Kreuzberger Chronik
Dez. 2002/Jan. 2003 - Ausgabe 43

Die Reportage

»Bürger richten ihr Museum ein!«


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von Detlef Krenz

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So könnte der Untertitel zu einer Ausstellung, die anläßlich der »Langen Nacht der Museen« am 25. Januar 2003 im Kreuzberg Museum eröffnet werden wird, lauten: »Bürger richten ihr Museum ein!« Doch dieser Satz war es nicht, der Daniel F. ins Auge stach, als er das Faltblatt aufblätterte, das seine Freundin Eveline bei ihrem letzten Besuch vergessen hatte. Nein, es war der »Treff der Mediengestaltergruppe«. Dort wurde die kostenlose Einführung in die Benutzung des Photoshop offeriert.

Denn Eveline hatte ihm zum Geburtstag einen Computer geschenkt. Ein tolles Gerät, mit 256 MB DDR-Ram und 1,3 Ghz. Aber was immer diese Zahlenwerte auch bedeuten mochten, das Ding machte was her. Vor allem wenn man im Internet war. Ein Klick, und man konnte auf eine knüppelvolle Stadtautobahn in San Francisco blicken oder auf eine menschenleere verschneite Straße in Nordfinnland. Nur: Je länger die 1,3 Ghz vor sich hin surrten, fragte sich Daniel F., was er mit diesem hellgrauen Blechkasten unter seinem Schreibtisch eigentlich anfangen sollte.

Und da kam dieses Angebot gerade recht: Photoshop! Das hatte er auf seinem Rechner. Außerdem war Daniel F. Kreuzberger. Zwar kein geborener, aber ein alteingesessener. Über 20 Jahre wohnte er in »10997«. Dann zog er nach »10965« um. Also fuhr er zum Kottbusser Tor ins Kreuzberger Heimatmuseum, von wo aus man die Bürger per Faltblatt zur Mitarbeit am Museumsprojekt aufgerufen hatte.

Modell Kreuzberg
Das Modell: Fotografien auf Pappkartons Foto: Michael Hughes

Ganz nette Leute waren da im dritten Stock um den großen Tisch versammelt. Einige waren Fotografen, andere Mediengestalter, andere Architekten. Manche waren nur sie selber. Dafür hatten sie einiges in Kreuzberg erlebt. Das hatte Daniel auch. Als er sie so reden hörte, sah er sich plötzlich im SO36 wieder: Am 13. August 1978, dem Eröffnungsabend, und im inneren Ohr hörte er die PVC spielen. Das waren Zeiten gewesen! Und hier saßen tatsächlich welche rum, die damals auch dabei waren.

Also ließ sich Daniel F. den Scanner erklären. Er legte ein Bild auf die Glasplatte, klickte mit der Maus, und schon war die goldene Abrißbirne auf dem Bildschirm. Fotos aus der Hausbesetzerzeit, oder Serien vom Abriß in der Reichenberger-, der Kottbusser-, der Admiralstraße. Aufnahmen aus den fünfziger Jahren: das Modehaus Inge, dessen Chefin ein ziemlich strenges Kostüm trug. Eine Bäckerei am Oranienplatz namens Kuchen-Kaiser, über die Grenzen von Kreuzberg hinaus bekannt. Das Restaurant Italia in der Skalitzer Straße mit den malerischen Typen an den Tischen. Viele Jahre später gastierte an der gleichen Stelle ein Grieche, heute lädt ein Inder zum Essen. Bilder im Zeitraffer. Daniel F. fand Photoshop schon um einiges interessanter als zuvor.

Dem ersten Treffen der unprofessionellen Ausstellungsmacher folgte ein zweites und ein drittes. Arbeitsgruppen wurden gebildet. Da waren die Schreiber, die im Rahmen der Schreibwerkstatt Wortfunken Texte verfaßten. Da waren die Visionäre, Studenten von der Uni Potsdam. Sie wollten ein 3D-Modell vom NKZ, dem grauen Baublock, der das Rund vom Kottbusser Tor halbseitig umschließt, im Computer entwerfen und ihren Vorstellungen entsprechend abändern. Und da waren die Fotografen. Einige von ihnen begannen, den Abschnitt der Oranienstraße vom Heinrichplatz bis zum Oranienplatz Haus für Haus abzulichten. Den Fassaden folgten dreidimensionale Fotografien der Bewohner in ihren Wohnungen, oder der Geschäfte im Erdgeschoß. Die Kreuzberger waren auch zu Interviews bereit. Die so entstandenen Tondokumente werden die Bilder der Ausstellung ergänzen.

Im Kreuzberg Museum beschreibt man das Stadtviertel noch gern mit den Mitteln der fünfziger Jahre: dem Tonband und der fotografischen Aufnahme. Doch im Zeitalter der digitalen Fotografie werden auch sogenannte »Panoramen« sichtbar: virtuelle Drehungen um das Kottbusser Tor und um den Heinrichplatz. Mit der Computer-Maus wird man durch den U-Bahnhof schreiten oder die Rolltreppe zum Kotti hinauffahren, Einblicke in die Moschee am Kottbusser Tor gewinnen oder die Synagoge am Fraenkelufer besuchen.

So prägt auch moderne Technik den Charakter dieser Ausstellung. Doch ohne die Leidenschaft der alten Sammler wäre sie kaum zustandegekommen. Sie sind es gewesen, die Bewohner und Geschäftsleute befragten oder in den Archiven kramten, die von irgendwoher Devotionalien wie einen Zimmerspringbrunnen ausgruben. Der Zimmerspringbrunnen, ein Kleinod aus den fünfziger Jahren, wurde einst in einem Betrieb in der Oranienstraße hergestellt. Lange vergessene Konzert-Plakate aus dem SO36 tauchen auf, Rechnungszettel, Flugblätter … – lauter liebevoll zusammengetragene Details, Sammelsurien Kreuzberger Nostalgiker, die nur ein Thema haben: Kreuzberg in all seiner Vielfalt zu zeigen.

