Kreuzberger Chronik
November 2002 - Ausgabe 42

Die Literatur

Katharina Wiessner: Sind Se ooch alleene?


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von Katharina Wiessner

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Neben einem Zeitungskeller in der Adalbertstraße hängt ein verglaster Zettelkasten. Ich studiere die handschriftlich gemachten Angebote.

Eine Frau stellt sich neben mich. An ihrem hellen Wollmantel schließt von vier Knöpfen nur der eine unter dem fülligen Busen. Die Frau stellt sich auf flachen Schuhen, in denen geschwollene Füße stecken, neben mir zurecht und nimmt die Annoncen zum Anlass, mich anzusprechen: »Wat die Leute so allet tauschen wolln …«, sagt sie mit rasselndem Atem, und dunkle traurige Basedowaugen sehen mich an. Ihr Gesicht ist verquollen, so, als habe sie eben erst geweint. Die schwarzumrandeten Lider, die Wimperntusche, das Wangenrouge, der hellrote Lippenstift – alles wirkt, als sei es beim Trocknen der Tränen verwischt worden. Das gebleichte Haar hängt in borstigen Strähnen unter einem turbanähnlich um den Kopf gewundenen schwarzen Schal hervor. Der alte Hund, den sie an der Leine hält, ist von unbestimmbarer Rasse.

Seinem Schicksal ergeben, hat er sich bereits gesetzt, hechelt kurzatmig vor sich hin und schnappt ab und an nach seiner heraushängenden Zunge. Auf groteske Weise sehen Frau und Hund einander ähnlich: der dunkle Blick, die Unförmigkeit der Körper, der kurze Hals, die schiefe Kopfhaltung. Und schon klagt sie, dass sie Witwe sei und allein lebe – nur mit dem Hund. Als ich mich bewege, befürchtet sie wohl, ich könne gehen, und setzt hastig zu neuen weinerlichen Tiraden an.

»Ach, wissen Se, ick bin ja sonst janich so nervös«, entschuldigt sie sich, »aber ick hab Angst, Se loofen mir jetz’ wech, und ick hab doch noch so ville druff. Wissen Se, ick war neulich ma’ mit een’ tanzen, sone Postbank-Bekanntschaft. Jetz’, mit 65 hat der erst ma’ anjefang’ Knigges Umjang mit Menschen zu lesen. Aber ick sare Ihn’, wie sich det anheert, wenn der Hochdeutsch spricht … – Da sar ick zu den in Tanzsaal: Nu steh’ doch ma’ uff und fordre eene Dame uff, damit man sieht, det wir quasi als Bruda und Schwesta herjekomm’ sind, und dann fordat mir vielleicht ooch eener uff! Nee, da sitzta da mit sein’ Trauring uff’n Finger und zeicht den ooch noch so rum … – Und denn jehta uff de Toilette! So! Nu hat mir natierlich keener uffjefordert. Denn heeßta ooch noch Erich Eiroch! Man traut sich janich, den bei andre Bekannte vorzustelln – mit son Nam’ wie verfaulte Eier … – Nich, det ick ieberheblich bin, so meen ick det nich. Ick bild mir ooch nischt jroß ein, aber ick war ma’ Jeschäftsfrau, hatte ma’n Fischjeschäft hier inne Nähe, da hat man doch `ne janz andre Bildung!

Wissen Se, ick hare jetz’ ne Freundin, ne janz nette, die hat Jeld, ne hohe Rente, ville mehr als icke. Aber ick lass mir nich von die einladn. Ick will mir nich dauernd vaflichtet fieln. Und wenn wa uns ooch im Jahr bloß eenma sehn, denn wird’ ick imma freundlich saren: Na, Elseken, da biste ja! Nich, det die jede Woche komm’ muß oder umjekehrt! Kommt se, freu ick mir, kommt se nich, isset ooch jut.

Wissen Se, ick mechte ma’ raus, ma’ so scheen ausjehn, nich jrade Sause, aba wirklich so richtig nett. Ick hab’ ma jrade soon schicket Kleed jemacht, det mecht ick ma’ ausfiern und nich bloß imma in’ Schrank einschließn. Aba ick kenn ja keen’. Fernsehn is det Eenzichste. Ick hab ja ooch den Hund, der is jetz’ dreizehn, ick kann mir wejen den nich riehrn. Und Elseken? Mit der kann ick bloß janz vorsichtich, wissen Se? Die kann ja ooch nich mehr allet essen, …

Wissen Se, ick bin Wassermann, heute froh, morjen tieftraurich, deshalb muß ick raus. Ick hab’ ne scheene Wohnung, allet neujemacht nach’n Tod von meen Mann, Jardinen, allet neu. Aba ma fällt die Decke uff’n Kopp. Wissen Se, ’ne Schreibmaschine hab ick mir jetz jekooft. Wenn ick so meene Stimmung’n hab, kann ick richtich schreibm, det haut mir wech wie son Besen. Aba sonst hab ick ’ne scheene Handschrift. Ach, sind Se mir nich beese, det ick Ihn’ uffhalte. Aba mal muss ick mir ausredn kenn’.

Sind Se ooch alleene?« (…)

(Entnommen aus: Katharina Wiessner, »Kreuzberger Notizen«, Berlin, Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs e.V., 2002. Erhältlich im Kreuzberg Museum) <br>

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