Kreuzberger Chronik
März 2002 - Ausgabe 35

Die Geschichte

Jugendnoteinsatz in Kreuzberg


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von Annemarie Nagel

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Der Krieg war endlich vorüber, aber noch immer roch die Stadt nach Schutt und Asche, und noch immer herrschte eine Art Frontstadtatmosphäre in Berlin, die Narben des Krieges an den Wänden der Häuser würden noch lange nicht verheilen. Berge von Schutt stellten sich einem wirtschaftlichen Neubeginn in den Weg, 22 Jahre lang fuhren Lastkraftwagen kolonnenweise den Kriegsschutt aus der Stadt. Dennoch erlebte Deutschland, und damit auch Berlin, schon wenige Jahrzehnte später sein Wirtschaftswunder, die Probleme schienen für immer bewältigt. Doch eines von ihnen scheint uns heute wieder einzuholen, trotz boomender Wirtschaft und Fall der Mauer, trotz Globalisierung und Geburtenrückgang: Arbeitslosigkeit und fehlende Ausbildungsplätze. Noch nie, außer in den Nachkriegsjahren, war die Orientierungslosigkeit unter Schulabgängern so groß, und waren ihre Perspektiven so wenige wie heute.

Der Magistrat im Nachkriegs-Berlin allerdings sah, welche Gefahr darin lag, wenn 147240 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz waren. Schon im Herbst 1945, unmittelbar nach Kriegsende, rief er deshalb den »Jugendnoteinsatz« ins Leben. Auch in Kreuzberg wurden Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren durch einen Anschlag in Häusern und auf Straßen aufgefordert, sich bei zuständigen Stellen zu melden. Und um jene, die sich nicht meldeten, davor zu bewahren, durch die zwielichtigen Schlupfwinkel der Kreuzberger Ruinen in den Untergrund abzuwandern, wurden die Jugendlichen sogar durch Kontrollen erfaßt und dem Jugendnoteinsatz zugeführt. Ganz freiwillig war die Angelegenheit also nicht, und vollkommen selbstlos hatte auch der Magistrat nicht gehandelt.

Doch so gab es Arbeit für alle im zerstörten Berlin, auch für die Jugendlichen: Gartenanlagen waren zu pflegen, Spielplätze wieder herzurichten, im Sommer Zeltlager aufzubauen oder Hilfe in Heimen und Kindergärten zu leisten. Der Lohn betrug 25 bis 40 Pfennige die Stunde, aber die Kriegskinder »waren von der Straße«.

Irgendwann waren die ersten Aufräumarbeiten abgeschlossen, auch sollte die »Zwangsarbeit« kein Dauerzustand werden. Deshalb stellte das Jugendamt von Kreuzberg 1949 entlang der Urbanstraße Holzbaracken auf, um darin Metall- und Elektrowerkstätten, eine Buchbinderei, sowie Strick- und Bastelstuben einzurichten. Sogar das Maurerhandwerk konnte man kennenlernen, und nie hatte man so viele Maurer gebraucht in der Stadt wie jetzt! Zwei Jahre später zogen die Werkstätten von der Urbanstraße in die Hinterhöfe zwischen Wrangel- und Adalbert-, sowie in die Oranien- und die Skalitzer Straße, wo Interessierte unter Anweisung pädagogisch und fachlich ausgebildeter Kräfte ein Handwerk erlernen und arbeiten konnten. Doch trotz qualifizierter Ausbilder und jahrelanger Praxis konnten sie am Ende keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen: Die Handwerkerinnungen und die Gewerkschaften hatten Einspruch erhoben.

