Kreuzberger Chronik
März 2002 - Ausgabe 35

Der Kommentar

Betrifft: Park oder Tiergehege?


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von Hans W. Korfmann

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Er gehört zu den schönsten Berlins: Der am Hang des Kreuzbergs gelegene Viktoriapark mit seinem Blick über die Stadt, der Wolfsschlucht und dem Mikroklima des Wasserfalls, in dessen Nähe es auch an heißen Tagen angenehm kühl bleibt. Als der Gartenarchitekt Mächtig vor 115 Jahren den Volksgarten entwarf, schuf er am Fuß des Wasserfalls ein kleines Areal mit den Volieren. Bis heute hat sich dieser Entwurf bewährt. Der Kakadu fühlt sich wohl am schattigen Ort unter den hohen Bäumen, der Beo kreischt exotisch, Gänse watscheln durchs Gras, und im Sommer stehen vor den rostigen Gittern so viele Menschen wie sonst nur vor der Eisdiele. Dennoch sollen Käfige und Tiere jetzt verschwinden.

Das ist bedenklich. Denn wenn die Zahl der Besucher des Tiergeheges am Viktoriapark Gradmesser seiner Beliebtheit ist, wenn diese Beliebtheit in der Bevölkerung ein Ausdruck des Bürgerwillens – und damit ein Votum für den Erhalt dieser kleinen Anlage – ist, dann erscheint der Entschluß, die Volieren abzureißen und die Tiere auszuquartieren, undemokratisch. Dann ginge dieser Entschluß über die Meinung des Volkes hinweg.

Was dumm wäre. Denn es ist ja nicht so, daß die Bürgerinnen und Bürger Kreuzbergs oder Berlins kein Verständnis für Sparmaßnahmen hätten, wie die Damen und Herren Politiker es so gerne suggerieren. Im Gegenteil: Unter den durch Arbeitslosigkeit geprägten Kreuzbergern wurde doch die Kunst des Sparens geradezu kultiviert. Sie haben Sinn und Gespür dafür entwickelt, was entbehrlich und was unentbehrlich ist. Sie sind unmittelbar betroffen, sehen Probleme aus nächster Nähe und häufig klarer als Beamte und Verordnete. Doch die kollektive Leidenschaftslosigkeit der Regierenden den Protesten der Bürger gegenüber, das ewige Rezitieren des Sprüchleins vom Sparen, das fatalistische Schulterzucken vor den Mikrophonen zeigt deutlich, was man in den Verordneten- und Abgeordnetensesseln von des Volkes Meinung hält: Nichts.

Man braucht allerdings kein Psychologe zu sein, um Bezirksverordnete und Stadträte zu verstehen, die seit Jahren in Kreuzberg arbeiten und noch nie irgendetwas auf die Wege bringen konnten, ohne daß sich Widerstand regte, ohne daß Bürger Unterschriften sammelten und eines Baumes oder Hamsters zuliebe mit Plakaten durch die Straßen liefen. Das macht Politikern das Leben ungebührend schwer und dient dem Fortschritt nicht. Es bleibt aber unverständlich, wenn die Verantwortlichen in den Bezirksrathäusern sich dem Druck durch den Senat derart beugen, bis sie sich gänzlich in papierne Berechnungen verirrt und den Blickkontakt zur Realität ihres Bezirks verloren haben. Denn die Bezirksverordneten sind keineswegs die Handlanger des Senats. Sie sind die gewählten Vertreter der Bürger ihres Bezirkes, deren Interessen sie wahrzunehmen haben.

Deshalb sollten die Vertreter noch einmal darüber nachdenken, ob der Abriß der Volieren im Viktoriapark angesichts der Beliebtheit von Kakadu und Waschbär vertretbar ist. Schließlich versucht man im Rathaus, an der richtigen Stelle zu sparen. Dort, wo es dem Bürger am wenigsten schadet. Und schließlich gibt es noch Alternativen. Das Opfer des Tiergeheges ist kein notwendiges: noch immer können die Verordneten zwischen dem Erhalt einer »Tierpflegerstelle« und einer von insgesamt fünf Gärtnerstellen entscheiden. Vergleicht man die Besucherzahlen auf den Bänken im liebevoll gehegten Rosenbeet mit jenen vor den rostigen Gittern des Tiergeheges, braucht man kein Mathematiker zu sein, um die richtige demokratische Entscheidung zu treffen.

Es stimmt, daß es auch im Park an Gärtnern fehlt, und daß Kreuzberger sich über seinen Zustand beschweren. Doch selbst, wenn zwanzig zusätzliche Gärtner sich um die Pflege von Beeten und Wegen kümmern würden – die ewigen Nörgler stürben deshalb nicht aus. Deshalb erhalten wir diese eine Stelle doch besser dort, wo man es auch bemerkt. <br>

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