Kreuzberger Chronik
März 2002 - Ausgabe 35

Reportagen, Gespräche, Interviews

Ausschuß für Verkehr und Umwelt


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von Hans W. Korfmann

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Zuerst einmal ist da der Vorsitzende. Er hat rote Backen. Er sitzt an einer der vier Ecken des langen Tisches im Raum 163 des ehemaligen Rathauses von Kreuzberg. Wahrscheinlich war er noch nie Vorsitzender einer Versammlung. Er eröffnet die Sitzung und liest die Tagespunkte vom Papier ab.

Ihm schräg gegenüber sitzt etwas blaß von den vielen Bürostunden der ehemalige Bürgermeister und jetzige Baustadtrat Dr. Schulz. Er spricht ruhig und leise, was seinen Worten etwas Würdevolles verleiht. Zudem führt die reduzierte Lautstärke zu einer andächtigen Stille im Saal, die selbst professionelle Zwischenrufer zur Pietät gemahnen. Herr Dr. Schulz hat am 15. Januar ein Sparkonzept vorgelegt, demzufolge der Tierbestand des Viktoriaparks auf einige Ziegen reduziert werden soll. Unterstützt wird Dr. Schulz von den Kreuzberger Bezirksverordneten, die dem Ausschuß für Verkehr und Umwelt und verschiedenen Parteien angehören. Sie bilden an diesem Abend und in dieser Frage eine harmonische Einheit.

Die Kreuzberger Bürger bilden die Opposition. Sie werden vertreten von einigen Abgeordneten des Volkes, darunter Frau Camphausen, die bereits im Berliner Tagesspiegel von sich und der Ausquartierung der Tiere reden machte und einen Förderverein zur Erhaltung des »Kleinzoos« gründen möchte. Von Brunhild Enkemann, die zur Rettung der Tiere eine Kooperation mit den Kreuzberger Schulen und die Übernahme von Patenschaften vorschlägt. Von einer jungen Frau, die mit dem Kind auf dem Schoß in der Ecke sitzt. Von drei männlichen Bürgern und von Herrn Mangold, seines Zeichens Diplombiologe und wichtigster Sprecher der Kreuzberger Volksvertreter.

Der Mann mit den roten Bäckchen (PDS) weist darauf hin, daß am heutigen Abend einige »Gäste« anwesend seien, weshalb er darum bittet, den ursprünglichen Punkt 9 der Tagesordnung gleich zu Anfang zu verhandeln, um den Gästen einen langen Abend und den Gastgebern die ständige Anwesenheit der Volksvertreter zu ersparen. Der Antrag wird kopfnickend angenommen.

Zuerst erhält der Baustadtrat Dr. Schulz das Wort. »Es ist unbestritten, daß das Tiergehege eine besondere Attraktivität für die Bevölkerung darstellt. Andererseits ist es eine Tatsache, daß es dem Bezirk aufgrund der ihm auferlegten Sparmaßnahmen nicht mehr möglich ist, dieses Tiergehege weiterhin zu finanzieren.« Dr. Schulz spricht damit aus, was später alle Vertreter des Ausschusses noch einmal aus- und nachsprechen werden: ihr Verständnis für das Anliegen der Bürger und ihr Bedauern über die notwendige Reduzierung des Tierbestandes.

Baustadtrat Schulz möchte »zur gemeinsamen Verständigung« und zur Ergänzung der Sparvorlage noch einige Aspekte und Eckdaten nennen. Während er nun mit akribischer Genauigkeit und trockener Stimme etwa vier Minuten lang die Anzahl der Tiere im Viktoriapark addiert – »12 Ziegen (die sollen auch dort bleiben), ein Waschbär, der an Krebs erkrankt ist (auch der darf bleiben), 16 Kaninchen, 8 Meerschweinchen, 12 Hühner, 2 Fasane, 3 Perlhühner, 2 Gänse, 12 Hamster, 1 Kakadu, 1 Beo …« –, bis endlich auch der letzte Verordnete eine Kreuzberger Arche Noah vor Augen sieht und den trockenen Humor des Dr. Schulz mit einem breiten Grinsen quittiert, hören die Volksvertreter mit offenen Mündern und gut gespitzten Ohren zu. Kaum ist die Bevölkerung des Tiergeheges vollzählig, ertönt ein gellender Aufschrei aus der männlichen Fraktion der Kreuzberger Tierschützer: »Sie haben die Gänse vergessen! Von denen, wie ja der Zeitung zu entnehmen war, eine bereits zu Weihnachten verspeist wurde!« Herr Dr. Schulz taxiert mit einem kurzen Blick den hervorpreschenden Gegner und diagnostiziert blitzschnell: ein harmloser Fanatiker. »Nein, die Gänse wurden erwähnt«, sagt einer der Verordneten.