Kellerwohnung 1908
Kellerwohnung in der Sorauer Straße, 1908 Foto: Rathausarchiv Berlin-Charlottenburg

Dennoch liegt der Schwerpunkt der Ausstellung auf dem Kottbusser Tor. Sämtliche Häuser des Kiezes mit ihren Fassaden, Seitenflügeln und Hinterhöfen, in den Achtzigern fotografiert, wurden auf kleine Holzmodelle geklebt. Restauriert, aktualisiert und durch kleine Schubladen erweitert ist dieses Bildnis Kreuzbergs der Blickfang der Ausstellung. In den Schubladen liegen die Kopien dazugehöriger Dokumente, die sich mit den jeweiligen Häusern beschäftigen.

Fast die gesamte Fläche des Kreuzberg Museums, insgesamt drei Stockwerke, wird die Ausstellung in Anspruch nehmen. Mit dem Bau wurde eine Firma beauftragt, eine Architektin koordiniert die Arbeiten. Doch ohne die Zusammenarbeit des Quartiersmanagement mit dem Kreuzberg Museum hätte die Ausstellung der Kreuzberger Bürgerinnen und Bürger nicht realisiert werden können. Denn das Quartiersmanagement war es, das die finanziellen Mittel für das aufwendige Projekt beim Sparsenat lockern konnte.

Daniel F. schwirrte inzwischen der Kopf von den vielen Fakten rund um das Projekt. Immerhin: Photoshop war ihm inzwischen vertraut. »Freistellen« und »Unscharf Maskieren« – alles kein Problem mehr. Doch da es ohne Vergangenheit keine Gegenwart und ohne Gegenwart keine Vergangenheit gibt, und da der Schwerpunkt der Ausstellung auf der Nachkriegszeit liegen sollte, begann sich auch der zeitgemäße Daniel F. für die Kreuzberger Geschichte zu interessieren: Woher kam eigentlich der Name »Kottbusser Tor«? Seit wann gab es Kreuzberg überhaupt als Bezirk?

Wohnung NKZ 2002
Wohnzimmer im »Zentrum Kreuzberg« am Kottbusser Tor, 2002 Foto: Isabella Scheel


Antworten auf diese Fragen gibt der interaktive Stadtplan und das »Zeitenmenü«. Beim interaktiven Stadtplan geht der Kreuzberg-Besucher von einer Kugelprojektion aus in die einzelnen Straßen der umliegenden Häuserblocks des Neuen Zentrums. So, wie der Besucher beim Modell einzelne Schubladen öffnet, um Einblicke in alte Dokumente zu erhalten, kann er nun auf dem interaktiven Stadtplan mit der Maus in einzelne Häuser spazieren, sich in den Wohnungen umschauen und Interviews mit Bewohnern hören.

Die »Zeitenmenüs« wiederum wenden sich einzelnen Themen zu: den Hausbesetzungen, den Demonstrationen am 1. Mai, aber auch den aussterbenden Handwerkerberufen, den vergangenen Kneipen und den berühmten Veranstaltungen im Stadtteil Kreuzberg, wie zum Beispiel den Kreuzberger Festlichen Tagen. Der interaktive Stadtplan ist eine touristische Führung, und das »Zeitenmenü« die Dokumentation dazu – ergänzt durch 3-D-Fotografien und die Panoramen.

Das Projekt ist eine aufwendige Kooperation vieler einzelner, eine Arbeit von Schreibern, Fotografen, Multimediatechnikern und Sammlernaturen. Doch neben ihnen gibt es die sogenannten »Satelliten«: Künstler, die das Bild Kreuzbergs in die Öffentlichkeit transportierten. Die Band Ton, Steine, Scherben zum Beispiel. Sie hat nichts mit dem Kottbusser Tor zu tun, doch um so mehr mit Kreuzberg. Im zweiten Stock des Museums ist ein Kubus aufgebaut, auf den Dias und Filme zum Thema Scherben projiziert werden. Im Kubus selbst Porträts und Informationsmaterial. Externe Gruppen von FU und HU haben es zusammengetragen.

»Bürger richten ihr Museum ein« ist ein gelungenes Projekt. Und die Ausstellung mit dem Titel »Berlin – Kottbusser am Tor« ist eine interessante Ausstellung. Auch wenn viele der Ideen – aufgrund von Sparmaßnahmen – am Ende doch auf der Strecke bleiben mußten: eine Modell-U-Bahn, die über den Köpfen der Besucher kreisen sollte, eine Dokumentation über die Eröffnung des SO36 am 13. August 1978 …

Daniel F. war gekommen, um dem sinnlosen Surren seines Computers etwas entgegenzusetzen. Er wollte sich weiterbilden, wollte schritthalten mit dem rasanten Lauf der Zeit. Sich nachrüsten wie seinen Computer. Aber wenn Daniel F. heute durch die Dresdner Straße läuft, dann sieht er die gemütlichen, alten Automobile und die Pferdefuhrwerke, die sich durch die belebte Straße drängen, bevor der Krieg, die Mauer und der Bau des NKZ die Verkehrsschlagader in eine Sackgasse verwandelten. Oder er sieht das Kaufhaus Heitinger am Oranienplatz, auf dessen Schaufenster ein einziges, aber tödliches Wort geschmiert worden war: »Jude!« Heute bietet der »Milchladen« an gleicher Stelle biologische Produkte an …

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