noch anzuheben brauchte.

Es war mühselig gewesen, die Druckerei des Vaters zerstört, die Maschinen schrottreif, der Hof in der Oranienstraße ein Schuttabladeplatz. Aber er hat es irgendwie geschafft. Obwohl er so ein »verwöhntes Einzelkind aus wohlhabendem Haus war«. Er hat im Hinterhof in der Oranienstraße eine neue Druckerei aufgebaut, hat seine Frau dort kennengelernt, und vier Kinder durch die Trümmerberge gebracht. Da unten, in der Oranien 24, einen Steinwurf entfernt.

Jetzt steht Horst Wiessner neben dem selbstgebauten Vogelhäuschen zwischen seinen Rosenstöcken, der Pyramidenfichte, der windgepeitschten Latschenkiefer und den zwei Meter hohen Yuccapalmen. Er hat ein ausgetüfteltes, computergesteuertes Bewässerungssystem für seinen kleinen Park installiert, das die erdgefüllten Kübel seiner Gartenlandschaft tröpfchenweise versorgt. In dem Gewächshaus stehen Pikiertöpfe, Gieskannen und Rechen, hängen Gartenscheren und verschiedenste Schaufeln. Horst Wiessner ist ein leidenschaftlicher Botaniker, auch wenn er in der schwarzen Anzughose, dem weißen Hemd und mit dem silbernen Haarzopf eher an einen Intellektuellen oder an einen berühmten Modeschöpfer erinnert.

Der Garten auf dem NKZ
Foto: Michael Hughes
Horst Wiessner ist eben nicht der übliche Großstadtschrebergärtner zwischen Bahndamm und Autobahn, seine Hollywoodschaukel hängt nicht zwischen Birn- und Apfelbaum, sondern sie schwingt 33 Meter über dem Kottbusser Tor, auf dem Dach eines elfstöckigen Zementquaders. Klein ist die Stadt von hier oben, auch das Leben scheint überschaubar, und weit ist Herr Wiessner in den letzten 28 Jahren ohnehin nicht gekommen, von der Oranien 24 bis in die Adalbertstraße 4. Einmal um die Ecke. Aber er ist aufgestiegen, vom Hinterhof aufs Dach.

Vielleicht war es dieser Hof, auf dem auch in den Siebzigern noch der Schatten des Krieges lag, der Wiessner so zielstrebig aufsteigen und zum passionierten Bergsteiger werden ließ. Er fahndete lange nach einer Wohnung, in der er »nur noch den Himmel über sich« hatte. Und als er eines Tages bis zum letzten Stock des noch unbewohnten Wohnturmes im Zentrum Kreuzberg vorgedrungen war und das kleine Häuschen auf dem Dach sah, war klar: Das war sein Platz! Doch als er dem Verwalter von einer Wohnung mit Terrasse im 11. Stock berichtete, schüttelte dieser nur den Kopf. »Es gibt dort keine 11. Etage«. Doch Wiessner bestand so lange auf seinem elften Stock, bis der Verwalter mit hinauffuhr. Oben angekommen traute er seinen Augen nicht. Die Arbeiter hatten das Appartement aus längst ad acta gelegten Plänen tatsächlich noch hochgezogen.

Eigentlich hätte Wiessners zukünftiges Himmelreich also gar nicht gebaut werden sollen, aber da das Haus auf dem Haus nun schon einmal stand, konnten sich die Wiessners über den Dächern Kreuzbergs einrichten. Und weil der Wind in der Höhe viel Staub mit sich brachte, besiedelten sie das flache Nachbardach mit windschützenden Blumenkästen und Rosenstöcken. So wurde Wiessner allmählich zum Gärtner. Doch als die Hausverwaltung sah, was sich über ihren Köpfen abspielte, und eine weitere Expansion der botanischen Umtriebe drohend vor Augen hatte, untersagte sie dem eigensinnigen Mieter die Nutzung des Daches. Mit der Begründung, es sei nicht tragfähig.

Doch ebenso zäh, wie Wiessner einst auf dem 11. Stock bestanden hatte, bestand er nun auf seinem Garten. Er wußte, daß auf dem gesamten Dach des Kreuzberger Zentrums eine Art botanischer Lärmschutz gegen die geplante Hochstraße hatte entstehen sollen, die nie gebaut wurde. Für diesen »grünen Parkwall« hatte man eine 70 Zentimeter dicke Erdschicht über den Dächern der Betonquader vorgesehen. Als ein Gutachter die Tragfähigkeit des Daches bewiesen hatte, verlangte die Verwaltung 250 Mark Miete für den Dachgarten des stets freundlichen Widerständlers. Doch Wiessner griff zum Sorgentelefon der Abendschau. Der Fernsehbericht über den winzigen grünen Fleck im Zementzentrum Kreuzberg verfehlte seine Wirkung nicht. Am nächsten Morgen erhielt die Verwaltung unfreundliche Drohungen aus der Bevölkerung, und am Ende einigte man sich auf 30 Mark Miete.

Fern vom Kotti
Fern vom Kotti Foto: Privat
24 Jahre blieb es dabei. Dann aber erhielt Wiessner, inzwischen Vorsitzender des Mieterrates, von der Hausverwaltung ein Schreiben: »Die Eigentümervertretung und Hausverwaltung des Zentrum Kreuzberg möchte sich auf diesem Weg für Ihre langjährige Hilfsbereitschaft und Unterstützung bedanken. Wir werden Ihnen, als einem der ersten Mieter, der sensibel genug war, in unserer Wohnlage einen grünen Punkt zu setzen, zukünftig die Dachgartenmiete erlassen.« Wiessner hat das Schreiben eingerahmt an der Wand wie eine Siegerurkunde. Wenn er sie betrachtet, lächelt er. Sanft, und ein bißchen verschmitzt. Und genau so ist er, dieser Herr Wiessner. Und geduldig bis zur Hartnäckigkeit.