Der Vorsitzende mit den roten Bäckchen weist den Zwischenrufer darauf hin, daß es eine Gesprächsordnung gebe. Dr. Schulz dankt dem Vorsitzenden mit einem kurzen Nicken und fährt mit Additionen fort: Er zählt nun sämtliche Kinderbauernhöfe und Tiergehege des Bezirks zusammen, bis Kreuzberg nicht mehr mitten in Berlin, sondern irgendwo in der tierreichen Serengeti zu liegen scheint. Allein der Bestand an Pferden und Schafen ist erstaunlich, Kreuzberg schießt da weit über den Berliner Durchschnitt hinaus. Damit, so das Fazit, relativiert sich die Notwendigkeit eines Tiergeheges im Viktoriapark erheblich. Zum Schluß beziffert Dr. Schulz die durch den kleinen Zoo anfallenden Kosten auf 70 000 Euro jährlich, wovon der größte Teil auf die Personalkosten entfalle, nämlich annähernd 65 000 Euro.

»Also«, wirft da Frau Brunhild Enkemann von der Opposition ein, »da müßte der Tierpfleger nach meinen Berechnungen ja ein stattliches Gehalt beziehen!« Dr. Schulz listet nun eine ganze Reihe von Personen auf, die mit den Tieren zu tun haben. Da sei nicht nur der sogenannte Tierpfleger, der eigentlich eine »einfache Gartenfacharbeiterin sei, denn bereits seit 1994 ist dem Viktoriapark keine Tierpflegerstelle mehr zugestanden worden«, sondern auch dessen Wochenendvertretung, – »Tiere kennen kein Wochenende«. Darüber hinaus sei da der Fahrer, der Futter und Sägespäne herbeischaffe. Auch einige Verwaltungs- und Bürokräfte dürften hin und wieder mit dem Gehege beschäftigt sein. Damit hat der Baustadtrat klargestellt: Die Kosten zur Haltung des Tiergeheges sind immens, die Ersparnis wäre gewaltig, und die freiwerdende Vollzeitstelle käme wieder dem Park zugute, »wo wir sie auch bitter benötigen. Denn wir haben doch permanente Beschwerden der Bürgerinnen und Bürger über den Zustand der Parkanlagen.«

Da ergreift der erste Zwischenrufer wieder das Wort: »Ich frag’ mich, warum man das nicht mit den ABM-Kräften macht. Da springen so viele ABM-Kräfte herum …« – Der Mann mit den roten Backen sagt: »Würden Sie sich bitte an die Redeordnung halten.«

Die Redeordnung sieht als nächsten den Diplombiologen vor. »Guten Tag, meine sehr geehrten Damen und Herren. Mein Name ist Mike Mangold, ich setze mich für die Erhaltung des Tiergeheges in Kreuzberg ein.« Der Biologe mit dem botanischen Namen spricht von 600 Unterschriften, die innerhalb kürzester Zeit gesammelt worden seien und die Solidarität der Kreuzberger mit Kakadu, Beo, Fasan und Waschbär ausdrückten. Es gehe darum, eine Lösung zur Erhaltung eines Naherholungsgebietes zu finden, zu dem auch die Tiere beitrügen. »Um eine langfristige Finanzierung des Geheges zu gewährleisten, schlagen wir vor, einen Förderverein zu gründen. Auch die Verschönerung des Geheges wäre mit Unterstützung der Bevölkerung möglich, die Käfige zum Beispiel könnten einen neuen Anstrich erhalten.«

»Mama«, flüstert das Kind in der Ecke, »Mama …«
»Man könnte doch einen Kinderbauernhof daraus machen!«, sagt die Mama.
»Wir haben momentan den größten Schließungsdruck auf die Kinderbauernhöfe, weil dort die Zuschüsse nicht mehr geleistet werden können«, sagt Dr. Schulz.

»Dann müssen wir sehen, wie wir das trotzdem erhalten können. Das ist wichtig«, ruft einer der männlichen Volksvertreter. Der Vorsitzende wirft einen strafenden Blick auf den Zwischenredner, seine Backen schalten auf dunkelrot.