So arbeiteten sie, ein bißchen für sich und ein bißchen für die Allgemeinheit. Sie mauerten, banden Bücher, bauten Schränke und Regale für Heime oder Kindergärten oder andere öffentliche Einrichtungen. In der »Bootswerkstatt« zimmerte man ein Motorboot zusammen und taufte es auf den Namen »Knautschke« – nach dem gleichnamigen Nilpferd im Zoo. Knautschke pendelte später zwischen der Jugendfreizeitstätte Konradshöhe und dem Großen Wall.
Atelier
Foto: Wolfgang Wigands
Die Mädchen in den Strick- und Nähstuben konnten nicht nur ihre eigene Garderobe schneidern, sondern auch Gardinen für die schmucklosen Bürostuben in den Kreuzberger Ämtern. Auch in der Töpferwerkstatt am Mariannenplatz sorgte man sich um die Atmosphäre in den Schreibstuben. Die Vasen, Aschenbecher oder Heizungsverdunster aus der Produktion des Jugendnoteinsatzes waren in Heimen und Büros sehr gefragt. Und wenn ein Beamter von einem Mosaik in seinem Metalltisch träumte, fand sich bestimmt ein Bastler am Mariannenplatz, der es am Ende mit mehr Liebe und Geduld zusammenpuzzelte, als es ein professioneller und unbezahlbarer Spezialist je hätte machen können.

Im Haus am Mariannenplatz herrschte eine ganz besondere Atmosphäre, denn es lag an der Grenze zum Ostsektor und reichte wie ein letzter, eingezäunter Vorposten in das östliche Territorium hinein. Das zweistöckige alte Hofgebäude war von wuchernden Büschen und Gräsern umwachsen, die Werkstatt lag im Obergeschoß, während unten ein älterer Tischlermeister residierte, der ständig von seiner Zeit als Berliner Eislaufmeister erzählte. Als am 17. Juni 1953 einige aufständige Hennigsdorfer Arbeiter über den Grenzübergang am Mariannenplatz in den Westen marschierten, begrüßte die Belegschaft vom Jugendnoteinsatz die desertierten Arbeiter im Jugendhaus am Böcklerpark mit Kaffee und Stullen. Noch am selben Tag wurde der Grenzübergang von der Volkspolizei mit Hunden besetzt, und der Tischlermeister kommentierte das Ereignis mit der wenig optimistischen Prognose: »Dann ist meine Zeit hier sicher auch bald abgelaufen.«

Umzug
Foto: Wolfgang Wigands
Die Erlebnisse am Rand der Weststadt, die soziale Mischung rund um den Mariannenplatz und das gemeinsame Arbeiten auf engem Raum schmiedete die Arbeitsgemeinschaft der Töpferwerkstatt zusammen. Das alles trug wesentlich dazu dabei, die Probleme der Nachkriegsjahre zu bewältigen, in denen die Mütter mit der Sorge um den Unterhalt und die Erziehung ihrer Kinder häufig allein geblieben waren. Hinzu kamen die schwierigen Wohnverhältnisse im zerstörten Berlin. In einer engen Wohnung auf dem Hinterhof in der Naunynstraße wuchs man anders auf als in den bürgerlichen Altbauzimmern der Manteuffelstraße oder am Tempelhofer Ufer. Beim Jugendnoteinsatz aber machte das alles keinen Unterschied. Die Jugendlichen hatten in den Werkstätten eine Bleibe gefunden.

Als das Kreuzberger Stadtfest geplant wurde und die Werkstatt auf Anregung des damaligen Bezirksbürgermeisters Willy Kreßmann riesige Pappmaché-Köpfe für den Umzug fabrizieren sollte, waren sie mit Begeisterung bei der Sache. Die Idee zu diesen Figuren hatte der Bürgermeister aus Amerika mitgebracht und war den Kreuzbergern neu. Die Tischlerwerkstatt baute die Holzgestelle, die Nähstube lieferte die Hosen und Röcke, und die Tonwerkstatt modellierte die überdimensionalen Köpfe, die 1953 erstmals durch Kreuzbergs Straßen zogen.

Trotzdem – 1956 war es soweit: der Jugendnoteinsatz hatte seine Berechtigung verloren. Immer mehr Jugendliche konnten in Ausbildungsplätze vermittelt werden. Große Betriebe hatten ihre eigenen Lehrwerkstätten. Die Kreuzberger Jugendnoteinsatz-Werkstätten wurden der Jugendaufbauhilfe übergeben, in denen nur noch einige wenige, schwer vermittelbare Jugendliche arbeiteten. Die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders hatte begonnen. <br>

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