Heute ist der Widerspenstige in seiner schwarzen Anzughose und dem weißen Hemd einer der letzten vierzig Deutschen, die noch im Zentrum wohnen. Die restlichen 950 Menschen in den Zementwaben unter ihm kommen aus allen möglichen Winkeln der Welt. Wiessner könnte zu seinen Töchtern ziehen, nach Australien oder Brasilien, da blühen die Rosen das ganze Jahr und sind die Yuccapalmen noch wirkliche Bäume. Er könnte sein eigenes Reich haben, Enkel und Urenkel um sich. Aber Wiessner winkt ab. Wiessner besteht auf seinem Zuhause. Er fühlt sich wohl in seinem Dachgarten über den Betonquadern mit ihren verschmierten Aufzügen, dem Spielplatz mit den vollen Abfalleimern, der Moschee und den Cafés, in denen kaum ein deutsches Wort mehr fällt. Und auch, wenn die Welt da unter ihm mit ihren Drogenabhängigen und ihren Straßenschlachten am 1. Mai kein Idyll ist, so trotzt sie doch all jenen Stimmen, die den Kreuzberger Schandfleck aus der Welt schaffen wollen. Und Wiessner trotzt mit.

Unermüdlich, wie ein Bergsteiger beim Aufstieg, geht er den Weg der kleinen Schritte. Kümmert sich um den Spielplatz, leert die Mülleimer, kehrt, bemüht sich um den neuen Anstrich der Fassaden und die Begrünung der Dächer. Er ist zufrieden, wenn er es geschafft hat, daß die klobigen Treppen abgerissen und durch schlanke Stahlkonstruktionen ersetzt werden. Auch wenn er weiß, daß das alles nur Tropfen auf den Zement sind, und daß das Zementmonster noch viel größer ist als der Stein des Sisyphos, dieses ewigen Bergsteigers.

Herr Wiessner steht auf seinem Dach und hat seine Visionen: Von Sonnenkollektoren, die das Haus mit Strom versorgen, von einer zentralen Satellitenanlage gegen den Befall der grauen Schirmpilze, die aus den grauen Balkonen wuchern, oder von einem kleinen, gemütlichen Nordseerestaurant zwischen der Übermacht türkischer Drehspieße. Hier oben, sagt Wiessner, kann man noch Ideen entwickeln, und »dort unten kann man wirklich noch etwas tun«. Deshalb würde Wiessner nie ein politisches Amt annehmen. Angeboten hat man es ihm des öfteren, doch »die Politik ist zu weit weg von den Menschen«.

Die Politik des Herrn Wiessner ist nicht die Politik der großen Worte, sondern die der kleinen Taten. Es ist die der ständigen Opposition ý auch wenn Wiessner mit der Verwaltung an einem Tisch sitzt. Es ist jene unauffällige, unpopuläre Politik des unnachgiebigen, leisen Widerstandes. Horst Wiessner gehört zu jenen Menschen, die mit ständigem, sanftem Druck tatsächlich etwas bewegen. Und er gehört zu jenen, die, wenn sie einmal etwas begonnen haben, es so schnell nicht wieder aufgeben. Den Garten nicht, das Zentrum Kreuzberg nicht, die Druckerei des Vaters nicht. Auch eine Frau mit vier Kindern nicht.

Sie hatten die vom Feuer zerstörten Maschinen auseinandergenommen und wieder zusammengebaut, hatten das billige Abrißpapier der Druckereien aufgekauft und mit Mustern bedruckt, um es als Geschenkpapier zu verkaufen. Zu Fuß, mit dem Leiterwagen, bis Charlottenburg, vorne drauf die beiden Mädchen. Und als es endlich Frühling wurde nach dem langen Winter, als die Leute die Pappkartons aus den Fenstern nahmen und es wieder heller wurde in ihren Wohnungen, sahen die Mädchen die vielen Papierschnipsel in der Druckerei gegenüber. Und weil es keine Plätze zum Spielen gab, und weil der Drucker ein netter Onkel war, kamen Katharinas Kinder zu ihm, um im Papier zu spielen.

Er sei verrückt, sagten seine Freunde, sich mit einer Frau einzulassen, die den Mann im Krieg verloren hatte und die mit vier Kindern und ein paar Koffern an der Hand aus Schlesien geflüchtet war. Doch einige Jahre später, als eines der Mädchen weinend von der Schule kam, weil sie einen Aufsatz über ihren Vater schreiben sollte, wo sie doch »nur diesen Onkel« hatte, entschloß er sich zur Heirat. Schon am nächsten Tag knallten die Sektkorken, und das Mädchen stürmte freudestrahlend in den Hof und rief die frohe Nachricht in alle Himmelsrichtungen hinaus. Das war dann 1953.

Aber irgendwann, viel früher, in der Druckerei, nach diesem kalten Winter 46, war die junge Frau aus Schlesien auf ihren zukünftigen Mann zugetreten und hatte sagte: »Deine Haare sind entschieden zu lang!« Katharina Wiessner nahm die große Papierschere von der Werkbank. Sie ließen nie wieder eine fremde Friseuse an sein Haar. 50 Jahre lang. Und dann, nach diesen fünfzig langen Jahren, als Horst Wiessner an ihrem Bett stand und allmählich Abschied nehmen mußte von seiner Frau, da lächelte sie noch einmal und sagte: »Ach, weißt du: Jetzt kannst du doch wenigstens wieder zum Friseur gehen!«

Horst Wiessner ist nie wieder zum Friseur gegangen. Der 80jährige trägt seine Haare zu einem kleinen, silbernen Schweif zusammengebunden.

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