Nun erhält Brunhild Enkemann das Wort und liest aus einem Briefentwurf, in dem sie sich an die Schulleiter wendet und sie um Kooperation bittet: »Ich stelle mir vor und wünsche mir, daß der Erhalt und die Pflege der Tiere im Rahmen eines Schulprojektes, eventuell mit Elternbeteiligung, gesichert werden könnte. Das würde dem Bezirksamt zunächst Personalkosten ersparen. Auch könnten neben dem positiven Kontakt zur Natur, dem Gefühlskontakt zu Tieren, pädagogische Ziele verfolgt werden …«

Dr. Schulz allerdings hat einen Trumpf im Ärmel, von dem Frau Enkemann nichts ahnt. Da ihm nämlich die Parteigenossin Enkemann bereits zuvor von ihrer Idee berichtet hatte, zögerte Dr. Schulz nicht lange, sich schon einmal bei den Direktoren der Charlotte Salomon- und der Glasbrennerschule nach deren Einschätzung eines solchen Projektes zu erkundigen. »Die Direktoren«, referiert der Baustadtrat, »halten das auch grundsätzlich für ein sinnvolles Projekt und haben ihre Unterstützung zugesagt. Allerdings nur unter der Voraussetzung eines Personalsockels, der durch das Bezirksamt gestellt wird.«

Zooschule
»Die Direktoren halten das auch grundsätzlich für ein sinnvolles Projekt ...« Zeichnung: Nikolaos Topp

Das aber kann das Bezirksamt nicht leisten. »Ohne Moos nichts los«, murmelt einer der Bezirksverordneten, die nun endlich das Wort erhalten und reihum erklären, was bereits ihr Vorredner Schulz erklärt hat: Wie wichtig ihnen der Erhalt des Tiergeheges sei, daß aber eine Finan-zierung durch das Bezirksamt nicht in Frage komme. Sie haben die einzelnen Vorschläge der Bürgerinnen und Bürger mit einer Mischung aus freundlichem Wohlwollen und grundlegendem Zweifel aufgenommen. Am deutlichsten äußern sie ihre Kritik an den optimistischen Vorstellungen einer Tier- und Gehegepflege durch Schülerinnen und Schüler. Man solle sich nur einmal die Schulhöfe anschauen. »Und was nun die Idee der Gründung eines Fördervereins angeht, so wissen wir doch alle, daß man glücklich sein kann, wenn von den 600 Tiergehegeverteidigern, die unterschrieben haben, jeder 10. bereit ist, eine Mark dafür zu geben. Dennoch denke ich, daß es gut wäre, wenn wir trotz der finanziellen Schwierigkeiten, die Herr Dr. Schulz zu Recht erwähnt hat, diesen Förderverein zur Rettung des Geheges gründen. Bis der aber finanziell soweit ausgestattet ist, um seine Aufgabe wahrzunehmen, müßten wir zuerst einmal eine Übergangslösung finden. Das wird hier und heute aber nicht möglich sein.« Ein Bezirksverordneter vom andern Ende des Tisches ergänzt, daß eine endgültige Entscheidung an diesem Abend auch gar nicht nötig sei. Schließlich heiße es im vorletzten Absatz des Schreibens, daß die »Reduzierung des Tierbestandes im Laufe des Jahres 2002 stattfindet.«

Da aber widerspricht der Baustadtrat. Es sei nämlich vereinbart, daß schon im Frühjahr eine Stelle eingespart werden müsse. »Sobald die Saison beginnt. Und damit Ende der Durchsage.« Für die Tiere sei bereits eine Unterkunft gefunden, die Umquartierung könne morgen stattfinden. Und auch, als einer der Bezirksverordneten vorschlägt, weitere konstruktive Gespräche mit den Volks- und Tiervertretern über die Entwicklung einer Alternative zu führen, gebietet Dr. Schulz Einhalt. Das Bezirksamt sei zwar bereit, einen Raum zur Gründung des Fördervereins zur Verfügung zu stellen, bzw. Ideen zur alternativen Finanzierung des Tiergeheges zu unterstützen, aber zusätzliche Sitzungen des Ausschusses könne es zu diesem Thema bis zum 9. April nicht geben. Dann allerdings müsse die BVV-Sitzung über die Vorschläge der Bürger abstimmen.

Damit war Punkt 9 der Tagesordnung abgehandelt. Und während die Volksvertreter draußen auf dem Gang ihre Zigarette rauchten, wurde allmählich klar, daß sie am 9. April ein perfektes Konzept zur Erhaltung, und damit zur Finanzierung des Tiergeheges im Viktoriapark vorlegen müßten. Eigentlich, daß sie innerhalb von wenigen Wochen Geld auftreiben mußten. Nach Schulzens Rechnung 70.000 Euro. <br>

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