Kreuzberger Chronik
November 2002 - Ausgabe 42

Die Geschäfte

Broken English


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von Michael Hughes
Fotos: Michael Hughes


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Einer jüngeren Umfrage zufolge setzen etwa 75% der Engländer, die ihre Heimat verlassen haben, Marmite an die erste Stelle derjenigen Dinge, die sie vom Leben in England am meisten vermissen. Nicht etwa fish and chips. Nicht die Cocktailwurst, gefüllt mit Brot und Knorpeln. Auch nicht die Sandwiches aus einem Weißbrot, das nur wenige Stunden frisch bleibt und dann rasant in zahnbrecherische Totenstarre verfällt. Nein, es ist Marmite. Im Grunde nichts anderes als Hefe, konzentriert, schwarz, Extremsport für die Geschmacksknospen. Und da ist es schon: das kraftvolle gelbe Etikett auf dem charakteristisch geformten Glasgefäß! Marmite. Rein in den Korb.

Das letzte leere Glas Marmite ist nicht der einzige Grund für den Besuch in der Körtestraße. Es warten noch andere Leckerbissen auf die englischen Nostalgiker. Die Kunden im Laden lassen die Blicke über die Regale schweifen, und schon brechen die Erinnerungen über sie herein. Zum Beispiel bei diesen Verdauungskeksen mit Schokolade. Dunkler, bitterer Schokolade, die sich in der reizvollsten Weise mit der salzigen, buttrigen Trockenheit der Kekse verbindet. Erinnerungen an einen Samstagmorgen: ins Bett zwischen Mutter und Vater gehopst, nur zwei Kekse waren genehmigt, denn sonst hätte es einem das Frühstück verdorben. Ab in den Korb.

Oder Walkers Kartoffelchips. Sie wurden erst bekannt, als ich England längst verlassen hatte. Aus dem Norden kommend verbreiteten sie sich in den Pubs, dicht auf den Fersen der großen Brauereien. Sie füllen den Hohlraum eines Verlangens, das während meiner Jugend von den Smith-Chips in mir erzeugt wurde. In deren Beuteln war ein Tütchen aus blauem Wachspapier, gefüllt mit einem leicht klebrigen Salz, das man öffnete, in die Tüte rieseln ließ und schüttelte. Ein Geschmack von Brathähnchen, Käse und Zwiebeln, Räucherspeck. Zerkrümelt waren sie gut auf Brot mit Margarine. Ab in den Korb damit.

Tizer – eine Art Ingwer-Softdrink, der kranken Kindern angeblich ungeahnte Genesungskräfte verlieh. Oder war das vielleicht doch Lucozade? Manchmal verlieren die Erinnerungen ihre Ankerplätze und suchen sich neue. Als wollten sie nicht verlorengehen in der steigenden Flut der Vergangenheit, aus der die menschliche Existenz im Broken English besteht. Das Orange des Tizer-Etiketts ist auf das knallige Gelb von Lucozade gestoßen, und in heimlichem Einverständnis verschmolzen die beiden zu einer orangegelben Sonnenschein-Packung, die stets auf dem weißen Tisch neben dem Krankenbett stand, neben dem weißen Fisch auf einem weißen Teller mit Kartoffelbrei und grellgrünen Erbsen, übergossen mit Milch und Buttersauce. Erinnerungen! Ab in den Korb damit.

Broken English
Oder Heinz Baked Beans! Weiße Bohnen in Tomatensauce – ein Arme-Leute-Essen, äußerst schmackhaft auf Toast mit Speck. Jeder halbwegs kultivierte Mensch denkt bei ihrem Anblick an das Backbohnen-Essen in Blazing Saddles (Brennende Sättel) von Mel Brooks, und an das dissonante Gefurze der Cowboys. Und da endlich sind auch sie wieder – die eingelegten Zwiebeln! Untergetaucht im braunen Essig, lockend wie der Gesang der Sirenen. Schlagartig überfallen den Betrachter die Erinnerungen an den Biß in die kleinen scharfen Zwiebeln nach dem Versuch, sie im Glas mit der Gabel aufzuspießen. Beim Warten auf den kalten Aufschnitt des Sonntagsmahles, Neuseeland-Lamm in Minz-Sauce, mit Erbsen und Bratkartoffeln. Oder später beim Tee, kombiniert mit Brot und Butter. Das einzig Unangenehme daran war, daß sich ein kleiner, kalter und essig-saurer See bildete, wenn man die Zwiebel nicht ausreichend über dem Glas abtropfen ließ, bevor man sie auf den Teller packte. Darin saugte sich das Brot voll, bis nur noch die dicke Schicht Butter das Sandwich zusammenhielt.

Broken English
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All diese Katalysatoren der Erinnerungen gibt es in der Körtestraße. Im Kaufhaus der Erinnerungen. Produkte, die im täglichen englischen Leben immer dabei waren. Dinge, die es schon gab, bevor man geboren wurde, und solche, die erst später dazu kamen. Doch alle verbindet die Unsterblichkeit. Bonbons, die es seit Anbeginn aller Zeiten gibt, obwohl ihre bösartige Süße sie schon längst zur Vergessenheit verdammt haben müßte. Ein Sorbett-Getränk mit Lakritze-Strohhalm, der beim Einsaugen sofort verstopfte. Reispudding aus der Dose, Birds Vanillepudding, Sirup …, alles Dinge, die man niemals kaufen würde. Doch ihre Verpackung ist beschwörend, der Klang ihrer Namen so bezaubernd, daß kein Engländer jemals an ihnen vorübergehen könnte, ohne daß eine Flut von Erinnerungen ihn überfiele. Und deshalb in den Korb damit.

Broken English ist eine Art Geschmacksmuseum, und jeder Engländer ist Dale Carr für die Einrichtung dieser Institution dankbar. Dale Carr arbeitete zuerst als Putzfrau für die Armee, reiste dann ausgiebig durch den Fernen Osten und folgte 1979 einem Freund nach Berlin. Sie blieb in der geteilten Stadt, während der Freund nach Salt Lake City weiterzog. Dale Carr hat sich nicht bewußt für Berlin entschieden. Dennoch eröffnete sie ein Geschäft und nannte es Broken English. Der Name sollte ihr zwiespältiges Verhältnis zur Heimat widerspiegeln. Denn einerseits vermißte sie die alten Freunde, und auch Marmite war nur selten zu finden in der neuen Stadt. Andererseits gefiel ihr Berlin, und sie hat es nicht bereut, aus »Little England« fortgegangen zu sein. Erst recht nicht, seit sie ihr Kaufhaus der Erinnerungen eröffnet und ein kleines Stück England in die Körtestraße importiert hat. <br>

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